Sei der Erste oder sei der Beste. Wenn du weder das Eine, noch das Andere zu bieten hast, hast du ein Problem. Kein Mensch wartet auf Mittelmaß!
Oder wann habt Ihr in der Kaffeeküche das letzte Mal den Satz gehört: „Du, gestern habe ich eine Serie gesehen, die war echt unglaublich mittelmäßig!“. Im Netz findet „geht so“ nicht statt. Mittelmaß wird durch Suchfilter und das Fehlen von Likes von vorne herein ausgeblendet. Anders ausgedrückt: Mittelmaß ist der kleine Bruder von nett.
ich möchte gerne auf die mir eigene mittelmässige art antworten. ich bin ein grosser fan von mittelguten fernsehserien. es gibt nämlich sehr gute mittelmässige fernsehserien. das ist auch relativ logisch, weil es natürlich nicht nur spitzen qualitätsfernsehserien geben kann. davon gibt es zwar einiges, ich freue mich zum beispiel sehr auf die neue staffel house of cards auf netflix und sehe mir ebendort auch sehr gerne better call saul an. aber eben nicht nur.
eine meiner derzeitigen lieblings mittelguten serien, person of interest, wird in der aktuellen 4 staffel 22 folgen haben, vorherige staffeln hatten je 23 folgen pro saison. das ist eine menge, zum beispiel im vergleich mit better call saul, das in der ersten staffel nur 10 folgen haben wird. eine andere mittelgute fernsehserie, die ich sehr gerne sehe, heisst Agents of S.H.I.E.L.D.. auch sie hat 22 folgen pro staffel.
mittelgute fernsehserien haben nicht immer die finesse, die finanziellen mittel und die produktionszeit von spitzenserien und müssen bei der produktion jede menge kompromisse eingehen. da muss sich das roosevelt island in new york schon mal als berlin verkleiden. oder man teilt sich drehorte in und um los angeles die günstig zu mieten sind mit anderen serien. aber um auf richard gutjahrs frage zurückzukommen: ja, mittelmass, gut gemachte mittelmässige fernsehserien, sind gerade der heisse scheiss. ich erzähle in unserer kaffeeküche ständig von mittelguten fernsehserien.
es gibt natürlich ein paar ausreisser nach oben, wie breaking bad, vor vielen jahren the wire oder the west wing oder aktuell die grandiosen serien broad church, homeland, fargo und the good wife. game of thrones mag 18 millionen zuschauer pro folge haben, aber person of interest hat ebenfalls um die 10 millionen zuschauer pro folge (das sehr mittelmässige NCIS und seine ableger kommen auf 16 bis 17 millionen).
mittelmass findet im fernsehen (und im netz) auf sehr breiter basis statt. allein, dass es diese webseite seit fast 12 jahren gibt ist beweis genug, dass mittelmass ganz gut funktioniert — aber vor allem aufmerksamkeit generieren kann.
Futter gibt es nicht nur ganz vorne. Tu das was du kannst und magst, versuche Leidenschaft für das was du tust zu entwickeln, aber lass dich nicht vom Ehrgeiz zerfressen. In der Ruhe liegt mehr Kraft als du denkst, bleib in Bewegung, aber werde nicht hektisch. Gehe nicht joggen oder sprinten, sondern auf ausgiebige Spaziergänge. Lerne von den Ersten und Besten, aber äffe sie nicht nach.
johnny haeusler hat auf wired.de nochmal seine empfehlung an verlage ihre websites zu schliessen nachdiffenziert. unter anderem schrob er:
Felix Schwenzel schreibt in seiner Replik auf meinen Text: „Ich halte die Idee, dass News-Outlets auf eigene Webseiten verzichten sollten, weil sie dorthin gehen sollten, wo die Leute sind, für Quatsch. Das ist ein bisschen so wie zu sagen: Wer abends ausgeht um zu trinken, Leute kennenzulernen oder abzuschleppen, sollte vorher seine Wohnung kündigen."
Ich würde den Vergleich anders formulieren: Wer abends ein Bier trinken gehen will, geht nicht in die Brauerei, sondern in ein Lokal seiner Wahl. Dort gibt es Biere verschiedener Marken, von denen keine auf die Idee kommen würde, eine eigene Kneipe zu eröffnen.
mir ist auch noch ein beispiel eingefallen: apple hat vor 10 jahren auch jeder berater davon abgeraten eigene stores zu betreiben. das sei wahnsinn und zum scheitern verurteilt: „lass die verteilung mal von den verteilungsprofis machen, nur die sind da wo die menschen sind und nur so lässt sich hohes vertriebsvolumen erzeugen.“
in der realität hat sich aber gezeigt, dass apple beides hinbekommen hat, die leute zu sich zu holen und dahin zu gehen wo sie sind. neuerdings sind die berater auf dem standpunkt, dass jede marke die was von sich hält, auch eigene stores haben sollte. bei microsoft in berlin sogar mit angeschlossener gastronomie.
jetzt kann man natürlich sagen: ja-haaa, das was apple sich leisten kann, kann sich sonst kaum einer leisten und ausserdem hat apple produkte, die jeder haben will. was dann wieder die frage aufwirft: vielleicht stimmt mit den produkten der verlage was nicht, dass die denen niemand aus der hand reisst? vielleicht sollte man eher an der zielgruppen-akzeptanz und -kompatibilität als den vertriebskanälen drehen? und: geht da überhaupt noch jemand von den jungen leuten hin, in kneipen?
und in der gastronomie findet man so viele vertriebs- und geschäftmodelle, dass man wahrscheinlich für jede these der welt ein beispiel finden kann: brauereien als verlage, kneipen als buchhändler und amazon als allesfressender kneipen und brauereifresser. oder die grossen plattformen als systemgastronomie, lebensmittelerzeuger als contenterzeuger, kneipen oder microbrauereien als blogs, kantinen und mensen als spammer, hippe clubs mit strengen zugangskontrollen und verhaltensregeln als snapchat, natriumglutamat als nowthisnews.
unterm strich glaube ich aber, dass wir deshalb so wenige guten antworten auf die verlagskrise haben, weil wir noch nicht die richtigen fragen stellen und zu wenig differenzieren. und wohl auch, weil wir zu sehr mit hinkenden beispielen aus der materiellen welt argumentieren, die in welt der immaterialgüter nicht nur hinken, sondern stolpern.
aldi, netto, lidl, tengelmann benutzen unter anderem auf ihren wurstwaren bezeichnungen wie „gut ponholz“, „mühlenhof“ oder „gut drei eichen“. die höfe oder güter gibt's natürlich nicht, die namen sind erfunden und sollen ein gutes gefühl beim konsumenten hervorrufen, wie aldi-nord dem ARD-magazin plusminus (link zum youtube-mitschnitt der sendung) auf anfrage antwortete:
Darüber hinaus wollen Verbraucher auch emotional angesprochen werden. Dies wird durch Markennamen und/oder Wort-Bild-Marken, die einen emotionalen Bezugsrahmen bilden, gewährleistet. — Aldi Nord
ganz abgesehen davon, dass man sich als konsument von solchen aussagen und solchen marketingmassnahmen (natürlich) verschaukelt vorkommt, ist es vielleicht an der zeit zuzugeben, dass werbung einfach funktioniert. nicht jede werbung bei jedem, aber bei jedem irgendeine werbung.
ich würde bei aldi auch sachen kaufen die doof aussehen oder mich emotional nicht ansprechen, vor allem weil ich aldi bei der qualtät vertraue. soweit ich weiss hat aldi ein sehr ausgefeiltes qualitätskontrollsystem. deshalb würde ich natürlich auch salami bei aldi kaufen, auf der lediglich das wort salami stehen würde, ganz ohne landleben oder wohlfühlillustrationen. ich muss aber zugeben, dass ich natürlich eher geneigt bin neue produkte auszuprobieren, wenn sie mir gefallen, also einen „emotionalen Bezugsrahmen“ vorgeben.
und wo die aldisprecherin auch recht hat: wir wollen auf unserer wurst keine hinweise auf massentierhaltung oder industrielle produktion haben. wir wollen unsere produkte frisch, in bester qualität und möglichst billig haben. wir alle wissen (oder sollten wissen), dass das ohne eine effektive semi-industrielle herstellungsweise nicht zu machen ist. deshalb freuen wir uns, wenn uns das marketing davon abhält zu sehr über die herkunft der waren nachzudenken , die wir natürlich in erster linie sehr günstig kaufen wollen. und wenn uns jemand drauf hinweist, dass wir hier verschaukelt werden, können wir uns herrlich über andere als uns selbst aufregen, obwohl wir das spiel seit jahren oder jahrzehnten mitspielen.
es gibt aber noch ein problem: . das kann man sehr schön an der berliner biermarke „bier“ sehen. die verkauft bier mit einem etikett auf dem das wort „bier“ und die füllmenge stehen. die marke tut so als komme sie ohne werbung aus und schreibt zum beispiel auf („bier“-) werbeplakate warnhinweise, dass werbung täuschen und verführen könne, man solle sich doch mal seine eigene meinung bilden (aus dem gedächnis zitiert. an dem werbe-plakat bin ich heute zu achtlos vorbeigegangen, um es zu fotografieren):
Werbung beeinflusst Dein Kosumverhalten. Triff Deine Kaufentscheidung bewusst!
