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30 jah­re blog­gen, ver­si­on 4.0.1

felix schwenzel

das tem­p­la­te, bzw. der tem­p­la­te-ord­ner auf dem die­se web­site bis vor un­ge­fähr ei­nem jahr lief hiess wir­res3. nach die­se lo­gik ist der kir­by-re­launch wohl wir­res ver­si­on 4.

ver­si­on 2 dürf­te das hier ge­we­sen sein, 2010 war ich stolz dar­auf von ei­nem ta­bel­len-ba­sier­ten lay­out auf ein CSS ba­sier­tes lay­out um­ge­stellt zu ha­ben.

ver­si­on3, bei der ich auf „re­spon­si­ve de­sign“ um­stell­te, lief dann 12 jah­re lang.

und eben, zu­fäl­lig im ar­chiv ge­fun­den, 2015 schrieb ich über die ver­si­on 0 von 1996. die lief zwar noch nicht un­ter wir­res.net oder ir­gend­ei­nem con­tent ma­nag­men­te sys­tem, son­dern auf blan­ken html-me­tal. in dem ar­ti­kel von 2015 be­haup­te und be­le­ge ich, dass ich ei­egent­lich schon seit 30 jah­ren (1995) ins in­ter­net schrei­be, bzw. lin­ke.

und ich er­klä­re an­hand ei­nes kott­ke zi­tats, war­um ich so lan­ge auf die­sem ob­sku­ren CMS ge­blie­ben bin: läuft halt, funk­tio­niert, ist be­re­chen­bar und kenn ich.

ei­ner der tech­ni­schen grün­de war­um ich mit ei­ner soft­ware aus den 90er jah­ren so lan­ge gut zu­recht kam, wa­ren die html-vor­la­gen, also die art wie ez­pu­blisch html aus den in­hal­ten pro­du­zier­te. je­des for­ma­tie­rung, bil­der, links, zi­ta­te hat­ten ihre eig­nen vor­la­gen. statt
<a href="https://example.com>example.com</a>
schrieb ich
<link https://example.com example.com>>
bil­der la­gen in ei­ner bild­da­ten­bank und nach der ver­knüp­fung mit ei­nem ar­ti­kel re­fern­zier­te ich sie mit
<image 1 left large>
was sich kom­pli­ziert und müh­sam an­hört ist tech­nisch ein se­gen. so wur­den bil­der in den neun­zi­ger jah­ren vor­zugs­wei­se über ta­bel­len-kon­struk­te ge­lay­outet. <figure> oder <figcaption> wa­ren da­mals noch nicht er­fun­den, ad­ap­ti­ve bil­der erst recht nicht. aber mit dem tem­p­la­te sys­tem liess sich die aus­ga­be von bil­dern je­weils an den stand der tech­nik an­pas­sen. so konn­te ich aus ei­nem ein­fa­chen <image 1 left large> schnell kom­le­xes, ad­ap­ti­ves bild-mark­up bau­en, das op­ti­mier­te bil­der für alle mög­li­chen bild­schirm­auf­lö­sun­gen aus­gab.

in den neun­zi­gern durf­te man noch <b> zum fet­ten von text ver­wen­den. im ez­pu­blish ba­ckend muss­te ich im­mer <bold> ver­wen­den, aber konn­te die html-aus­ga­be dann eben spä­ter an das mo­der­ne­re <strong> an­pas­sen.

und na­tür­lich liess sich das auch al­les er­wei­tern. für ein­ge­bet­te­te you­tube vi­de­os hab ich mir eine ez­pu­blish vor­la­ge <tube hGhrJru-PQ8&t> ge­baut, die dann an­fangs ein­fach den nor­ma­len you­tube em­bed-code aus­gab und spä­ter eine da­ten­schutz­freund­li­che­re va­ri­an­te, die nur das vi­deo-pos­ter mit ei­nem play-but­ton zeig­te und das vi­deo und das goog­le-track­ing erst nach ei­nem klick lud. weil kir­by mit sei­nen block-edi­tor ein ähn­li­ches kon­zept ver­folgt, liess ich das für alle mei­ne im­por­tier­ten in­hal­te und na­tür­lich auch neu­en in­hal­te ruck-zuck neu bau­en. im block edi­tor gebe ich nur die vi­deo-url an, die aus­ga­be des blocks pas­se ich per tem­p­la­te an und her­aus kommt das:

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die­se da­ten­schutz-freund­li­che­ren vi­deo-em­beds sind das, wo­mit ich ges­tern mei­nen tag ver­bracht habe. funk­tio­niert für you­tube und vi­meo.

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ich weiss zwar gar nicht ob das noch ir­gend­wer ver­wen­det, bzw. ob ich noch je­mals ein vi­meo-vi­deo hier neu ein­bet­ten wer­de, aber weil ich in mei­nem ar­chiv noch das eine oder an­de­re vi­meo-vi­deo lie­gen habe, soll das na­tür­lich auch wei­ter so funk­tio­nie­ren.

aus­ser­dem habe ich ges­tern noch am rss-feed ge­schraubt. wenn ich im kir­by edi­tor ei­nen re­la­ti­ven link ein­gab, kam der auch im rss-feed re­la­tiv raus. which is doof. aber viel­leicht is­ses auch doof re­la­ti­ve links zu ver­wen­den, wenn ich mich recht er­in­ne­re hab ich in ez­pu­blish auch im­mer vol­le urls ver­wen­det um auf wir­res.net zu lin­ken. aus­ser­dem hab ich mir über­legt im feed den nor­ma­len you­tube-em­bed code aus­zu­ge­ben, so dann man sich das vi­deo in sei­nem rss-rea­der ein­ge­bet­tet an­se­hen kann. ganau­so gebe ich die bil­der im feed nicht mehr ad­ap­tiv aus, son­dern ein­fach, ohne ge­döns auf 900px brei­te ska­liert.


je­den­falls sehe ich jetzt wie­der was mich über die letz­ten 30 jah­re dazu ge­bracht hat ins in­ter­net zu schrei­ben: mein drang neue din­ge aus­zu­pro­bie­ren, zu schau­en, mit wel­chen tech­ni­schen tools man was er­rei­chen kann um das äl­tes­te ge­wer­be der welt aus­zu­üben: mit an­de­ren kom­mu­ni­zie­ren.

in den letz­ten 5 jah­ren lag mein fo­kus eher auf der in­ter­spe­zi­fi­schen kom­mu­ni­ka­ti­on: wie kann ich ver­ste­hen was fri­da will und in­ten­diert, wie stel­le ich si­cher, dass fri­da mich ver­steht? das hat ganz gut ge­klappt und un­ter­wegs habe ich das eine oder an­de­re ge­lernt und lei­der eher we­nig mit mei­ner spe­zi ge­teilt. aus­ser ein­mal letz­tes jahr auf der re­pu­bli­ca.

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in der web-tech­nik hat sich in den letz­ten jah­ren, so wie bei den hun­de-er­zie­hungs­me­tho­den viel ge­tan. la­zy­loa­ding geht mitt­ler­wei­le ohne je­des ja­va­script, css kann va­ria­blen und rech­nen (!), fast alle brow­ser sind auf dem glei­chen tech­ni­schen stand. uber­space, wo die­se sei­ten ge­hos­tet sind, kann http/2 und ich bin si­cher an den caching-po­li­ci­es, cache-con­trol hea­ders lässt sich noch so ei­ni­ges op­ti­mie­ren und ler­nen.

apro­pos caching und per­for­mance. nach der in­stal­la­ti­on von kir­by auf uber­space (pie­ce of cake, ein­fach den 2,5 GB gros­sen kir­by ord­ner rü­ber­ko­pie­ren, eine klei­ne an­pas­sung an der .ht­ac­cess, läuft) …