das gleiche gilt für die rewe-marke ja!. die inszeniert sich selbst als eine marke die so preisgünstig und sparsam ist, dass sie auf werbung verzichten kann. trotzdem ist sie mit einigem an aufwand so wiedererkennbar und stringent gestaltet, dass sie sogar soetwas wie einen kultstatus erreicht hat. real,- versucht ähnliches mit seiner neuen marketingmarke „ohne teuer“ (siehe auch peer schaders artikel über die neue real-marke):
Um Ihnen ausgewählte Produkte zu einer Top-Preisleistung anbieten zu können, haben wir bei unserer Marke auf jeden Schnickschnack verzichtet. Sogar auf den Namen.
auf dem wochenmarkt oder bei uns um die ecke beim bauern-direktverkauf ist das übrigens auch nicht anders. nur wird dort wieder anders geworben.
jan böhmermann (der alte youtuber) hat mal wieder irgendwas über youtuber und deren vermarkter oder die vermarktungsnetzwerke oder authentizität gesagt (video davon). ich fand das eher so mäh, weil ich das gefühl hatte, dass die tritte etwas zu wahllos in alle richtungen gingen, auch in richtung nach unten.
christian fischer fand das stück wohl auch etwas mäh und hat darüber was geschrieben, was sich ein bisschen so anhört wie: och das war doch schon immer so:
Eigentlich wiederholen sich die Dinge nur.
dem kann ich natürlich nicht widersprechen. wobei ich nicht genau verstehe ob das bedeuten soll, kritik an dingen die es schon immer gab sei ordentlicher zu differenzieren oder gleich ganz zu lassen. dem text kann ich das nicht entnehmen. ebenso wenig kann ich diesem satz eine bedeutung entnehmen:
Im Bereich der sogenannten „alten Medien" hat Jan Böhmermann, der ja jetzt im ZDF und damit im Establishment angekommen ist, die Rolle des Aufklärers übernommen.
wenn man im ZDF eine sendung hat, gehört man zum establishment? oder umgekehrt, wenn man zum establishment gehört, kommt man ins ZDF? überhaupt, was ist das überhaupt, dieses establishment? mal nachschlagen:
der duden meint der begriff würde abwertend genutzt um eine „etablierte bürgerliche Gesellschaft, die auf Erhaltung des Status quo bedacht“ sei zu bezeichnen. der begriff würde ausserdem eine „Oberschicht“ aus „politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich einflussreichen Personen“ bezeichnen.
ich möchte ja sehr bezweifeln, dass sich aus einer sendung im ZDF zwangsläufig politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher einfluss ergeben. theoretisch müsste dann auch sascha hehn auf irgendetwas einfluss haben (eine vorstellung die mich irritiert). genaugenommen müsste dann sogar der pumuckl (auch wenn der in der ARD auftrat) zum establishment gehören.
aber wahrscheinlich hat christian fischer die establishmentisierung von böhmermann in seinem „Fachmagazin für differenzierte Betrachtungsweisen“ gar nicht differenzierend gemeint, sondern einfach nur abwertend. wobei ich ja heftig dafür plädiere differenzierung nicht nur beim aufklären, präzisieren oder relativieren anzuwenden, sondern erst recht beim abwerten oder beleidigen von leuten.
also, bitte: mehr liebe und mühe in beleidigungen stecken.
vor ein paar wochen las ich mal wieder über die aeropress-kaffeemaschine und entschied mich, das ding mal auszuprobieren. für knapp 25 euro kann man da ja nicht viel falsch machen, dachte ich. zuhause hatten wir noch ein paket dallmayr prodomo mit einer geschenkschleife im schrank stehen. muss irgendwann mal jemand mitgebracht haben. der erste kaffee den ich mit der aeropress aus dem dallmayr prodomo presste, knallte wie ein abendlicher restaurant-espresso. der geschmack war stark, ohne echten espresso-geschmack, aber auch völlig ohne bitterstoffe — allerdings auch ohne crema. zu meinem geburtstag bekam ich von der beifahrerin und dem kind eine elektrische kaffeemühle und ein kilo faire bio-kaffeebohnen aus guatemala geschenkt. wenn ich diese bohnen ganz fein mahle, bilde ich mir ein, dass der kaffee aus der aeropress eine leichte kakao-note bekommt. er ist weiterhin stark und nicht bitter und ohne das typische espresso-röstaroma. aber köstlich. die zubereitung ist etwas komplexer als mit der nespresso-maschine, aber ich trinke ihn ähnlich: eine tasse, die mit ⅔ milch gefüllt ist, erwärme ich 30 sekunden in der mikrowelle und kippe dann die hälfte des kaffeeextrakts, dass aus zweieinhalb grossen kaffeelöffeln kaffeepulver und ca. 100 milliliter wasser besteht, dazu.
ich trinke seitdem ich die aeropress habe immer noch jeden tag aerogepressten kaffee und bin rundum zufrieden mit dem teil. bei unserer newy-york-reise habe ich für 2 oder 3 dollar ein paar hundert neue papierfilter gekauft, neben kaffeepulver und wasser gibt’s keine weiteren wartungskosten für die aeropress. ich würde das ding jederzeit wieder kaufen.
was mich besonders freut, war die mail eines freundes heute früh:
… eigentlich muss ich taeglich an Dich denken … ich hab mir seit deiner Wirres-Review die Aeropress gekauft und liebe sie. Best purchase ever!
ich kann wirklich empfehlen das teil mal auszuprobieren, für knapp 30 euro kann man fast nichts falsch machen: [amazon-werbelink] aeropress bei amazon kaufen.
konnte diesen text von johnny haeusler nicht zuende lesen, weil wired.de just in dem moment die website schloss. hab ihn dann auf snapchat zuende gelesen.
aber mal im ernst und mit verlaub: ich halte die idee, dass news-outlets auf eigene webseiten verzichten sollten, weil sie dorthin gehen sollten, wo die leute sind, für quatsch. das ist ein bisschen so wie zu sagen: wer abends ausgeht um zu trinken, leute kennenzulernen oder abzuschleppen sollte vorher seine wohnung kündigen. auch die christlichen, europäischen missionare und kreuzritter haben nicht ihre klöster und burgen dem erdboden gleichgemacht, bevor sie dahin gegangen sind, „wo die Menschen sind“.
natürlich sollte jeder, der etwas von menschen will, dorthin gehen, wo die menschen sind. natürlich sollte man darüber nachdenken, ob man ständig versuchen sollte, die menschen von dort wo sie sind zu sich nachhause zu locken. natürlich sollte man auch radikale ideen ausprobieren, so wie nowthisnews.com das macht — oder versuchen aus solchen experiementen zu lernen.
mich erinnert das auch ein bisschen an die gute alte push vs. pull debatte zur jahrtausendwende (1997). da wurde von der (amerikanischen) wired das web, bzw. der browser, erstmals für tot erklärt und die belästigung (push) mit „nachrichten“ schöngeredet. 2010 dann der erneute versuch der (amerikanischen) wired das web totzureden: „The Web Is Dead. Long Live the Internet“.
klar sollen leute die etwas zu sagen haben (nachrichten-organisationen, werber, PRler, missionare) dahin gehen wo die menschen sind. aber sie sollten auch wissen, dass es nicht jeder mag wenn man ständig vor deren gesichtsfeld tanzt, springt und aufmerksamkeit zu erheischen versucht. kommunikation ist vielschichtig und kompliziert. man braucht feingliedrige und sensible werkzeuge dafür. aber nachrichten-outlets zu empfehlen mit dem bulldozer zu arbeiten und alles alte abzureissen, halte ich für einen fehler — oder zumindest für übertrieben.
was man auch bedenken sollte: verlage und news-outlets sind wie sportler: sehr verschieden, sehr unterschiedlich spezialisiert. der trainingsplan für einen 100 meter sprinter muss nicht unbedingt optimal für den gewichtheber oder langstreckenschwimmer sein.
ich bin zwar in aachen aufgewachsen, mochte printen, die aachener lebkuchenvariante, aber nie. zu hart, zu würzig, zu WTF. zum letzten weihnachten haben meine eltern uns wieder ein paar printen in unser reiseproviant gelegt. weil sie der beifahrerin ganz offensichtich sehr gut schmeckten, habe ich mich nach jahren der abstinenz überwunden und auch nochmal probiert. die printen waren zwar etwas fester als zum beispiel die aldi-lebkuchen, aber lange nicht so steinhart wie ich mich errinnere. und auch die würzung fand ich nicht mehr so unangenehm dominant wie ich sie in erinnerung hatte. wir fanden die printen so lecker, dass wir im januar meine eltern gebeten haben, uns die übriggebliebenn weihnachtsprinten nach berlin zu schicken.
so ähnlich erging es mir übrigens mit indischem essen. ich mochte bis vor ein paar jahren die meisten gewürze in indischem essen nicht. teilweise wurde mir von indischem essen sogar ein bisschen flau. das änderte sich vor ein paar jahren, als ich die ersten rezepte von aus dem asiatisch, pazifischen, indischen oder mittel-östlichen raum ausprobierte (und zum beispiel ottolenghi nachkochte). plötzlich konnte ich im essen auch koriander, koriandersamen, piment oder anisnoten tolerieren und schätzen. vielleicht hat es auch mit tim mälzer angefangen, der mir (im fernsehen) beibrachte zimt an kohl zu machen oder kümmel nochmal ne chance zu geben. ingwer habe ich jahrelang gehasst, jetzt liebe ich ingwer.
ich glaube an gewürze und geschmäcke kann man sich gewöhnen, auch wenn es manchmal zeit oder überwindung kostet. aber, ähnlich wie beim design, stecken hinter vielen geschmäcken und aromen die man anfangs gar nicht mag oft überragende qualitäten. beim bier kennt das jeder: bitterkeit, fremdheit oder irritierende vielschichtigkeit zu überwinden und schätzen zu lernen geht mit ein bisschen experimentierwillen oder abenteuerlust. ich glaube das könnte man auch ganz gut verallgemeinern und auf alle lebensbereiche ausdehnen. mach ich jetzt aber nicht.
apropos experimentieren. ein paar rezepte von ottolenghi waren in den letzten wochen ziemliche reinfälle. eine der auberginensuppen, die ich nach seinem rezept gekocht habe, sah aus wie kotze und hatte auch die konsistenz davon. ich hätte das natürlich ahnen können, weil die schaumig-fasrige konsistenz von auberginen alle meine warnlampen angehen lässt. wie erdbeeren. der reine geschmack von auberginen oder erdbeeren stört mich nicht, aber die konsistenz löst bei mir ekel aus. ich vermute auch, dass sich das, anders als beim geschmack, nicht mehr ändern wird. bei geschmack können wir uns umgewöhnen und umlernen, bei der konsistenz wohl nicht. also ich zumindest nicht.
heute gabs gefüllte quitten. bei der ankündigung unserer essensplanung hat uns das kind beinahe vor wut geschlagen. weil die quitten aber mit (lamm) hackfleisch gefüllt waren, akzeptierte das kind das essen widerwillig. heike von au hat das rezept auch mal nachgekocht, fand die farbe der sosse aber unbefriedigend und schlug vor, die sosse mit kurkuma zu färben und würzen und die gefüllten quitten im ofen zu garen, statt im topf. so habe ich das dann auch gemacht. die passierte sosse war dann schön fruchtlastig und lecker, aber die unpassierten, ganzen quitten mochte ich dann auch nicht. weder die konsistenz, noch den geschmack.
das gleiche galt für das „muhallabieh“, einen nahöstlichen milchpudding den ich gestern nachgekocht habe. zuerst dachte ich zufällig das rezept für slime entdeckt zu haben, aber ich fand heraus, dass das nicht aus stärke und milch, sondern aus natriumtetraborat und alkohol hergestellt wird, hier das rezept.
apropos chemie (und eigentlich auch physik): heute wurde bei der sendung mit der maus die herstellung von glimmerbasierten perlglanzpigmenten erklärt. also eigentlich die herstellung von nagellack oder lippenstift. die sachgeschichte habe ich noch nicht einzeln gefunden, aber die sendung selbst ist jetzt eine woche online.
in der sendung wurde die herstellung der perlglanzpigmente mit legosteinen erklärt. ein kleingemahlendenes glimmerplättchen wurde als eine legosteinwürfel gezeigt, auf dass sich „flöckchen“ legen würden, also hier legoplättchen, die eine schicht rund um das glimmerplättchen bilden würden.
wenn man dann „länger wartet“, erzählte armin maiwald, dann bilde sich „ne zweite schicht“ und zwar mit ner anderen farbe.
mir war beim gucken dann klar, dass diese unterschiedlichen farben was mit lichtbrechung und interferenzen zu tun haben müssten und habe nach der sendung nach „glimmer“ und „pigmente“ gegoogelt. in einer ausgabe von spektrum der wissenschaft von 1997 findet sich tatsächlich ein ziemlich guter artikel über perlglanzpigmente. der text von gerhard pfaff benötigt ein bisschen chemisches und physikalisches grundwissen, ist aber ganz gut verständlich — und wie ich finde, total faszinierend.
Glimmerplättchen kann man mit einer Reihe weiterer Verbindungen umhüllen, um neue koloristische Variationen zu erzeugen. Festkörper-Reaktionen und der CVD-Prozeß erweitern die Synthesemöglichkeiten.
Glimmer läßt sich auch mit Metallen wie Silber und Gold beschichten. Dazu löst man Metallsalze in Glimmersuspensionen; bei Zusatz von Reduktionsmitteln scheidet sich das Metall auf den Partikeln in Form dünner Schichten ab. Man erhält so Pigmente, die preisgünstiger als reine Plättchen aus Gold oder Silber sind, aber eine vergleichbare Optik aufweisen.
vor ner weile habe ich mich darüber aufgeregt, dass spiegel-online browser ohne installiertes flash brüsk abweist und eine kaputte fehlermeldung, statt eines mp4-ersatzfilms anzeigt. versucht man videos auf spiegel.de mit einem flashlosen safari auf einem ipad oder iphone aufzurufen, funktioniert alles ganz prima.
der (sich selbst so nennende) spiegel online mobil-minister matthias streitz meint, einen „lösung“ für flashlose browser zu finden könne „(leider) dauern, weil viele Seiten sich abstimmen“ müssten.
heute bin ich über diesen artikel drauf gekommen, dass man sich auch selbst helfen kann und mit einer änderung des „user agents“ spiegel.de vorgaukeln kann, ein ipad zu benutzen. dann bekommt man statt dieses anblicks:
diesen anblick:
um den user agent umzustellen muss man im safari allerdings erst das entwickler-menü freischalten, dann woraufhin man dann so tun kann, als ob man ein ipad hätte. das müsste auch mit anderen seiten funktionieren.
[nachtrag]
sieht gut aus, funktioniert aber nur so halb, weil die bedienelemente offenbar nicht korrekt auf klicks sondern (vermutlich) nur auf touch reagieren. mit der space-taste kann man die videos aber abspielen.
ich hab mir gestern das neo magazin royale angeguckt. auf dem handy, am frühen abend.
auf dem fernseher und spät nachts, habe ich mir „late night fernsehen“ zuletzt, glaube ich, zu harald-schmidt-zeiten angesehen. das hört sich zunächst mal vollkommen egal an, zeigt aber eine ungereimtheit mit der sich alle late night shows rumplagen: sie werden spät nachts ausgestrahlt, david letterman, jimmy fallon oder jimmy kimmel zum beispiel gegen halb zwölf. im anschluss, gegen halb eins laufen dann noch later shows, wie die von craig ferguson (bis ende 2014) oder seth meyers. die shows werden aber alle am nachmittag aufgezeichnet (auch jimmy kimmel live). craig ferguson hat auch mitunter an einem tag gleich zwei shows aufgezeichnet, die dann an verschiedenen tagen versendet wurden. angesehen werden die shows dann aber nicht nur zur sendezeit, sondern dank sendungs-mediatheken, hulu, youtube oder anderer anbieter eben irgendwann.
man kann also sagen: late night talk shows sind nachmittagssendungen, die spät abends ausgestrahlt werden und irgendwann gesehen werden.
die amerikanischen late night shows dauern ungefähr eine stunde. allerdings ist jeweils ungefähr eine viertel stunde davon werbung. bleibt also jeweils ne knappe dreiviertel stunde sendezeit. die meisten late night shows sind identisch strukturiert: am anfang ein standup, in dem der moderator ein paar witze erzählt oder sich mit seinem sidekick unterhält, oft unterbrochen von kleinen einspielfilmen. danach, nach einer werbepause, ein bisschen plauderei am schreibtisch, oft mit gags oder spielchen, die nicht im stehen funktionieren, wie leserpost vorlesen oder schreiben oder kleinen inszenierungen oder sketchen. danach, wieder nach einer werbepause, der erste gast, nach einer weiteren werbepause der zweite gast, und wenn nach der letzten werbepause noch zeit ist, manchmal noch live-musik. böhmermann hat das ein bisschen gestrafft und zeigt nur ein segment mit gästen, so dass er gut mit einer halben stunde auskommt. die harald schmidt show in der ARD war zwischenzeitlich mal auf vierzig minuten angesetzt, was mir immer viel zu lang vorkam. die 30 minuten die böhmermann für seine sendung hat, kommen mir sehr adäquat vor.