# In some environments it's necessary to
# set the RewriteBase to:
RewriteBase /

… habe ich mas­si­ve per­for­mance pro­ble­me be­ob­ach­tet und muss­te in der php.ini php mehr RAM gön­nen. der grund, so er­klä­re ich es mir nach­träg­lich, war cache-warm­ing. kir­by er­zeug­te hun­der­te, tau­sen­de bild­va­ri­an­ten für die ad­ap­ti­ve aus­lie­fe­rung von bild-da­tei­en, und das kos­tet RAM und CPU (sor­ry uber­space!). ges­tern habe ich die pa­ra­me­ter der ad­ap­ti­ven bild­aus­lie­fe­rung noch­mal an­ge­passt, was er­neut zu merk­li­chen per­for­mance-eng­päs­sen führ­te. ein blick in den media ord­ner, wo kir­by die bild­va­ri­an­ten cached/ab­legt, zeigt der­zeit 5.8 GB. vor drei ta­gen wa­ren das nur 2.4 GB, ges­tern 4 GB. der kir­by content ord­ner ist 2,4 GB gross.

nach ein paar stun­den bild-ge­ne­rie­rung schien die per­for­mance der sei­te wie­der OK zu sein. wenn ihr, lie­be le­ser, ei­nen an­de­ren ein­druck habt, lasst es mich ger­ne wis­sen.


tl;dr: ins in­ter­net schrei­ben und eine ei­ge­ne web­site zu be­trie­ben ist im­mer noch furcht­bar viel ar­beit, aber al­lein um den stand der tech­nik zu ver­fol­gen, (be-)lohnt sich das. und es gibt noch viel zu tun und ler­nen.

(ent­schul­di­gung für die click­bait-über­schrift, kor­rekt müss­te es na­tür­lich heis­sen: „30 jah­re ins in­ter­net schrei­ben“)


kris­tof

felix schwenzel in artikel

mit kris­tof habe ich mei­ne ge­sam­te kind­heit ver­bracht. kris­tofs schwes­ter anja war auch ab und zu da­bei, aber sie war ein mäd­chen und ein paar jah­re äl­ter als kris­tof und ich — also qua­si von ei­nem an­de­ren pla­ne­ten. rich­tig mit ihr be­freun­det habe ich mich erst viel spä­ter. kris­tof und ich wa­ren von an­fang an bes­te freun­de. als wir uns zum ers­ten mal be­geg­ne­ten, wir wa­ren wohl so um die drei jah­re alt, woll­te ich ihn gleich knud­deln, warf ihn aber aus­ver­se­hen zu bo­den. wir wa­ren uns ei­gent­lich nicht be­son­ders ähn­lich. kris­tof war fein­glied­rig und zart, ich war ein kräf­ti­ger bro­cken, wie frisch in den zau­ber­trank ge­fal­len. ich er­in­ne­re mich nicht, die­se kör­per­li­che über­le­gen­heit je­mals aus­ge­spielt zu ha­ben, aus­ser aus­ver­se­hen, bei un­se­rer ers­ten be­geg­nung. ich er­in­ne­re mich noch nicht mal dar­an, dass wir uns je­mals ge­strit­ten hät­ten, aber da kann mich mei­ne er­in­ne­rung auch trü­gen.

wir wa­ren in un­se­ren ers­ten zehn, zwölf le­bens­jah­ren sehr viel zu­sam­men. un­se­re müt­ter wa­ren bes­te freun­din­nen und sie teil­ten sich un­se­re be­treu­ung un­ter­ein­an­der auf und lies­sen uns von ei­nem kin­der­mäd­chen hü­ten, das ei­gent­lich die haus­häl­te­rin von kris­tofs el­tern war (und mich in angst und schre­cken ver­setz­te).

kris­tof hat­te eine ganz be­son­de­re fä­hig­keit. wenn er hin­fiel, tat er sich weh. und er fiel sehr oft hin. er war auch sehr mu­tig und klet­ter­te ger­ne auf bäu­me, eine tä­tig­keit die ich mir schon als kind ver­bot, weil ich vor­sich­tig schon als schis­ser ge­bo­ren wur­de.

weil kris­tof gern auf bäu­me klet­ter­te, fiel er auch oft von bäu­men run­ter, er schlug sich stän­dig das ge­sicht auf und wur­de re­gel­mäs­sig ins kran­ken­haus ge­fah­ren, um dort „gen­ähnt“ zu wer­den. als mei­ne mut­ter ein­mal beim abend­essen er­zähl­te: „kris­tof ist in ei­nen sta­chel­draht­zaun ge­fal­len“ hiess es nicht: „oh je!“ oder „der ärms­te!“, son­dern: „echt? schon wie­der?“

ich tei­le un­glaub­lich vie­le kind­heits­er­in­ne­run­gen mit kris­tof: weit­pin­keln am kroa­ti­schen strand (das mys­te­riö­ser­wei­se anja ge­wann), heu­ern­te im gar­ten sei­ner el­tern, pil­ze­su­chen im wald, bo­nan­za gu­cken und wie wir ein­mal ein milch-wett­trin­ken ver­an­stal­te­ten: am ende des wett­trin­kens stürm­te kris­tof aus der kü­che ins wohn­zim­mer, strahl­te sei­ne mut­ter an und rief: „mut­ti, ich hab’ ge­ra­de ei­nen li­ter milch ge­trun­ken!“ — und über­gab sich am ende des sat­zes.

wir wuch­sen im wahrs­ten sin­ne des wor­tes zu­sam­men auf, gin­gen zu­sam­men in den kin­der­gar­ten, die grund­schu­le und den hort. wir kleb­ten zu­sam­men wie pech und schwe­fel, ter­ro­ri­sier­ten an­de­re kin­der und trie­ben un­se­re kin­der­gärt­ne­rin­nen, be­treue­rin­nen und leh­re­rin­nen zur ver­zweif­lung. ei­gent­lich, glau­be ich, moch­ten uns un­se­re be­treue­rin­nen im kin­der­gar­ten und hort ganz ger­ne. ich kann mich zu­min­dest dar­an er­in­nern, dass ich im hort öf­ter auf frau pe­li­kans schoss sass, wäh­rend sie und ihre kol­le­gin­nen im per­so­nal­raum HB-zi­ga­ret­ten rauch­ten. als ich da so sass, be­schloss ich, wenn ich er­wach­sen wäre, wür­de ich auch HB rau­chen. ich fand rau­chen da­mals ziem­lich toll. war­um kris­tof und ich mit rau­chen­den hort-be­treue­rin­nen im per­so­nal­raum sas­sen, weiss ich nicht mehr. in der rück­schau ver­mu­te ich, um uns von den an­de­ren kin­dern zu tren­nen und uns dar­an zu hin­dern, grau­sa­men kin­der­scher­ze mit ih­nen zu ma­chen.

mei­ne mut­ter er­zähl­te mir, dass sie und kris­tofs mut­ter re­gel­mäs­sig zu ge­sprä­chen in den kin­der­gar­ten und den hort ein­ge­la­den wur­den, um die pro­ble­me die wir ver­ur­sach­ten zu be­spre­chen. auch das ist mir in der rück­schau un­er­klär­lich, denn kris­tof und ich wa­ren ei­gent­lich schüch­ter­e­ne, zu­rück­hal­ten­de kin­der.

nach der grund­schu­le und dem hort gin­gen kris­tof und ich auf ver­schie­de­ne wei­ter­füh­ren­de schu­len und sa­hen uns et­was sel­te­ner. wir sa­hen uns noch, wenn sich un­se­re el­tern ge­gen­sei­tig be­such­ten, über­nach­te­ten wei­ter­hin im haus des je­weils an­de­ren und fuh­ren auch ein paar­mal ge­mein­sam in den ur­laub. lang­sam aber si­cher bil­de­ten sich aber neue freun­des­krei­se und die über­schnei­dun­gen un­se­rer le­bens­wirk­lich­kei­ten wur­den lang­sam we­ni­ger.

wir wa­ren bei­de kei­ne asse in der schu­le, mein deutsch­leh­rer emp­fahl mei­ner mut­ter, mich eine hand­werk­li­che leh­re ma­chen zu las­sen, statt mich wei­ter­hin auf dem gym­na­si­um zu über­for­dern. mei­ne mut­ter liess sich nicht von leh­rern be­ir­ren und be­hielt mich auf dem gym­na­si­um. kris­tofs el­tern ga­ben dem druck wohl ir­gend­wann nach und lies­sen ihn, nach ein paar jah­ren gym­na­si­um, auf die haupt­schu­le ge­hen.

zu dem zeit­punkt frag­men­tier­te sich un­se­re freund­schaft so sehr, dass ich sol­che neu­ig­kei­ten nicht mehr von kris­tof selbst er­fuhr, son­dern sie mir von mei­ner mut­ter er­zäh­len liess. über mei­ne mut­ter war ich bes­tens in­for­miert über kris­tofs le­bens­we­ge, auch ohne di­rek­ten kon­takt. über mei­ne mut­ter er­fuhr ich ir­gend­wann, dass kris­tof jetzt eine leh­re in ei­nem me­tall­ver­ar­bei­ten­den be­trieb an­ge­fan­gen hät­te. dann er­fuhr ich, in wech­seln­der rei­hen­fol­ge, dass er dort raus­ge­flo­gen sei, spä­ter wie­der dort an­ge­fan­gen hät­te und ir­gend­wann spä­ter wie­der raus­ge­flo­gen sei. ich hör­te das kris­tof kiff­te, zu viel kiff­te, und sich wohl auch beim dea­len hat­te er­wi­schen las­sen. in den er­zäh­lun­gen mei­ner mut­ter ent­wi­ckel­te sich kris­tof lang­sam zu ei­nem pro­blem­ju­gend­li­chen. weil ich die schu­le auch scheis­se fand und pu­ber­tier­te, hat­te ich auch alle mög­li­chen pro­ble­me, aber weil ich ein schis­ser war und angst vor grös­se­ren pro­ble­men hat­te, gab ich mir mühe mei­ne pro­ble­me klein zu hal­ten. ich fing an, das mit dem kif­fen auch mal aus­zu­pro­bie­ren, aber weil ich so eine angst da­vor hat­te, dass das kif­fen zu ei­nem grös­se­ren pro­blem wer­den könn­te, hal­lu­zi­nier­te ich nicht, son­dern pa­ra­noi­sier­te und kotz­te vom kif­fen. ich liess das dann schnell wie­der sein und ver­such­te im­mer wie­der, auch in der schu­le, auf ei­nen grü­nen zweig zu ge­lan­gen, um nicht auch eine leh­re an­fan­gen zu müs­sen.

über die jah­re kreuz­ten sich die wege von kris­tof und mir noch ein paar mal di­rekt und in­di­rekt, so hat­te er, als ich in als aus­tausch­schü­ler in ame­ri­ka war, eine et­was län­ge­re af­fä­re mit mei­ner bes­ten freun­din und gros­sen ex-lie­be gita — und er lern­te mei­nen bes­ten ju­gend­freund, den pöh­ler ken­nen.

auch von der be­kannt­schaft von kris­tof mit dem pöh­ler er­fuhr ich le­dig­lich in­di­rekt, über gita und mei­ne mut­ter. die bei­den wohn­ten zu­sam­men, kiff­ten ein biss­chen zu viel und ex­pe­ri­men­tier­ten wohl auch mit här­te­ren dro­gen — das ver­mu­te­te zu­min­dest kris­tofs mut­ter, wie ich über den stil­le-post-flur­funk zu­hau­se er­fuhr.

als ich aus ame­ri­ka zu­rück­kam und in eine an­de­re stadt zog, schie­nen sich die pro­ble­me von kris­tof po­ten­ziert zu ha­ben. er hat­te kei­ne ab­ge­schlos­se­ne aus­bil­dung, kei­nen schul­ab­schluss, war, ab­ge­se­hen von ge­le­gent­li­chen ver­söh­nun­gen, mit sei­nen el­tern zer­strit­ten. gita hat­te auch kei­nen kon­takt mehr mit ihm. ge­le­gent­lich half er wohl noch in dem me­tall­ver­ar­bei­ten­den be­trieb aus, in dem er sei­ne aus­bil­dung mehr­fach ab­ge­bro­chen hat­te und bau­te, wäh­rend ich in ame­ri­ka war, an der wen­del­trep­pe in un­se­rem neu­en haus in heins­berg mit. so hat­te ich zwar kei­nen kon­takt mehr mit kris­tof, aber da­für in dem haus in dem ich wohn­te eine stahl-wen­delt­re­pe, an der kris­tof mit­ge­baut hat­te.

in den fol­gen­den jah­ren mach­te ich dann auch eine hand­werks­leh­re (schrei­ner) und ein stu­di­um (ar­chi­tek­tur) und zog spä­ter nach ber­lin. die in­di­rek­ten nach­rich­ten aus kris­tofs le­ben wur­den in die­ser zeit im­mer un­er­freu­li­cher. vor et­was 18 jah­ren gab es dann aber wohl eine wen­de. ich er­fuhr, dass er eine frau ken­nen­ge­lernt hät­te und mit ihr ei­nen sohn hät­te. aus­ser­dem sei er jetzt wohl „clean“. dass er in den jah­ren zu­vor nicht be­son­ders „clean“ war, konn­te ich selbst nur ein­mal, auf der be­er­di­gung sei­ner oma be­ob­ach­ten. da tauch­te er selbst­zu­frie­den grin­send und auf­ge­dun­sen auf und rief mir zu, dass ich ja ganz schön auf­ge­dun­sen sei. da­mit hat­te er ein­deu­tig recht (selbst­zu­frie­den und auf­ge­dun­sen war ich auch), be­sorg­nis­er­re­gend war aber, dass nicht nur sein kör­per und sein ge­sicht auf­ge­dun­sen wa­ren, son­dern auch sei­ne hän­de stark ge­schwol­len. ei­ni­ge sei­ner zäh­ne wa­ren nicht mehr ganz voll­stän­dig und er sah nicht be­son­ders ge­sund aus. aber jetzt, so hör­te ich, sol­le al­les ganz an­ders ge­wor­den sein.

ich liess mir re­gel­mäs­sig er­zäh­len, dass er ein lie­be­vol­ler va­ter sei, ins­be­son­de­re sein um­gang mit dem zweit­ge­bo­re­nen sohn, der das down-syn­drom hat­te, sei freud­lich, ge­dul­dig und nach­sich­tig, was ein an­ge­neh­mer kon­trast zu sei­ner frau sei, die sehr viel stren­ger und we­ni­ger nach­sich­tig mit den kin­dern um­gin­ge.

bei­na­he zwan­zig jah­re nach­dem ich ihn zum letz­ten mal ge­se­hen hat­te, ent­schloss ich mich, kris­tof wie­der mal zu tref­fen. ein paar tage vor un­se­rer ver­ab­re­dung muss­te kris­tof ins kran­ken­haus, weil sei­ne rech­te hand so stark an­ge­schwol­len und ent­zün­det war, dass ge­fahr be­stand, kris­tof kön­ne sei­ne rech­te hand ver­lie­ren. es zeig­te sich, dass er wohl in den letz­ten jahr­zehn­ten eher nicht so „clean“ war, son­dern eher ein funk­tio­nie­ren­der und ei­ni­ger­mas­sen so­zi­al in­te­grier­ter jun­kie. an sei­nem kör­per fan­den sich kaum noch funk­tio­nie­ren­de ve­nen, in die er he­ro­in sprit­zen konn­te, des­halb nut­ze er wohl vor al­lem sei­ne rech­te hand (er ist links­hän­der).

als ich ihn traf, kam er re­la­tiv frisch aus dem kran­ken­haus, die hand war ab­ge­schwol­len, aber im­mer noch gro­tesk dick, aus ei­nem weis­sen ver­band rag­ten sehr stark ge­schwol­le­ne, blau-rot ver­färb­te fin­ger. er war wie­der et­was schlan­ker als auf der be­er­di­gung sei­ner oma (ich hat­te wei­ter zu­ge­nom­men). sein ge­sicht wirk­te zer­schun­den, wohl auch we­gen der vie­len kind­heits­nar­ben, aber nicht mehr auf­ge­dun­sen. sei­ne hel­len blau­en au­gen wirk­ten ge­nau­so wach und freund­lich, wie vor über 30, 40 jah­ren. von den meis­ten sei­ner zäh­ne, wa­ren nur noch brau­ne stümp­fe üb­rig. vor dem re­la­tiv klei­nen haus, in ei­nem dörf­li­chen vor­ort von aa­chen, stand ein re­la­tiv neu­er mer­ce­des, das haus hat­te kris­tof kürz­lich ge­kauft, mit ei­nem dar­leh­nen und et­was aus der ver­wand­schaft zu­sam­men­ge­kratz­ten ei­gen­ka­pi­tal. das haus hat­te hin­ten raus ei­nen klei­nen gar­ten und wirk­te sehr auf­ge­räumt, ob­wohl kris­tof ge­ra­de die kü­che re­no­vier­te.