das format von late night shows ist (in amerika) im prinzip total ausgelutscht. late night shows laufen seit vielen jahrzehnten im amerikanischen fernsehen, auf manchen sendern zwei pro abend, die meisten grossen networks haben eigene, pro wochentag laufen derzeit zehn bis zwanzig late night shows. jimmy carson fing mit seiner tonight show 1962 an, seitdem dürften im amerikanischen fernsehen insgesamt so um die hundertausend late night showausgaben produziert worden sein (offenlegung: ich kann nicht besonders gut rechnen, aber okay schätzen). neue late-night-formate wird man heutzutage also eher schwer erfinden können, die amerikaner dürften schon so ziemlich alles ausprobiert haben was geht. so hat auch harald schmidt, als er in SAT1 mit seiner harald schmidt show anfing, erstmal bewährtes übernommen. im prinzip war die harald schmidt show eine gekonnte kopie von david lettermans late show. harald schmidt hat das natürlich nie verheimlicht, sondern ist im gegenteil sogar darauf rumgeritten. in fast jeder sendung war der letterman gast und brachte briefe vorbei, die schmidt dann vorlas. bei böhmermann heisst der letterman jetzt beefträger. das wortspiel erklärt doris akrap in ihrer böhmermanngutfindung auf zeit online. nachdem böhmermann das „beef“ vorgelesen bekommen hat, antwortet er in der sendung natürlich auch, mit exaltierten schreibgesten, und kuschelig-romatischer musik. das wiederum erinnert mich an jimmy fallons (ebenfalls urkomische) thank you notes, hier zum beispiel an academy president cheryl boone isaacs, paddington den bär und benedict cumberbatch, dankenswerterweise mit einer grossen portion fäkalwitzeleien.
auch jan böhmermanns standup kann man als parodie auf die unzähligen grossen und kleinen vorbilder sehen. hände in den hosentaschen, mit gespielter lockerheit und plauderton ein paar vorformulierte gags raushauen, mit dem sidekick reden und am ende mit gespielter euphorie die grossartigen gäste und die tolle show ausrufen. richard weber fand das im tagesspiegel unsouverän:
Wie bei jeder Late-Night-Show kommt jetzt der Stand-Up. Tagesaktualitäten witzig präsentiert. Da zeigt sich, das Böhmermann nicht mal der ganz ganz ganz ganz kleine Bruder von Harald Schmidt ist. Eher der Bruder von Anke Engelke. Stand-Up ist nicht seine Welt. Das Gag-Niveau, höhenmäßig nicht Alpen sondern Berg & Tal. Viel Tal.
ich fand den standup ok, da habe ich schon viel schlimmeres gesehen. böhmermann mit schmidt zu vergleichen ist natürlich unfair, weil schmidt in seiner guten zeit sogar seine amerikanischen vorbilder überflügelt hat und zudem über jahrzehnte überhaupt der einzige deutsche moderator zu sein schien, der vorgefertigte gags vor einer kamera gleichzeitig witzig, lakonisch, distanziert und ungekünstelt abliefern konnte. böhmermann parodiert schmidterman einfach und ist damit auf der sicheren seite. jay lenos standups fand ich übrigens immer grässlich. jeder zweite gag fing mit „hey, have you heard about that …“ und die aufgepumpte jovialität und gute-laune-gymnastik, waren auch nach zwanzig jahren übung und routine unerträglich. böhmermann hat, wie bei fast allem was er tut, bei seinem standup den weg der metaebene gewählt. von dort oben kann man auch mal zwei, drei grottenschlechte gags machen, weil es im prinzip zitate sind. deshalb, wegen der metaebenen, konnte harald schmidt auch polen-witze machen, ohne fremdschäm-attacken zu triggern. und deshalb kann böhmermann auch blöde pädophilen-witze machen.
die einzige amerikanische late night show in der konsequent improvisiert wurde, war craig fergusons late late night show. das funktionierte allerdings auch vor allem deshalb, weil sein sidekick, ein skelett namens geoff peterson, das von josh robert thompson animiert und gesprochen wurde, teilweise noch witziger und spontaner als ferguson selbst war. und wo spontanität und improvisationsgabe fehlen, muss halt gescriptet werden, was völlig ok ist und manchmal auch besser, stringenter und unterhaltsamer. gemeinsam haben böhmermann und ferguson aber offensichtlich ihre tiefe abneigung gegenüber gesprächen mit prominenten. ferguson war stets bemüht, seine gespräche ins absurde abgleiten zu lassen und zu sehen, was passiert. auf den alten showbusiness-deal, ich erzähle ein zwei lustige geschichten und darf dafür werbung für meinen neuen film/buch/sendung machen, wollte sich ferguson nie einlassen. das führte bei nicht wenigen seiner gästen zu offen zur schau gestellter fassungslosigkeit. auf der anderen seite konnte ferguson, wenn ihn sein gegenüber wirklich interessierte, auch die grossartigsten gespräche führen, zum beispiel mit stephen fry oder ricky gervais.
wegen fergusons anarcho-gesprächsführung habe ich auch hoffnung, dass böhmermanns unfähigkeit „wenigstens einmal mit seinen Gästen ein sinnvolles Gespräch aufzubauen“, die christoph behrens in der süddeutschen diagnostizierte, eine ausbaufähige stärke und keine schwäche ist.
im sinne der überschrift hoffe ich, dass böhmermann sich weiter fleissig aus dem late-night-fundus der grossen bedient, zitiert und sich nur in ausnahmefällen von der metaebene entfernt. von mir aus kann das so weitergehen.
natürlich habe ich wieder bis zum letzten tag gewartet, um einen vorschlag für einen vortrag für die republicaeinzureichen. ich habs im januar nicht geschafft, das thema zu etwas sinnvollem oder stringenten zusammendampfen. ich wusste, dass ich im weitesten sinne über medienkompetenz reden wollte und darüber, dass unsere selbstwahrnehmung, persönlich, aber auch gesellschaftlich, eher von wunschvorstellungen, als von distanzierter, nüchterner analyse geprägt ist. das folgende habe ich mir dann am 31. januar aus der nase gezogen und versucht das thema mit buzzwords einzukreisen.
Kognitive Dissonanz
Warum es hilfreich sein könnte, Widersprüche auszuhalten, statt sie aufzulösen
Durch die Vernetzung der Welt nehmen wir plötzlich Gedanken oder Meinungen in einer Vielfalt wahr, die früher nicht so niedrigschwellig zugänglich war. Wie orientieren und positionieren wir uns in einer Welt, die uns lauter, bunter und vielfältiger als jemals zuvor erscheint, aber auch feindseliger und aggressiver als frühere Versionen der Welt?
Sollten wir nicht nur an unserer Medienkompetenz arbeiten, sondern auch an unserer Wahrnehmungskompetenz und der Verarbeitung unserer dissonanten Wahrnehmungen? Hilft uns dabei der gesunde Menschenverstand, und wenn ja, wie und woraus speist und bildet sich in einer vernetzten Welt ein gesunder Menschenverstand? Was ist, wenn es im Sinne des englischen Ausdruck common sense, gar keine gemeinsame Wahrnehmung mehr gibt und damit auch keinen gesunden, sondern nur noch einen pathologischen Menschenverstand?
eine abschließende Bearbeitung Ihres Auftrags ist leider noch nicht möglich. Ihre Angaben zum Anschluss stimmen zum Teil nicht mit den Angaben überein, die bei Ihrem bisherigen Telekommunikationsanbieter hinterlegt sind.
Es ist wichtig, dass Ihre Angaben vollständig mit den bei Ihrem bisherigen Anbieter hinterlegten Anschlussangaben übereinstimmen. Ohne den erfolgreichen Abgleich dieser Daten können wir Ihren Auftrag nicht ausführen. Wir benötigen die Angaben, um Ihren bisherigen Anschluss zu kündigen und Ihre Rufnummern zu O₂ zu übernehmen.
Wir bitten Sie daher um Ihren Rückruf. Geben Sie dabei bitte die im Betreff genannte Kundennummer und das von Ihnen festgelegte Kundenkennwort an. Unter der oben genannten Rufnummer sind wir an 7 Tagen die Woche gerne für Sie da, rund um die Uhr.
Wir freuen uns, dass wir mit Ihrer Hilfe schon bald Ihren O₂ DSL Anschluss für Sie freischalten können.
Freundliche Grüße Ihr O₂ Team
den DSL-auftrag habe ich am 19. august 2014 erteilt. in den ersten vier monaten nach auftragserteilung scheiterte die schaltung offenbar an abteilungsinternen widerständen. der o₂-interne umzug war offenbar eine echte organisatorische herausforderung für o₂. ich rief monatlich dort an, um mich nach dem status meines auftrags zu erkundigen; die antworten waren allerdings immer recht ausweichend, deuteten aber massive o₂-interne kommunikationsprobleme an. vor 14 tagen dann ein kleines wunder: o₂ rief mich an, um mir von sich aus ein status-update zu geben. es habe technische probleme bei der telekom gegeben, die jetzt behoben seien. in wenigen wochen müsste mein auftrag abgeschlossen sein. eine mitarbeiterin von o₂ nannte mir einen zeithorizont von 3 monaten, eine andere war zuversichtlich, dass es schneller gehe als 3 monate, auch wenn sie sich nicht zu weit aus dem fenster lehnen wolle.
jetzt, 2 wochen später, scheint der interne umzug wieder ein thema zu sein, statt gegen die telekom, muss o₂ sich wieder seinem grössten gegner stellen, den eigenen abteilungen.
der mann an der hotline drückte es zunächst beim lesen der einträge in meinem kundenprofil so aus: „oh gott!“
dann, nachdem er sich die einträge vorgelesen hatte, sagte er, das sei jetzt eine sache zwischen „alt-o₂“ und „neu-o₂“ und das schreiben sei automatisch erstellt. das sei „schwachsinn“, würde aber immer verschickt, wenn ein datensatz verworfen würde. der interne wechsel liefe jetzt im hintergrund und das schreiben bräuchte ich nicht zu beachten.