das haus ge­fiel mir gut, kris­tof er­zähl­te mir von sei­nen re­no­vie­rungs und um­bau­plä­nen, ich lob­te sei­ne plä­ne und sein haus und die ein­rich­tung. mir ge­fiel das haus wirk­lich, auch wenn ich vor mei­nem 80ten le­bens­jahr nie wie­der in ei­nem vor­ort von aa­chen oder in aa­chen selbst le­ben möch­te. der klei­ne sohn mit down-syn­drom war un­fass­bar nied­lich, aber auch irre an­stren­gend und wu­se­lig. der äl­te­re sohn ver­barg hin­ter sei­ner ju­gend­li­chen schüch­tern­heit eine be­ein­dru­cken­de auf­fas­sungs­ga­be. ich tes­te die auf­fas­sungs­ga­be von men­schen (lei­der) stän­dig, in­dem ich mit wort­spie­len und wit­zen mit wech­seln­der sub­ti­li­tät um mich wer­fe und dann prü­fe, wer mei­ne witz­chen ver­steht oder zu de­chif­frie­ren ver­mag. zu mei­nem er­stau­nen konn­te der äl­te­re sohn sie alle ver­ste­hen — aber kris­tof auch. noch er­staun­li­cher fand ich, wel­che ver­ant­wor­tung der äl­te­re für das jün­ge­re kind über­nahm, sich küm­mer­te, dem klei­nen hin­ter­her­lief oder gren­zen auf­zu­zei­gen ver­such­te. es wirk­te, als hät­te der klei­ne drei el­tern­tei­le, die sich um ihn küm­mer­ten. noch deut­li­cher wur­de das auf ei­ner fa­mi­li­en­fei­er, zu der auch kris­tofs fa­mi­lie ein­ge­la­den war. auch hier pass­te der äl­te­re fast stän­dig auf den jün­ge­ren auf. man be­merk­te die last, die auf dem äl­te­ren lag, aber auch kris­tofs be­mü­hen, ihm tei­le die­se last zu neh­men. der um­gang von kris­tof und sei­nem äl­te­ren wirk­te sehr herz­lich, ver­traut und lie­be­voll, eben­so wie mit dem jün­ge­ren. ich muss­te mich vor­be­halts­los den be­ob­ach­tun­gen mei­ner mut­ter an­schlies­sen.

nach der haus­be­sich­ti­gung ver­lies­sen kris­tof und ich das haus und die fa­mi­lie, und fuh­ren in ein café um uns et­was ru­hi­ger un­ter­hal­ten zu kön­nen.

kris­tof er­zähl­te von sei­nem le­ben der letz­ten 20 jah­re und mein­te, dass er ziem­li­ches glück ge­habt hät­te. er mein­te na­tür­lich, dass er glück hat­te, nie er­wischt wor­den zu sein und kei­ne schwe­re­ren ge­sund­heit­li­chen schä­den da­von ge­tra­gen zu ha­ben. und er mein­te na­tür­lich auch, dass er noch leb­te. ich sass kris­tof ge­gen­über und stell­te ihn mir als glück­li­chen men­schen vor. sein ge­schun­de­ner kör­per, sein be­hin­der­tes und sein über­for­der­tes kind be­las­te­ten ihn nicht, im ge­gen­teil, al­les was ich sah und was er er­zähl­te deu­te­te dar­auf hin, dass er sich sei­ner ver­ant­wor­tung be­wusst war und sich ihr auch stell­te, so gut er konn­te. ich hat­te den ein­druck, dass sei­ne sucht dem ein­satz für sei­ne kin­der nicht im weg stand. das was er mir von den pro­ble­men sei­nes äl­tes­ten in der schu­le er­zähl­te, er­in­ner­te mich an den um­gang mei­ner mut­ter mit mei­nen leh­rern: kom­pro­miss­los auf der sei­te des ei­ge­ne kin­des ste­hen, nicht vor der ver­meint­li­chen au­to­ri­tät der leh­rer ku­schen, die ar­gu­men­te der leh­rer sau­ber zer­pflü­cken, wenn’s nö­tig ist, und prä­senz zei­gen.

ich sah, dass kris­tof mit dem le­ben mehr zu kämp­fen hat­te als ich — ich hat­te ja auch stets ver­sucht mei­ne pro­ble­me klein zu hal­ten — aber trotz­dem wirk­te kris­tof auf mich zu­frie­den.

zehn jah­re nach un­se­rem tref­fen in aa­chen, heu­te am 8. juni 2024, schrieb mir mei­ne mut­ter, dass kris­tof heu­te nacht ge­stor­ben sei.

wie im­mer wenn mich nach­rich­ten von to­des­fäl­len mir sehr nahe ste­hen­der men­schen er­rei­chen, wei­ge­re ich mich das zu glau­ben. selbst wenn ich dann auf der be­er­di­gung bin, hal­te ich das gan­ze im­mer noch für ei­nen irr­tum, ich den­ke dann, kann ja nicht sein, dass die­ser mensch wirk­lich weg ist, weil es ja noch men­schen gibt, die die­sen men­schen noch brau­chen.


CO₂-sen­so­ren ka­li­briert

felix schwenzel

weil in den ho­me­as­sistant 2022.12 re­lease no­tes stand, dass mit die­ser ver­si­on auch sen­si­ri­on BLE CO₂-Sen­so­ren un­ter­stützt wer­den, hab ich mir gleich so ei­nen kau­fen müs­sen. bei mou­ser kos­tet der 59,80 € (71,16 € mit um­satz­steu­er). das schö­ne ist, der sen­sor ist ka­li­briert, das teil hat ei­nen licht­in­di­ka­tor und lässt sich zur ak­ti­vie­rung ein­fach auf usb netz­tei­le ste­cken, ist also auch mo­bil mit ei­nem akku-pack zu be­nut­zen.

nicht ganz bil­lig, aber bil­li­ger als an­ders­wo. die lie­fe­rung kam aus den USA mit fe­dex in­ner­halb von 4 ta­gen. ein­ge­steckt und plopp! von home as­sistant ent­deckt.

seit ho­me­as­sistant den um­gang mit blue­tooth BLE ge­rä­ten mas­siv ver­bes­sert hat und vor al­lem eine mög­lich­keit ge­schaf­fen hat güns­ti­ge blue­tooth-re­pea­ter in der woh­nung zu ver­tei­len sind blue­tooth sen­so­ren von ei­nem gros­sen, un­zu­ver­läs­si­gen scheiss zu ei­nem gros­sen ver­gnü­gen ge­wor­den. funk­tio­niert ein­fach.

das ein­zi­ge pro­blem, mei­ne bei­den vor­han­de­nen CO₂-sen­so­ren, die ich mir vor 4 jah­ren für 20 euro ge­baut habe, zeig­ten ganz an­de­re wer­te an. die al­ten sen­so­ren zeig­ten zu­ver­läs­sig an wenn mehr leu­te im raum wa­ren oder bei­spiels­wei­se der back­ofen heiz­te. aber ganz of­fen­sicht­lich wa­ren sie nicht die boh­ne ka­li­briert, bzw. ka­li­brier­ten au­to­ma­tisch den in 24 stun­den ge­mes­se­nen nied­rigs­ten wert als 400 ppm. which is quatsch.

aber die­se au­to­ka­li­brie­rung lässt sich ab­stel­len und ma­nu­ell vor­neh­men. ich musst enur mei­ne al­ten my­sen­sors-sket­che ein biss­chen über­ar­bei­ten (die­se bi­blio­thek funk­tio­niert wun­der­bar) und den sen­so­ren ei­nen schal­ter hin­zu­fü­gen, da­mit ich sie per ho­me­as­sistant ka­li­brie­ren konn­te.

die „ka­li­brie­rung“ nahm ich auf dem bal­kon vor, die sen­so­ren 20 mi­nu­ten draus­sen mes­sen las­sen, die­sen wert als 400 ppm ka­li­brie­ren und dann wie­der rein mit den sen­so­ren. jetzt habe ich drei ka­li­brier­te CO₂-sen­so­ren, auch wenn die wer­te des mhz19-sen­sors 200 pmm zu hoch schei­nen, so sind die wer­te jetzt de­fi­ni­tiv aus­sa­ge­kräf­ti­ger.


brown­sche mo­le­ku­lar­be­we­gung

felix schwenzel

das mor­gen­ri­tu­al von frda und mir ist bei­na­he je­den tag gleich. ich ste­he auf, sie bleibt noch eine hal­be oder gan­ze stun­de (im mei­nem bett) lie­gen, wäh­rend ich in der kü­che im in­ter­net lese und kaf­fee trin­ke. sie kennt die ge­räu­sche die ich in der kü­che ma­che und weiss, da pas­siert nichts für sie in­ter­es­san­tes. spä­tes­tens um 7 steht sie aber auf und prüft die lage. wenn ich noch mit dem in­ter­net be­schäfg­tigt er­schei­ne, die spül­ma­schi­ne aus­räu­me oder wei­ter kaf­fee zu­be­rei­te und in mich rein kip­pe, legt sie sich wie­der zum dö­sen hin, jetzt aber so, dass sie mich im zwei­fel im blick hat.

wenn ich mor­gens nicht in gang kom­me ver­sucht sie mich durch in­ten­si­ves an­star­ren dazu zu brin­gen mal lang­sam in gang zu kom­men.

das ers­te zeu­chen dass es lang­sam los geht ist, wenn ich den kühl­schrank öff­ne und den maas­dam­mer raus­ho­le und in klei­ne wür­fel schnei­de (ihr le­cker­chen für den mor­gen­spa­zier­gang). so­bald ich mit den le­cker­chen an­fan­ge steht sie auf streckt sich ge­nüss­lich und sehr laut und be­ob­ach­tet mich (zu­rück­hal­tend) beim le­cker­chen zu­schnei­den.

wenn die le­cker­chen ge­schnit­ten sind, star­tet die nächs­te es­ka­la­ti­ons­stu­fe wenn ich mich um­zie­he. das ist das si­gnal für fri­da dass es jetzt bald los­geht und da­mit fan­gen (wahr­schein­lich) die bo­ten­stof­fe bei ihr an zu zir­ku­lie­ren. sie läuft im flur auf und ab und dreht krei­se um mich, um mich sub­til zur tür zu zie­hen.

heu­te gab es eine klit­ze­klei­ne stö­rung im be­triebs­ab­lauf. beim kä­se­schnei­den fiel mir auf, dass die bio­müll­ton­ne voll war und stell­te sie in den flur. fri­da be­glei­te­te mich in den flur und be­schnup­per­te noch ein biss­chen die bio­ton­ne. wäh­rend sie ab­ge­lenkt im flur schnup­per­te warf ich ihr ein kä­se­stück­chen in ih­ren fres­napf und schnitt wei­ter käse. fri­da stiess wie­der zu mir in die kü­che und be­ob­ach­te­te mich ru­hig beim kä­se­schnei­den.

weil ge­ruchs­mo­le­kü­le ihr zeit brau­chen um sich durch die luft zu be­we­gen („der mitt­le­re qua­dra­ti­sche Ab­stand von ih­rem Aus­gangs­punkt“ wächst pro­por­tio­nal zur Zeit) dau­er­te es auch 30-40 se­kun­den bis sie be­merk­te, dass nicht nur auf der ar­beit­plat­te käse lag, son­dern auch in der nähe des bo­dens. als hät­te sie je­mand an der sei­te an­ge­tippt, riss sie ih­ren kopf rich­tung fut­ter­napf und fand und ver­speis­te den käse.

die­se lang­wei­li­ge ge­schich­te ist im ver­gleich zu dem was fri­da sonst mit ih­rer nase macht völ­lig un­spek­ta­ku­lär, ich woll­te es aber trotz­dem auf­schrei­ben, weil es mich heu­te früh fas­zi­niert hat. viel fas­zi­nie­ren­der ist na­tür­lich, dass fri­da per­son­nen fin­den kann, die über hun­der­te von me­tern durch die stadt ge­lau­fen sind (wenn man ihr eine ge­ruchs­pro­be der ziel­per­son zeigt) oder ei­nen tan­nen­zap­fen in ei­nem hau­fen tan­nen­zap­fen fin­den kann, den die bei­fah­re­rin vor­her kurz an­ge­fasst hat.


ta­do ther­mo­stat nach sechs jah­ren ir­repa­ra­bel?

felix schwenzel

eins un­se­rer tado ther­mo­sta­te zeigt neu­er­dings auf dem dis­play die tem­pe­ra­tur in fah­ren­heit an. tado bie­tet ei­gent­lich gar nicht die mög­lich­keit die an­zei­ge ein­heit zu än­dern, das geht, sagt das in­ter­net, nur über den sup­port.

sup­port geht bei tado neu­er­dings (?) nur über die chat-funk­ti­on. das ist wun­der­bar asyn­chron und zieht sich ge­ge­be­nen­falls über meh­re­re tage hin.

je­den­falls sag­te mir der sup­port am ende das üb­li­che, „did you try to turn it off and on again?“ — oder in tado-sprech:

Sie könn­ten, falls das noch nicht ge­sche­hen ist das Ther­mo­stat noch­mal kom­plett aus dem Ac­count lö­schen. Das Zim­mer gleich mit. Dann strom­los ma­chen, er­neut pai­ren und Raum er­stel­len.

der schluss­satz hat mich dann aber doch über­rascht:

Das Ge­rät ist halt auch schon ziem­lich alt und im Ernst­fall lei­der nicht re­pa­ra­bel.

un­se­re eta­gen­hei­zung dürf­te so um die 20 oder 30 jah­re alt sein und kürz­lich wur­den bei ei­ner war­tung ge­schätzt ein drit­tel der tei­le der an­la­ge aus­ge­tauscht. sen­so­ren, tei­le der brenn­kam­mer und so. auch die 20-30 jah­re al­ten ther­mo­sta­te funk­tio­nie­ren noch, auch wenn wir sie alle ab­mon­tiert ha­ben und mit tado ther­mo­sta­ten aus­ge­tauscht ha­ben. vor sechs jah­ren ha­ben wir uns die din­ger un­ge­fähr an­ge­schafft, hier ist mei­ne re­zen­si­on von da­mals.

um die 70 euro kos­ten die din­ger pro stück und tado meint die sei­en nach sechs jah­ren so ver­al­tet, dass sie ir­repa­ra­bel sei­en?

ich fin­de das schon sehr ir­ri­tie­rend, so­et­was bei ei­nem sup­port-ge­spräch zu le­sen, zu­mal es sich hier ja auch of­fen­sicht­lich nicht um ein hard­ware, son­dern ein soft­ware pro­blem han­delt. und weil die soft­ware pro­prie­tär ist, kann man da als end­be­nut­zer auch nichts ma­chen, aus­ser zu hof­fen das ab­mel­den und neu­an­mel­den viel­leicht hilft.

aber auch nach sechs jah­ren, mit teil­wei­se schon „schon ziem­lich al­ten“ ther­mo­sta­ten, bin ich, sind wir, nach wie vor su­per zu­frie­den mit dem tado-sys­tem. es ist nach wie vor eine der tech­no­lo­gien in der woh­nung, das im hin­ter­grund ar­bei­tet und für eine an­ge­neh­me at­mo­sphä­re sorgt sorgt, ohne dass man sich um ir­gend­was küm­mern muss. aus­ser na­tür­lich wenn man wäh­rend ei­ner gas­preis­explo­si­on die hei­zungs­steue­rung ins­ge­samt ein paar grad re­du­zie­ren möch­te und des­halb alle schalt­plä­ne der hei­zung ein­mal an­fasst — und dann wie­der ver­gisst.