ich bin nach wie vor gespannt was jetzt passiert. in zwei wochen feiert mein unerledigter DSL-auftrag seinen halben geburtstag.
heute wurde im deutschlandradio, im rahmen der reihe „Essay und Diskurs“, mein essay über das internet gesendet. den text habe ich mitte dezember geschrieben und im januar nochmal ein bisschen gekürzt. um den text vorlesbar zu machen (mp3-link), wurde er von der redaktion ein bisschen redigiert und gekürzt, was ihm keinesfalls geschadet hat, ausser das die links weggefallen sind. (in der redaktionell bearbeiteten und vorgelesenen version hat sich ein kitzekleiner fehler eingeschlichen: an einer stelle heisst es „… hat uns nicht gesteigerten Komfort und Geschwindigkeit [gebracht].“ wo es natürlich „… hat uns nicht nur gesteigerten Komfort …“ heissen müsste.)
für mein archiv veröffentliche ich den unredigierten text, so wie ich ihn abgegeben habe, hier nochmal. hier kann, falls bedarf besteht, natürlich auch kommentiert werden.
jan böhmermann hat vor ein paar tagen auf facebook aufgeschrieben dass er und ein bekannter von ihm von einem fotografen abgemahnt wurden, weil sie eins seiner bilder auf twitter verwendet häten.
als ich den artikel auf facebook vor ein paar tagen las, fand ich ihn ziemlich differenziert und ausgewogen. ausgewogen insofern, als sich böhmermann ganz offensichtlich über seine eigene blödheit, die abmahnungen und die gesetzeslage gleichermassen ärgerte. wenn man den artikel sorgfältig liest, merkt man allerdings auch, dass böhmermann keine ahnung vom urheberrecht hat, aber ich möchte mal behaupten das geht ungefähr jedem so, der noch nicht wegen einer urheberrechtsverletzung abgemahnt wurde. den artikel kann man entweder auf facebook lesen oder nicht, ich kenn mich mit diesen privatshäreneinstellungen von facebook nicht aus.
ein paar tage später hat jan böhmermann das bild, für das er und sein bekannter abgemahnt wurden, mit seinem sidekick william cohn nachgestellt:
ich fand und finde das sehr witzig. ich finde aber auch sonst fast alles was jan böhmermann macht witzig.
nicht witzig fand das der fotograf, der die abmahnung gegen böhmermann veranlasst hat. dankenswerterweise hat sebastian baumer ihm die gelegenheit gegeben, sich dazu öffentlich zu äussern. ich finde es gut, auch mal die andere seite der geschichte zu hören, bzw. war gespannt, was der mann zu sagen hatte.
meedia fasst das was der fotograf zu sagen hatte so zusammen:
Martin Langer ist gekränkt, er empfindet das Verhalten des Moderators als rufschädigend. „Weshalb werde ich als Täter dargestellt, wenn ich mich an geltende Gesetze halte?“
abgesehen davon, dass der fotograf eine der interessanteren fragen von böhmermann gar nicht eingeht, nämlich, wie es zum beispiel sein kann, dass sein bekannter, der auf twitter privat und mit weniger als 200 followern unterwegs ist, für die gleiche urheberrechtsverletzung mit dem gleichen streitwert abgemahnt wurde, also abgesehen davon, finde ich die stellungnahme des fotografen wenig hilfreich und auch ein bisschen unlogisch.
der fotograf schreibt unter anderem, dass böhmermann sein „Foto über den Kanal Twitter verbreitet“ habe und dafür eine abmahnung bekommen habe, „da die Nutzung weder abgesprochen noch lizenziert war“. so weit so gut. böhmermann hat diesen sachverhalt auf twitter etwas zugespitzt so zusammengefasst:
Wer das Rostock-Lichtenhagen Foto mit Hitlergruß und zugepisster Jogginghose twittert, wird vom Fotografen Martin Langer abgemahnt! 1000 €!
diesen tweet von böhmermann verlinkt der fotograf mit den worten:
Aber die Person hat sich offenbar so darüber geärgert, beim Bilderklau ertappt worden zu sein, dass sie mich nun öffentlich dafür anprangert und zwar auf verschiedenen Social-Media-Kanälen.
was an dem hinweis, dass der fotograf seine rechte per abmahnung verteidigt, anprangernd sein soll, verstehe ich nicht. böhmermann beschreibt aus meiner sicht exakt das, was der fotograf auch gegenüber meedia sagt:
Auch Privatpersonen dürfen das Bild nicht einfach so öffentlich posten. Das ist doch im Urheberrechtsgesetz sehr anschaulich geregelt. Daran halte ich mich.
und böhmermann weist genau darauf hin.
eigenartig finde ich auch den wiederholten hinweis des fotografen, dass er sich im rahmen des gesetzes bewege und gar nicht verstehe, warum sich da jemand drüber aufregt oder ärgert. ich finde das doppelt erstaunlich, weil der fotograf unter anderem sehr tolle (keine ironie) fotos für greenpeace gemacht hat. greenpeace beschäftigt qua satzung damit, konzerne oder organisationen „anzuprangern“ die in der regel nichts anderes machen, als sich an gesetze zu halten. beispielsweise hielt sich shell vor einigen jahren mit der geplanten versenkung der brent spar auch an alle geltenden gesetze. so wie der fotograf jetzt sagt: „ich habe nichts falsch gemacht“, hat auch shell (anfangs) argumentiert: die versenkung der ölplattform entspreche geltendem recht, wurde jahrelang auf alternativen geprüft und war von den britischen behörden genehmigt.
obwohl shell nichts falsch gemacht hatte, war greenpeace anderer meinung als shell und stellte den konzern „an den pranger“. wie sich später herausstellte teilweise auch mit falschen zahlen. natürlich ist dieser vergleich überzogen und hinkt, aber was ich sagen will: wer sein recht in der öffentlichkeit durchsetzt, kann daran nicht die erwartung von positiver öffentlicher wahrnehmung knüpfen, schon gar nicht, wenn man sich mit einem witzbold (oder mit umweltschützern, bloggern oder querulanten) anlegt. das mit der positiven öffentlichen wahrnehmung kann man allerdings durch geschickte kommunikation hinbekommen — das ist aber (leider) ganz offensichtlich eine grosse schwäche des fotografen, der jan böhmermann von seinem professionellen „rechtsbeistand“ hat abgemahnen lassen, aber auf einen professionellen kommunikationsbeistand verzichtet.
mit dem posten des fotos von böhmermann und cohn begehe ich übrigens auch eine urheberrechtsverletzung. auch das posten von screenshots aus einer fernsehserie dürfte in deutschland nicht ganz unproblematisch sein, trotzdem habe ich es vorgestern getan. auch der betrieb meines reclaim-blogs, dass meine postings und favs und shares und links aus sozialen netzwerken zurück auf meinen server aggregiert, dürfte urheberrechtlich hochproblematisch sein. was ich sagen will: egal ob vollprofi, als freier mitarbeiter beim ZDF oder RBB, als hobby-blogger mit kommerziellen einspregseln: in urheberrechtliche fallen tappen wir alle, immer wieder. wenn man einfach sagt, der böhmermann ist zu blöd und sollte als profi alles übers urheberecht wissen, macht man es sich zu einfach, genauso wie man es sich zu einfach macht, einen fotografen, der auf seinen rechten besteht, öffentlich als geldgeilen doofi darzustellen. es ist komplizierter — aber teilweise auch wirklich zu kompliziert.
thomas stadler über jan böhmermanns bild-upload. leider auch ohne die frage, ob ein twitterer mit 100 oder 200 followern der privat unterwegs ist, bei einem lizenz-verstoss ähnlich behandelt werden sollte. zumindest ist es ja genau das, was jan böhmermann, nach eigenen angaben, so in rage gebracht hat
sascha rheker von freelens über die zeitgeschichtliche bedeutung des bildes (die zwar das urheberrecht nicht berührt, aber das kann man ja trotzdem mal vermischen, wenns der sache dient). das tolle an diesem sehr emotionalisierendem artikel ist, dass er dramatisierung und emotionalisierung bei allen anderem, vor allem in sozialen medien, scharf verurteilt.