und ein ernst­fall ist die fah­ren­heit-an­zei­ge ja auch nicht. in der app und der API funk­tio­niert wei­ter­hin al­les ein­wand­frei und auch die hard­ware zickt bis­her nicht rum.

screenshot von einer von „alexanders“ anmerkungen im support-chat: „Sie könnten, falls das noch nicht geschehen ist das Thermostat nochmal komplett aus dem Account loschen. Das Zimmer gleich mit. Dann stromlos machen, erneut pairen und Raum erstellen. Das Gerat ist halt auch schon ziemlich alt und im Ernstfall leider nicht reparabel. Viele Grüße, Alexander“

nach­trag: es stell­te sich spä­ter her­aus, dass die tem­pe­ra­tur des ther­mo­stats auf fah­ren­heit kon­fi­gu­riert war. um­stel­len konn­te ich das in ho­me­kit. das ther­mo­stat funk­tio­niert bis heu­te ein­wand­frei.


die en­er­gie­bi­lanz un­se­rer woh­nung im no­vem­ber

felix schwenzel

mit @ho­me­as­sistant mes­se ich schon seit über ei­nem jahr un­se­ren strom­ver­brauch. da­für er­fas­se ich den strom­zäh­ler­stand mit ei­ner bil­li­gen, auf­ge­kleb­ten esp-ka­me­ra und cloud OCR (zur zeit via goog­le). die ein­zel­wer­te (lich­ter, spül-, wasch- etc-ma­schi­nen) er­fas­se ich mit ein paar mess-steck­do­sen aber vor al­lem mit der „cus­tom in­te­gra­ti­on“ ho­me­as­sistant-power­calc, mit der die ver­brauchs­wer­te sich sehr ak­ku­rat be­rech­nen/schät­zen las­sen. für die du­sche und den boi­ler lei­te ich die wer­te von ei­nem tem­pe­ra­tur­sen­sor an der heiss­was­ser­lei­tung ab, da­für war ei­ni­ges an ka­li­brie­rung und aus­pro­bie­ren nö­tig, aber die wer­te pas­sen mitt­ler­wei­le ganz gut.

die­sen mo­nat habe ich an­ge­fan­gen, bzw. ver­sucht auch den ver­brauch der hei­zung zu er­fas­sen. wir be­nut­zen tado ven­ti­le und las­sen tado auch al­les steu­ern. tado nutzt die da­ten die wir er­zeu­gen mitt­ler­wei­le auch ganz sinn­voll und stellt Abon­nen­ten seit ner wei­le eine or­dent­lich ka­li­brier­te ver­brauchs­schät­zung zur ver­fü­gung mit der sich auch his­to­ri­sche da­ten zum ver­gleich an­zei­gen las­sen.

ers­te er­kennt­nis hier, im ver­gleich zum vor­jahr ha­ben wir zwar un­se­re ziel­tem­pe­ra­tu­ren or­dent­lich ge­senkt (1-3 grad), aber das glei­che wie im letz­ten no­vem­ber ver­braucht (da­für war der ok­to­ber wär­mer, da ha­ben wir im ver­gleich 100% we­ni­ger ver­braucht).

zwei­te er­kennt­nis: ein gross­teil der en­er­gie geht bei uns für warm­was­ser­er­zeu­gung drauf, der en­er­gie­ver­brauch für lich­ter und ge­rä­te ist na­he­zu ver­schwin­dend ge­ring im ver­gleich zu der en­er­gie die für war­mes was­ser drauf­geht.

da­durch dass ich jetzt den hei­zungs­ver­brauch ei­ni­ger­mas­sen gut ken­ne, sehe ich das in den letz­ten bei­den ta­gen, an de­nen ich so­wohl ge­kocht als auch ge­ba­cken habe, der gas­ver­brauch des herds auch noch­mal je­weils 15 kWh war. die­se men­ge hat mich dann doch sehr über­rascht (auch wenn die kWh gas sehr viel güns­ti­ger ist als die kWh strom).

wir (bzw. home as­sistant) schal­ten alle lich­ter bei nicht-ge­brauch aus und ha­ben aus­schliess­lich LEDs im ein­satz. aber dass der en­er­gie­ver­brauch für lich­ter und ge­rä­te ge­ra­de mal 15-20 % un­se­rer en­er­gie­bil­naz (im win­ter) aus­macht, ist dann schon be­mer­kens­wert.

(an­mer­kung: der gas­ba­sier­te en­er­gie­ver­brauch ba­siert auf der stark ver­ein­fach­ten rech­nung kWh = m³×10)


fel­sen­la­by­rinth bei vrát

felix schwenzel

ei­gent­lich las­se ich fri­da ger­ne an der schlepp­lei­ne frei vor mir lau­fen — so­lan­ge sie nicht wei­ter vor­läuft als die schlepp­lei­ne lang ist. zu­hau­se, auf ge­wohn­ten we­gen, klappt das su­per. auf ge­teer­ten we­gen, bzw. auf we­gen auf de­nen auch fahr­rä­der un­ter­wegs sind muss sie ei­nen ein-me­ter-ra­di­us ein­hal­ten. das üben wir in ber­lin über ki­lo­me­ter hin­weg — und das klappt so gut, dass sie mil­erwei­le so­gar den ab­stand re­du­ziert, also zu mir kommt, wenn sie rad­fah­rer kom­men sieht.

(bil­der zu die­sem text auf in­sta­gram, oder hier, bzw. wei­ter un­ten)

im ur­laub klappt das nicht so gut, bzw. nicht auf dau­er. da wird ihr vor­aus­kund­schaf­ten, ihre prü­fung des un­be­kann­ten was hin­ter je­der ecke, je­der er­hö­hung ste­cken könn­te so ein­neh­mend, dass sie uns an der lei­ne schnell mal ver­gisst — ob­wohl es ihr ehr­geiz ist un­ser drei­er-ru­del stets bei­sam­men zu hal­ten..

glück­li­cher­wei­se kann fri­da ihre modi ganz gut um­schal­ten. wenn wir ihr si­gna­li­sie­ren dass sie jetzt auf bein­hö­he blei­ben soll, macht sie das auch, wenn man auf­passt und klei­ne in­ten­tio­nen vor­zu­pre­schen mit win­zi­gen lei­nen­si­gna­len quit­tiert. ne­ben ei­nem re­agiert fri­da al­ler­höchst­sen­si­bel auf je­des noch so klei­ne lei­nen­si­gnal. mir ist jetzt auch auf­ge­fal­len war­um: sie denkt, wenn ich ne­ben ihr gehe, dass je­des lei­nen­si­gnal von mir kommt, qua­si mei­ne hand ist. ab ei­nem ab­stand von ei­nem me­ter wer­den die lei­nen­si­gna­le im­mer igno­rier­ba­rer. sie kom­men noch an, wenn sie stär­ker sind, aber ich glau­be sie nimmt si­gna­le auf ab­stand eher als an­onym, na­tur­ge­ge­ben wahr — sie ver­bin­det sie nicht mehr un­mit­tel­bar mit mir.

je­den­falls scheint es fri­da leicht zu fal­len sich zu­rück zu neh­men, wenn wir ihr das si­gna­li­sie­ren, und ne­ben oder zwi­schen uns zu lau­fen. das klappt dann auch über ki­lo­me­ter hin­weg, ohne wei­te­re kor­rek­tu­ren. ich glau­be ei­ner­seits ist das ziem­lich an­stren­gend für sie, weil sie sehr auf uns ach­tet, aber wei­ter­hin auch noch auf die neue um­ge­bung ach­tet. an­de­rer­seits über­lässt sie uns dann auch alle ent­schei­dun­gen, sie nimmt sich also nicht nur zu­rück, son­dern ord­net sich, zu­min­dest was das aus­kund­schaf­ten, be­wer­ten, ent­schei­den an­geht, völ­lig un­ter.

heu­te ha­ben wir eine neue va­ri­an­te aus­pro­biert, weil die wege auf de­nen wir un­ter­wegs wa­ren zu eng wa­ren um ne­ben­ein­an­der zu ge­hen, nicht nur zu dritt ne­ben­ein­an­der, son­dern auch hund ne­ben mensch. fri­da ak­zep­tiert auf en­gen we­gen (wenn es für sie sinn er­gibt) auch sehr schön das kom­man­do „hin­ten“. aber auf den en­gen fels­we­gen heu­te woll­te ich sie ger­ne im blick ha­ben. also lau­te­te die neue re­gel heu­te: ka­tia läuft vor, fri­da darf sie nicht über­ho­len, ich fol­ge am ende. auch das hat er­staun­lich gut ge­klappt. man merk­te sie wäre ger­ne vor­ge­lau­fen, aber man merk­te auch, dass sie die ge­setz­te gren­ze ak­zep­tier­te. ge­le­gent­lich wa­ren leich­te kor­rek­tu­ren nö­tig, aber ins­ge­samt war das ein sehr ent­spann­tes spa­zie­ren­ge­hen, auch auf brei­te­ren we­gen.