[nachtrag 30.01.2015, 12 uhr] jan böhmermann hat auf facebook die debatte für beendet erklärt (hat er nicht, das ist ein (ausgeliehenes) pofalla-wortspielzitat):
Natürlich bin ich dafür, dass alle Urheber für Ihre Werke angemessen bezahlt werden. Und natürlich finde ich es falsch, wenn Rechte von Urhebern verletzt werden. Ich empfinde es aber als unverhältnismäßig, dass sowohl ich mit 159.000 Followern als auch mein Kollege mit 100 Followern für das Posten eines Fotos bei Twitter ohne jegliche Kommunikation direkt mit 1000 Euro abgemahnt werden. Darum geht es mir. Dass ich den Namen des abmahnenden Fotografen bei Twitter veröffentlicht habe, war allerdings ebenso unverhältnismäßig. Das bringt die Debatte nicht weiter und war wirklich nicht sehr schlau. Sorry for that!
dieses rezept aus ottolenghis jerusalem-kochbuch ist relativ unkompliziert, dauert aber insgesamt knapp ne stunde. die würzung ist beinahe ein bisschen weihnachtlich, passt aber auch gut ins frühjahr. das beste sind aber die röstzwiebeln. statt mein nacherzähltes rezpet nachzukochen, empfehle ich das jerusalem-buch von ottolenghi zu kaufen und daraus zu kochen. lohnt sich wirklich, wie alle ottolenghi-bücher.
viel sonnenblumenöl zum fritieren (ungefähr 250 milliliter)
2 teelöffel kreuzkümmelsamen (mag ich nicht, hab gemahlenen kreuzkümmel genommen)
1½ teelöffel koriandersamen (mag auch niemand, hab gemahlenen koriander genommen)
200 gramm basmatireis
3 esslöffel olivenöl
½ teelöffel kurkuma
1½ teelöffel gemahlener piment
1½ teelöffel zimt
1 teelöffel zucker
salz und schwaruer pfeffer
die linsen sollen erstmal 15 minuten in ausreichend wasser köcheln (danach das wasser abgiessen). in der zeit kann man die zwiebeln schälen und in feine ringe schneiden. die zwiebelringe mit dem mehl und einem teelöffel salz vermengen und 5-7 minuten portionsweise frittieren (ich hab in ner grossen pfanne zwei portionen geröstet). die zwiebeln sollen nicht zu dunkel werden, also frühzeitig ein bisschen runterschalten.
wenn die zwiebeln fertig sind und das öl fachgerecht entsorgt ist, kann man die gewürze und das öl und den reis und pfeffer in die pfanne tun, die gekochten linsen und 350 milliliter wasser dazu, deckel drauf und bei milder hitze 15 minuten köcheln lassen. nach 15 minuten nochmal, mit aufliegendem deckel, aber ohne hitze, ziehen lassen. erstaunlicherweise ist der reis nach diesen 25 minuten genau richtig.
dann noch die hälfte der röstzwiebeln untermengen und das ganze auf nem teller drappieren. wir haben noch ein bisschen gesalzenen jogurt daneben gekippt.
sehr lobenswert, dass @spiegelonline auf meine klage, dass videos ohne flash-player erstens nicht funktionieren und zweitens offenbaren dass UTF8 nichts für spiegel-online-fehlermeldungen ist, geantwortet hat:
@diplix Das wird sich in Zukunft sicher ändern, derzeit geht es aber noch nicht ohne Flash. Tut uns leid!
was mich allerdings wundert: warum geht das in der mobilen version von spiegel online, zum beispiel auf meinem iphone-safari, das ja bekanntlich auch kein flash installiert hat? diese frage hat die freundlichen spiegel-online-social-media-redaktion dann offenbar überfordert und blieb unbeantwortet.
war ich zu unfreundlich oder muss man „Tut uns leid!“ als finale antwort akzeptieren? technisch muss das doch easy-peasy funktionieren, zum beispiel mit einer weiterleitung für alle browser mit der flash version 0.0.0, auf die mobile version von spiegel.de. oder so.
[nachtrag 25.04.2015] seit ein paar wochen funktionieren die videos auf spiegel online auch mit deinstalliertem flash auf desktop-browsern.
spiegel-online dichtet sich hier eine nicht nur blödsinnige, sondern auch falsche überschrift zusammen. judi dench hat sich bereits den hintern tätowieren lassen, das erzählte zumindest der filmproduzent harvey weinsstein vor ein paar wochen in der graham norton show. den ausschnitt kann man sich bei time.com (oder youtube) ansehen. laut wikipedia, bzw. dem boulevardblatt new york post hat sie das auf einem empfang auch mal selbst erzählt:
“[He] said, 'Mrs. Brown' should be a film," Dench said of the 1997 project that launched her Hollywood career after Weinstein took it from the BBC to US cinemas. “It was thanks to Harvey, whose name I have had tattooed on my bum ever since," Dench joked while accepting a British Film Institute award in London.
in der dpa-meldung steht auch nichts von einem ersten tattoo, sondern, dass dench „Lust auf eine Tätowierung“ habe.
ganz abgesehen davon ist die ausgabe von mitte januar der graham norton show sehr sehenswert.
heute abend (auf netflix) wieder ein paar folgen person of interest (imdb) geguckt. eine meiner meinung nach ganz gute mittelgute serie. die episoden sind immer schön in sich abgeschlossen, aber durch die staffeln ziehen sich ein paar rote fäden, die die aufmerksamkeit und neugier ganz gut halten können — trotz der vielen ungereimtheiten, deren zeuge man jede folge wird. jj abrams fungierte zumindest bei der folge 22 der ersten staffel, ich vermute auch bei anderen, als ausführender produzent; was wiederum das stückchenweise auflösen der geheimnisse der protagonisten erklären dürfte.
was mir in dieser s01-e22-folge auffiel war eine verdächtige person, die den beiden hauptfiguren, finch und reese, ständig folgte. da die beiden die ganze folge über keine notiz von ihr nahmen, vermute ich sie war die hauptstatistin in dieser folge. ich habe sie mal rot markiert. die nächsten folgen schaue ich mir auch aufmerksam an, um zu sehen ob es da ein muster gibt.
typischer tag eines mannes 😀😏😏😏😏😏😏😏😏😏😏😏 😏😏😏😏😏😏😏😏😏😏😏😴
typischer tag einer frau 😀😒😣😱😖😑😠😡😶😇😘😨 😞😊😳😕😬😜😂😶😩😓😤😴
gestern und heute mehrere anrufe auf meinem (o₂-handy) von der 0800 2602601. jedes mal wenn ich rangehe beendet sich die verbindung. die nummer ist von o₂ deutschland, finde ich im internet herraus. das passt. o₂ ist nicht in der lage mittels seines eigenen kommunikationsnetzes eine verbindung zu seinen kunden aufzubauen.
weil ich mir sorgen mache, dass es um die umschaltung unseres DSL-anschlusses gehen könnte, die sich nun schon seit etwas mehr als 5 monaten hinzieht, rufe ich o₂ zurück.
die dame in der DSL-abteilung liest mir die einträge aus dem CRM vor, „umgehend schalten …“, „technische probleme …“, „kunden benachrichtigen sobald …“
… ja, da gäbe es noch ein paar technische probleme bei der schaltung. normalerweise würde die schaltung selbst so ungefähr zwei bis drei wochen dauern. da wo ich wohne, gäbe es aber wohl gerade technische probleme (ich vermute: viele DSL-kunden), weshalb es in meinem fall noch so um die 3 monate dauern würde bis der anschluss geschaltet würde. internet hätte ich aber noch, fragt die dame besorgt nach. ja, ja, der 16k DSL-anschluss, den ich gerne, seit über 5 monaten, zu einem schnelleren DSL-anschluss umwandeln würde, funktioniert einwandfrei.
die dame ist sich relativ sicher, dass es zum DSL-anschluss keine rückfragen an mich gegeben habe, wenn sie, die DSL-abteilung anrufen würde, käme das mit einer münchener absendernummer bei mir an. wahrscheinlich wollte sich jemand aus dem marketing bei mir erkundigen, ob ich zufrieden mit meinen telekomunikationsdienstleister sei.
das oben habe ich mir heute früh notiert. eben, so gegen 13 uhr, klingelte mein telefon wieder mit der 0800 2602601 und diesmal klappte es mit der verbindung als ich den anruf annahm. wieder eine sehr freundliche mitarbeiterin, die sich „mal melden“ wollte und bescheid sagen wollte, warum es zu verzögerungen bei meiner bestellung gekommen sei. es hätte technische probleme bei der telekom gegeben, die jetzt aber behoben seien und die aufträge würden jetzt wieder normal bearbeitet. die drei monate wartezeit die mir ihre kollegin heute früh in aussicht gestellt habe, seien wohl eine sehr vorsichtige schätzung gewesen, sie wolle sich zwar nicht zu weit aus dem fenster lehnen, glaube aber, dass das sehr viel schneller gehe. ausserdem würde sie mir für „die entstandenen unannehmlichkeiten“ eine gutschrift von 30 euro anbieten.
das habe ich gerne angenommen und bin jetzt — wie seit ungefähr fünf monaten — gespannt was als nächstes kommt. bei so einer arktis-expedition DSL-umschaltung kann ja einiges schiefgehen.
in der danksagung am ende seines neuen buches beschreibt andrew keen, wie ihn der atlantic-books-chef toby mundy überredete ein buch zu schreiben, in dem er seine „Überlegungen zum Internet“ zusammenfassen solle:
»Es ist ganz einfach«, versprach er mir. »Schreib einfach alles auf, was du über das Internet denkst.«
keen hat das tatsächlich gemacht und man kann das auch relativ kurz zusammenfassen: er denkt über das internet nicht viel gutes. das internet, schreibt er einmal in einem nebensatz, habe zwar ein paar gute seiten, sei unterm strich aber eine „Riesen-Scheiss-Pleite“. die „Riesen-Scheiss-Pleite“ ist eigentlich ein zitat, das er in kapitel 8 einem „ungekämmten und unrasierten Jungen“, der auf einer konfernez neben ihm sass, in den mund legt. im original lautete das zitat wahrscheinlich „epic fucking fail“. keen greift dieses zitat auf den folgenden seiten (oder im buch-promo-material) wieder auf, um zu beschreiben was er über das internet denkt.