Photo by felix schwenzel on March 31, 2022. Keine Fotobeschreibung verfügbar..

fel­sen­la­by­rinth bei vrát
text dazu auf wir­res.net/11414

ursprünglich veröffentlicht am 31.03.2022

(auch auf ko­moot)

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Al­les ist mög­lich, wenn man es macht (t3n 64)

felix schwenzel in t3n

Vor un­ge­fähr 25 Jah­ren, als ich das In­ter­net für mich ent­deck­te, gab es kein Face­book oder Twit­ter, Goog­le war noch ganz jung. Auf ei­nem Ser­ver der Stan­ford-Uni­ver­si­tät lag aber schon eine Web­site, die „Jer­ry and Da­vid’s Gui­de to the World Wide Web“ hieß und sich ein paar Jah­re spä­ter in Ya­hoo um­be­nen­nen wür­de.

Das In­ter­net war so de­zen­tral, wie es nur sein konn­te, und des­halb auch un­durch­sich­tig. Dar­um be­müh­ten sich Men­schen wie Jer­ry Yang und Da­vid Filo, Weg­wei­ser für die­se un­über­sicht­li­che Welt zu bau­en.

Nach wie vor wol­len sehr vie­le Men­schen – und Fir­men – Weg­wei­ser durch die ver­netz­te Welt sein oder auch bau­en. Auch wenn die gro­ßen Platt­for­men zu­neh­mend wie schwar­ze Lö­cher wir­ken und ver­su­chen, Be­su­cher in ih­ren ei­ge­nen, ge­schlos­se­nen Sys­te­men ein­zu­he­gen, er­schlie­ßen und ver­knüp­fen sie wei­ter­hin die de­zen­tra­len Wei­ten des In­ter­nets.

Was sich ver­än­dert hat, ist die Zu­gäng­lich­keit. Platt­for­men ha­ben die Zu­gangs­schwel­len zum ehe­mals eher eli­tä­ren, tech­nisch an­spruchs­vol­len Netz ge­senkt. Um sich am In­ter­net zu be­tei­li­gen, be­nö­tigt man heu­te nicht mehr viel tech­ni­sches Wis­sen.

Der Preis für die­se Be­quem­lich­keit, die nied­rig­schwel­li­ge Zu­gäng­lich­keit und hohe Ver­net­zungs­dich­te der kom­mer­zi­el­len Platt­for­men ist ein ge­wis­ser Ver­lust an Kon­trol­le. Wer ein Ge­fühl der Kon­trol­le be­hal­ten möch­te, kann im In­ter­net nach wie vor al­les selbst ma­chen. Ein­fach ir­gend­wo Ser­ver­ka­pa­zi­tät mie­ten und eine Web­site ins Netz stel­len.

Ich habe lan­ge ei­nen er­heb­li­chen Teil mei­ner Zeit in mei­ne selbst­ver­wal­te­te Web­site ge­steckt, die ich auch als Trä­ger mei­ner On­line-Iden­ti­tät an­sah. Ich woll­te mein di­gi­ta­les Ich nicht al­lein kom­mer­zi­el­len Platt­for­men über­las­sen. Werk­zeu­ge, um mei­ne On­line-Ak­ti­vi­tä­ten in mei­nem Blog zu spie­geln und zu ar­chi­vie­ren, Kom­men­ta­re, Li­kes und Favs, In­sta­gram- und Face­book-Posts ins Blog zu zie­hen, fand ich zu­hauf im Netz. Be­son­ders er­gie­big und fas­zi­nie­rend sind die Werk­zeu­ge, die ein Kreis von ähn­lich Den­ken­den un­ter dem Dach des In­die­web baut, sam­melt und nutzt. Die Idee da­hin­ter ist nicht nur, ein Netz von un­ab­hän­gi­gen und de­zen­tra­len per­sön­li­chen Web­sites zu schaf­fen und (so­zi­al) zu ver­bin­den. Es geht auch dar­um, die gro­ßen, kom­mer­zi­el­len Platt­for­men in die­ses un­ab­hän­gi­ge Netz funk­tio­nal zu in­te­grie­ren.

Aber man muss im In­die­web eben fast al­les sel­ber ma­chen und ver­ste­hen – und dazu reich­lich Zeit in­ves­tie­ren. Und die Zeit ist ein Pro­blem beim Sel­ber­ma­chen. Seit wir ei­nen Hund ha­ben und dank Co­ro­na mehr oder we­ni­ger im­mer zu Hau­se sind, habe ich schlag­ar­tig das In­ter­es­se am Blog­gen und an de­zen­tra­len (und zen­tra­len) so­zia­len Netz­wer­ken ver­lo­ren. Ab­ge­se­hen von ge­le­gent­li­chen Hun­de­fo­tos auf In­sta­gram ma­che ich on­line kaum noch et­was selbst.

Grund­sätz­lich ma­che ich na­tür­lich wei­ter­hin vie­les selbst. Ir­gend­was gibt’s in der Woh­nung im­mer zu op­ti­mie­ren, ich ko­che je­den Tag und über­le­ge, ob ich noch mal die hy­dro­po­ni­sche Ba­si­li­kum-Auf­zucht mit Wachs­tums­lam­pen in der Spei­se­kam­mer an­ge­hen soll.

Ver­mut­lich geht das vie­len Men­schen ähn­lich: Sel­ber­ma­chen macht Spaß und be­frie­digt – aber al­les sel­ber zu ma­chen, über­zieht schnell das Le­bens­zeit­kon­to. Bei mir wur­de das In­ter­es­se, am Auf­bau von de­zen­tra­len so­zia­len Netz­wer­ken mit­zu­wir­ken, vom Nest­bau, der Woh­nungs­au­to­ma­ti­sie­rung und Be­schäf­ti­gung mit dem Hund ab­ge­löst. Je­mand, der Fil­me dreht und schnei­det, will sich eher nicht auch selbst um das Hos­ting von Vi­deo­da­tei­en küm­mern. Wer sich on­line ger­ne strei­tet, sucht wahr­schein­lich nicht in den Ni­schen und de­zen­tra­len Al­ter­na­tiv­netz­wer­ken nach Mit­strei­tern, son­dern da, wo oh­ne­hin schon alle sind: auf den gro­ßen Platt­for­men.

Wenn ich aber die Au­gen zu­sam­men­knei­fe und mei­nen Ab­stand zu so­zia­len Netz­wer­ken we­gen In­ter­es­sens­ver­rü­ckun­gen et­was er­hö­he, fühlt sich das In­ter­net im­mer noch an wie vor 25 Jah­ren. Un­über­sicht­lich, vol­ler bun­ter Ni­schen und bis zum Rand mit Po­ten­zi­al ge­füllt.

Oder um das In­ter­net und die gro­ßen Platt­for­men mal mit dem Uni­ver­sum und dem gan­zen Rest zu ver­glei­chen: Mit Ab­stand er­kennt man, dass schwar­ze Lö­cher zwar rie­sig und sehr at­trak­tiv sind, aber auch, dass das Uni­ver­sum aus viel mehr als schwar­zen Lö­chern be­steht. Al­les ist mög­lich, wenn man es macht – oder wenn’s pas­siert. Ich freue mich je­den­falls auf die nächs­ten 25 Jah­re In­ter­net.