der deutsche titel ist verständlicherweise etwas auf randale gebürstet. nach der verleihung des friedenspreises des deutschen buchhandels an jaron lanier erwartet der verlag offenbar zu recht, dass die internet-kritischen deutschen intellektuellen und feuilletons neue nahrung brauchen. um ganz sicher zu gehen, dass die zielgruppe das buch auch als internetkritisch erkennt, hat man das buch dann gleich auf dem cover in 14 worten zusammengefasst.
auch beim umschlagtext übertrieb man zur sicherheit gleich ein bisschen und sagt über keen:
Er lehrte an mehreren US-amerikanischen Universitäten und gründete 1995 ein erfolgreiches Internetunternehmen im Silicon Valley.
im buch schreibt keen auf seite 226 das gegenteil:
Während Kalanick in den Neunzigern mit Scour scheiterte, scheiterte ich mit meinem eigenen Musik-Start-Up AudioCafe.
um die einleitung von keens buch zu lesen, habe ich mehrere anläufe gebraucht. texte in denen mehr rumbehauptet als argumentiert wird, verlieren ganz schnell mein interesse. nachdem er 5 seiten auf michael und xochi birch und deren battery-club rumhackt, füllt er die restlichen 7 einleitungsseiten mit allgemeinem internet-gemäkel, das der verlag im promotion-material auf diesen absatz zusammengedampft hat:
Nicht die Gesellschaft profitiert von einer „hypervernetzten“ Welt, sondern eine elitäre Gruppe junger weißer Männer. Was ihnen immer mehr Reichtum beschert, macht uns in vielerlei Hinsicht ärmer. Das Internet vernichtet Arbeitsplätze, unterbindet den Wettbewerb und befördert Intoleranz und Voyeurismus. Es ist kein Ort der Freiheit, sondern ein Überwachungsapparat, dem wir kosten- und bedenkenlos zuarbeiten. Kurzum: Das Internet ist ein wirtschaftliches, kulturelles und gesellschaftliches Debakel.
ganz einfach: schreib einfach auf was du über das internet denkst — zack, ist die einleitung fertig!
ich habe keen ein paar mal live erlebt und gesehen und fand ihn mit seiner schneidenden stimme und brillianten rhetorik immer sehr überzeugend. einer seiner vorträge auf der next-konferenz im jahr 2009 hat mich massgeblich zu meinem vortrag warum das internet scheisse ist inspiriert. aber gerade weil ich keen schätze, hat mich die fehlende tiefe der argumentation in der einleitung besonders genervt.
die folgenden kapitel kommen einer analyse dann schon etwas näher. keen zeichnet die entstehung des internets und des world wide webs nach und hält sich mit dem, was er über das internet denkt, ein bisschen zurück. er zitiert freund und feind und irgendwann beim lesen wird einem klar, dass keen eigentlich gar nicht das internet scheisse findet, sondern den kapitalismus.
Die Spielregeln der New Economy sind daher dieselben wie die der Old Economy — nur mit Aufputschmitteln.
Simon Head vom Institute for Puplic Knowledge an der New York University erklärt, damit sei Amazon zusammen mit Wal-Mart »das unverschämt rücksichtsloseste Unternehmen der Vereinigten Staaten«.
Beschleunigungskritik ohne Kapitalismuskritik ist Quark.
tatsächlich differenziert andrew keen in seinen analyse-kapiteln auch gelegentlich und räumt ein, dass die probleme die das internet verursacht auch schon in der welt ohne internet existierten. aber leider vereinfacht er mitunter auch so sehr, dass das bild, das er zeichnet, mir stellenweise sehr verzerrt erscheint.
in keens weltbild ist das internet am niedergang der kultur schuld. seine lieblingsbeispiele sind der buchhandel und die musikbranche. er beklagt sich sogar darüber, dass es kaum noch vinyl-platten gebe und sieht die schuld im niedergang der musikindustrie nicht nur in piraterie, der „Monopolisierung des Online-Musikmarkts durch Anbieter wie iTunes und Amazon“ (und spotify und youtube und soundcloud [sic!]), sondern auch in einer von ihm persönlich ausgedachten neuen gefahr, der „Tyrannei der übergrossen Auswahl“. störende fakten lässt keen einfach weg. bei ihm liest sich der niedergang der buchbranche wie eine logische folge von amazon:
Im Jahr 2014 gab es rund 3440 im Börsenverein des Deutschen Buchhandels organisierte Buchläden und damit fast ein Drittel weniger als noch 1999.
keen verliert kein wort darüber, dass ende der neunziger jahre ein brutaler konzentrationsprozess im buchhandel begann, bei dem filialisten wie thalia oder hugendubel aggressiv expandierten. torsten meinicke, ein buchhädler aus hamburg, erinnerte im deutschlandfunk daran, welche probleme in den neunziger jahren auch erkennbar waren:
Es sind zu viele Bücher, wir müssen weniger produzieren. Mit dem Ergebnis, dass bei der nächsten Herbstvorschau die Titelzahl der Neuerscheinungen noch einmal erhöht worden ist. Das hat sehr lange gedauert, bis ein paar Sachen erstmals zurückgefahren wurden.
ganz ohne die hilfe des internets kreierte die buchbranche eine „Tyrannei der übergrossen Auswahl“; 1969 lag die anzahl der neuerscheinungen und neuauflagen bei 35.577, um 40 jahre später, 2007 und 2011, auf rekordwerte von über 96.000 zu steigen. konzentrationsprozesse, „eine Fokussierung des Geschäfts auf immer weniger und schnelllebigere Titel“ (nochmal deutschlandfunk) und viele andere faktoren, sorgen dafür, dass sich die buchbranche seit jahrzehnten in unruhigen gewässern befindet — aber für keen ist die antwort ganz einfach: amazon, internet — die sind schuld.
„Mir persönlich gefällt das, was ich da sehe, nicht.“ andrew keen über instagram, aber eigentlich über das internet.
keen schreckt auch vor unsinnigen behauptungen nicht zurück. basierend auf seiner unbegründeten, einfach in den raum gestellten these, dass „das publikum“ schlechter informiert denn je sei, versteigt er sich zu der gewagten these, dass früher™, als es noch medien gab die „uneingeschränkt vertrauenswürdig“ waren, sogar über kriege wahrheitsgemäss, objektiv und ohne jede propaganda berichtet wurde. das sei jetzt „angesichts der Macht und Popularität der sozialen Medien“ vorbei. plötzlich, wegen des internets, bleibe die wahrheit bei der kriegsberichterstattung auf der strecke.
diese vereinfachungen, zuspitzungen, einseitigkeiten und blödsinnigkeiten, die sich durch das ganze buch ziehen, rauben keens analyse einiges an glaubwürdigkeit und durchschlagkraft. das ist schade, denn vieles an seiner analyse ist natürlich richtig und diskussionswürdig.
die fehlende tiefe der analyse und die teilweise geradezu schlampige aneinanderreihung von begebenheiten, zitaten, beschimpfungen und steilen thesen ist die grösste enttäuchung an keens buch. vielleicht hat sich keen aber auch einfach nicht getraut, das grosse fass aufzumachen, nämlich statt internetkritik gesellschaftskritik zu üben. sogar seine hin und wieder durchscheinende kapitalismuskritik relativiert er mehrfach, offenbar um das fass geschlossen zu halten. er konzentriert sich lieber darauf, „junge weiße“ internetfuzzis wie mark zuckerberg, travis kalanick, eric schmidt oder steve jobs [sic!] (zu recht) anzuprangern — aber verzichtet darauf, die selben strukturellen missstände im finanzsektor, justizsystem oder globalen handel aufzuzeigen. flapsig und vereinfachend ausgedrückt, für andrew keen ist das internet nicht scheisse, weil die welt scheisse ist, sondern das internet ist für ihn scheisse, weil das internet scheisse ist und alles zerstört.
teilweise sind keens auslassungen auch frappierend. über microsoft oder den ehemals elitären „jungen weißen Mann“ bill gates verliert keen nicht ein einziges negatives wort. wenn es um das böse geht, schreibt er immer von der dreierkombination google, apple, facebook — manchmal ergänzt von uber, instagram und twitter. und während er seitenweise über junge, weisse, grosskotzige männer wie zuckerberg, kevin systrom, larry page, travis kalanick schimpft, die sich ihre jeweils ungefähr 30 milliarden dollar privatvermögen aus „unserer Arbeit, unserer Produktivität“ zusammengeklaubt hätten, erwähnt er menschen wie craig newmark gar nicht. der hat zwar auch, wie die vorher genannten, eine ganze branche zerstört, aber sich daran nicht „grosskotzig“ bereichert. das passt keen dann einfach nicht ins narrativ von der „einen elitäre Gruppe junger weißer Männer“ und so lässt er es einfach aus.
keen redet auch unablässig vom niedergang der kultur, vor allem wegen des von ihm festgestellten absurden kult um amateure, der „Tyrannei der übergrossen Auswahl“, der piraterie und kostenloskultur, vergisst aber zu erwähnen, dass derzeit alle welt zeuge einer renaissance des qualitäts-fernsehens wird, die nicht unwesentlich durch die vernetzung und das internet befeuert wird. keen bietet amanda palmer als zeugin gegen die schlechte bezahlung von künstlern durch spotify auf, erwähnt aber nicht, dass sie eine grosse verfechterin der „kostenlos-“ und „sharing-kultur“ ist, die keen so sehr verachtet und als euphemismen für piraterie versteht.
amanda palmer:
Free Digital Content (and Tits) for Everybody.
andrew keen:
»Kostenlose« Inhalte haben in Wirklichkeit einen unbezahlbaren Preis. Und der Erfolg des Internets ist in Wirklichkeit eine riesige Pleite. Eine Riesen-Scheiß-Pleite.
nochmal zum promo-material des verlags. dort heisst es:
Andrew Keen liefert eine scharfe, pointierte Analyse unserer vernetzten Welt und zeigt, was sich ändern muss, um ein endgültiges Scheitern des Internets zu verhindern.
tatsächlich versucht keen nach 248 seiten die antwort (auf 22 ½ seiten) darauf zu geben, wie man das scheitern des internets verhindern könnte. auch das kann man flott zusammenfassen: regulierung, globale steuern für oligarchen und einen neuen gesellschaftsvertrag an den sich alle halten:
Die Antwort ist, das Internet mit Gesetzen und Verordnungen aus seiner Dauerpubertät zu holen.
das ist nicht falsch, aber auch irre unkonkret. immerhin haben wir das jahr 2015 und nicht nur das internet sollte aus seiner „Dauerpubertät“, in der es sich zweifellos befindet, geholt werden, auch die internetkritik sollte mittlerweile etwas weiter sein, als lediglich „regulierung“ zu rufen oder auf regierungen zu hoffen, die „Google die Stirn bieten“. diese forderungen erhob andrew keen schon, als ich ihn 2009 erstmals sah. dass es auch konkreter und klüger geht, zeigt übrigens ein anderes jüngst erschienes buch: michael seemanns „das neue spiel“. seine analyse ist der von keen sehr ähnlich (allerdings im gegenteil zu keen, ohne häme, gespött und ad-hominem-angriffe aufgeschrieben), aber seine „10 regeln für das neue spiel“ sind konkreter, klüger und differenzierter als keens ganzes buch. aber das, und strategien für den umgang mit dem internet, sind das thema eines eigenen texts, der wahrscheinlich anfang februar im internet erscheint.
nachdem ich das buch gelesen habe, fiel mir ein besserer, passenderer umschlagtext für andrew keens buch ein als das original:
Das Internet hat versagt. Trotz seiner offenen, dezentralen Struktur hat es uns nicht mehr Chancengleichheit und Vielfalt gebracht, im Gegenteil: Es vergrößert die wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheit. Der Graben zwischen zwischen einer Handvoll junger weißer Männer, die an Reichtum und Einfluss gewinnen, und dem Rest der Gesellschaft wird immer größer. Bissig und pointiert rechnet Silicon-Valley-Insider Andrew keen mit unserer vernetzten Gesellschaft ab und fordert uns auf, staatlicher Untätigkeit und Internetmonopolisten wie Google und Amazon den Kampf anzusagen.
das ist mein vorschlag:
Das Internet ist nicht gescheitert, wir haben nur noch nicht die richtigen Strategien entwickelt damit umzugehen. Andrew Keen hatte sich fest vorgenommen sich ein paar Strategien auszudenken, es aber in der kürze der Zeit bis zur Drucklegung nicht geschafft sie auszuformulieren. Dafür hat er bissig und pointiert aufgeschrieben, wie das Internet entstanden ist und was er über das Internet denkt.
andrew keens auftritt beim dld — tatsächlich ziemlich eindrücklicher und überzeugender auftritt von andrew keen (keen ist definiv ein besserer redner als autor).
Als Mobiltelefone noch schwer und klobig waren und Unmengen von Geld gekostet haben, habe ich viele Leute sagen hören, dass der Besitz so eines mobilen Telefons grässlich sein müsse: „da ist man ja immer erreichbar.“ Die Praxis im laufe der letzten 30 Jahre hat aber gezeigt, dass kaum jemand hört wenn sein Handy klingelt und die Leute genauso gut oder schlecht zu erreichen sind, wie zu Zeiten der Deutschen Bundespost.
Die Zukunft hat gegenüber Zukunftspessimisten einen entscheidenden Vorteil: sie ist nicht vorhersehbar. Sie nimmt oft Wendungen, die niemand vorhergesehen hat. Funklöcher, leere Akkus, WhatsApp-Serverausfälle sind Innovationen des 21. Jahrhunderts, die man in den achtziger Jahren unmöglich erahnen konnte.
Die Befürchtungen von Fortschrittsskeptikern sind über die Jahrhunderte hinweg beinahe immer gleichlautend: das Neue, fürchten sie, sei schlecht für das freie oder kreative Denken, lenke ab, schädige irgendwie die Gesundheit oder das Wohlbefinden und man müsse sich und andere davor schützen. Jaron Lanierr Karl G. Bauer stellte 1787 fest, dass die „erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beim Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen […] Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden, […] Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper“ erzeuge.
Mal war es das Lesen, mal der Mangel an Frömmigkeit, der Rock’n’Roll, das Fernsehen oder die Mobiltelefone, die den Menschen schadeten und Unheil brachten, heute ist es das Netz, die E-Mail, das Smartphone oder das Chatten, die die Produktivität oder gar das Auskosten des „wahren Lebens“ hemmen. Das Netz zum Vergnügen zu benutzen oder zum ziellosen Browsen scheint als ein Hochverrat am Gebot zur Produktivität und Disziplin angesehen zu werden.
Wobei die Annahme, dass Dinge, die Menschen mit Vergnügen tun, nutzlos oder gar schädlich sein müssten, wahrscheinlich mindestens so alt wie die Menschheit ist.
Früher war es der Klerus, der sich Vorschriften ersann, wie man ein frommes und Gottgefälliges Leben zu führen habe. Heute sind es Herrscharen von Beratern, Trainern oder Selbstoptimierungsgurus die sich Tipps und Anleitungen ausdenken, wie man ein gesundes, glückliches und produktives Leben führen kann. Gebote und Dogmen wurden abgeschwächt zu Tipps oder Optimierungsanleitungen, aber die Zielrichtung ist immer noch die Gleiche: das Gewissen. Auf das Gewissen wird aus allen Rohren gefeuert, in der Hoffnung darüber konformes Verhalten zu formen. Menschen die produktiver, leistungsfähiger und gesünder sind. Menschen, die sich an vorgegebene Regeln halten.
Was wir stattdessen fördern sollten, sei es in der Schule, der Ausbildung, im Beruf, ist echtes Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein im Sinne von realistischer Eigenwahrnehmung, Intuition und der Fähigkeit die Signale des eigenen Körpers und Geistes richtig zu deuten. Menschen, die ihre Achtsamkeit und ihre Selbstwahrnehmung trainieren, achten meistens ganz gut auf Ihre Gesundheit und bemerken auch ohne Regelkorsett, wenn sie sich verausgaben oder in allzu viel Ablenkung verlieren¹. Wer sich selbst und seinen vermeintlich versteckten Signalen zuhört, muss keine Auszeit vom Netz nehmen, um zu sich selbst zu finden oder zum gefühlten Produktivitätsniveuau der Achtziger Jahre zurück zu kehren.
Zumal Flanieren, scheinbar zielloses Umherstreifen oder Rumdaddeln im Netz, den gleichen Sinn hat, wie kindliches Spielen; während wir uns spielerisch in ihr bewegen, lernen wir die (digitale) Welt zu begreifen, zu verstehen und schliesslich auch zu formen. Ohne eine gewisse Missachtung von Regeln, entstehen keine neuen Dinge, gibt es keine Kreativität. Innovation entsteht nicht, indem man mal eine Auszeit nimmt, sondern indem man das Selbstbewusstsein der Menschen fördert und sie ermuntert auf ihre Intuition zu hören — statt auf Besserwisser, die Enthaltsamkeit predigen.
Die Furcht vor Technologie, bzw. Fortschrittängste sind eng verknüpft mit der Furcht vor selbstbestimmten, emanzipierten Menschen. Das passt auch gut zusammen, weil beides eigentlich Furcht vor dem Unbekannten und Unberechenbaren ist. Sowohl Menschen, die tun was sie für richtig halten, als auch Technologie, die sich immer weiter entwickelt, werden nicht einfach verschwinden. Darauf sollten wir uns einstellen.
1) Siehe auch Patrick Breitenbach: „[Es] scheint sich ein ganz wichtiges neues Bildungs- und Kompetenzziel zu kristallisieren: Wir benötigen in Zukunft Menschen mit einer geübten und entwickelten Selbstwahrnehmung und Selbstachtung.“
anmerkung: das ist der text meiner ersten kolumne im (gedruckten) t3n-magazin. die kolumne ist im aktuellen heft nummer 38. in ein paar wochen kommt die neue ausgabe, mit einer neuen kolumne von mir. die taucht dann in ca. drei monaten hier auf.