Mus­ter im Mist (t3n 63)

felix schwenzel in t3n

Ich glau­be mitt­ler­wei­le, dass es so et­was wie Ta­lent gar nicht gibt. Oder po­si­tiv for­mu­liert: Ta­lent kann man sich er­ar­bei­ten – wenn man denn will. Der Wil­le ist das Ent­sch­ei­den­de. Ge­nau­so dürf­te es sich mit der Krea­ti­vi­tät ver­hal­ten. Je­mand, der dar­über klagt, nicht krea­tiv zu sein, klagt ei­gent­lich dar­über, sei­nen Geist nicht mehr ziel­los um­her­ir­ren las­sen zu kön­nen. Ziel­lo­sig­keit, ein Ver­hal­ten, das nichts di­rekt er­rei­chen will, das ei­gent­lich über­flüs­sig ist, nennt man auch Spiel.

Die Fä­hig­keit, zu spie­len, ha­ben wir alle mal be­ses­sen. Je­der Mensch war als Kind vol­ler Krea­ti­vi­tät (oder wie man bei jün­ge­ren Men­schen sagt: Fan­ta­sie). Im Lau­fe des Le­bens kon­zen­trie­ren Men­schen sich mehr und mehr auf die nütz­li­che­ren Din­ge, for­mu­lie­ren Zie­le oder – auch sehr be­liebt – ar­bei­ten am Auf­bau ih­rer Exis­tenz­ängs­te. Ängs­te oder (ge­fühl­te) Man­gel­zu­stän­de hem­men die Spiel­be­reit­schaft und stär­ken die Ziel­stre­big­keit.

In mei­ner vor­letz­ten Ko­lum­ne schrieb ich:

„Spiel hilft uns nicht nur, die Welt zu er­fah­ren und bes­ser zu ver­ste­hen, durch Spiel, zweckent­bun­de­nes, also ziel­lo­ses Ver­hal­ten, schaf­fen wir im bes­ten Fall auch Neu­es.“

Aber ganz so ein­fach ist es mit der Krea­ti­vi­tät na­tür­lich auch nicht. Spiel­be­reit­schaft, die Be­reit­schaft zum ziel­lo­sen (geis­ti­gen) Um­her­wan­dern, ist nicht al­les. Krea­ti­vi­tät ist har­te Ar­beit, auch wenn das von au­ßen nicht im­mer so aus­sieht.

Mein Ver­ständ­nis von Krea­ti­vi­tät sieht kurz ge­fasst so aus:

Ein­ga­be – Ver­ar­bei­tung – Mus­ter­er­ken­nung – Aus­ar­bei­tung – Aus­ga­be

Ein­ga­be und Ver­ar­bei­tung kom­men dem klas­si­schen Spiel nahe. Um krea­tiv zu sein, muss man erst mal un­zäh­li­ge Ein­drü­cke und Bil­der sam­meln. Mit die­sen Ein­drü­cken kann man spie­len, sie neu kom­bi­nie­ren und sie zu ver­ste­hen ver­su­chen. Als Kin­der lau­fen wir mit of­fe­nen Au­gen durch die Welt, neh­men al­les in uns auf, spie­len das Ge­se­he­ne nach, ver­dau­en, va­ri­ie­ren, kom­bi­nie­ren und se­zie­ren al­les im­mer wie­der neu – und ler­nen so, nach und nach die Welt zu ver­ste­hen.

Im Er­wach­se­nen­al­ter ha­pert es schon bei der Ein­ga­be ge­le­gent­lich. Wir fil­tern das ver­meint­lich Nutz­lo­se, blen­den Ein­drü­cke aus, knei­fen die Au­gen zu­sam­men. Se­hen muss man im­mer wie­der neu ler­nen und op­ti­mie­ren. Ma­ler se­hen nicht nur Mus­ter, wenn sie sich ei­nen Son­nen­un­ter­gang an­se­hen, son­dern auch Farb­flä­chen. Ar­chi­tek­ten se­hen Li­ni­en, wo gar kei­ne sind. Je­mand mit ei­nem Ham­mer in der Hand sieht über­all Nä­gel.

Se­hen al­lei­ne reicht für die Ein­ga­be na­tür­lich nicht aus; das Ge­se­he­ne muss ver­ar­bei­tet wer­den. Vie­le spre­chen in die­sem Zu­sam­men­hang auch vom le­bens­lan­gen Ler­nen. Kei­ne Er­fin­dung ist aus dem Nichts ent­stan­den, Neu­es ent­steht im­mer auf den Schul­tern, den Vor­ar­bei­ten an­de­rer. Zu se­hen, zu ver­ste­hen, neu­gie­rig auf das sein, was an­de­re ma­chen, ohne Ende zu ler­nen – das schafft ei­nen Strom an Ein­drü­cken, den wir dann ver­dau­en, ver­ar­bei­ten, be­brü­ten und neu zu­sam­men­set­zen kön­nen.

Da­bei kommt, wie im­mer bei Ver­dau­ungs­vor­gän­gen, viel Mist her­aus. Auch hier ist eine gut trai­nier­te Mus­ter­er­ken­nung hilf­reich, um die Gold­adern im Mist zu ent­de­cken.

Mus­ter im Cha­os, im Mist zu er­ken­nen, ist das Aha-Er­leb­nis der Krea­ti­vi­tät. Nach­dem man Bil­der und Mus­ter in sich auf­ge­nom­men hat, die an­kom­men­den Da­ten ver­ar­bei­tet, da­mit ge­spielt, sie zer­schnit­ten und neu zu­sam­men­ge­setzt hat, kommt am Ende eine mick­ri­ge Idee raus. Die Ideen, die am Ende des Pro­zes­ses her­aus­trop­fen, sind das eine Pro­zent, das Tho­mas Alva Edi­son mein­te, als er sag­te, dass „Krea­ti­vi­tät zu ei­nem Pro­zent In­spi­ra­ti­on und zu 99 Pro­zent Tran­spi­ra­ti­on“ sei. Die rest­li­chen 99 Pro­zent sind die Aus­ar­bei­tung und die Prü­fung der Ideen – ob sie viel­leicht doch Mist sind oder zu glän­zen ver­mö­gen.

Krea­ti­ve Ar­beit be­inhal­tet vie­le ver­meint­lich nutz­lo­se Tä­tig­kei­ten. Sie er­for­dert Zeit, le­bens­lan­ges Ler­nen, end­lo­se In­for­ma­ti­ons­auf­nah­me und Mus­ter­er­ken­nung – und ist nicht im­mer von Er­folg ge­krönt. Vor al­lem gibt es kei­ne Pa­tent­re­zep­te für Krea­ti­vi­tät – au­ßer viel­leicht, dass es ein An­fang sein kann, auch das Nutz­lo­se als ziel­füh­rend an­zu­se­hen, den Spaß am Spiel neu zu ent­de­cken und eine un­bän­di­ge Neu­gier auf die Welt zu ent­wi­ckeln. Freu­de am Schei­tern, oder bes­ser: Wil­le und Be­reit­schaft, im­mer wie­der zu strau­cheln, bis ir­gend­wann et­was Gu­tes her­aus­kommt, ist dann doch et­was, was man Ta­lent nen­nen könn­te.


Auf­ge­scho­ben ist gut auf­ge­ho­ben (t3n 62)

felix schwenzel in t3n

„Din­ge ge­re­gelt krie­gen ohne ei­nen Fun­ken Selbst­dis­zi­plin“ – Kath­rin Pas­sig und Sa­scha Lobo ha­ben in ih­rem Buch vor 13 Jah­ren das „Pro“ in Pro­kras­ti­na­ti­on her­aus­ge­ar­bei­tet: wie man wich­ti­ge Ar­bei­ten vor sich her­schiebt und trotz­dem pro­duk­tiv bleibt und Sa­chen er­le­digt be­kommt.

Mich hat das Buch da­mals tief be­ein­druckt, weil es mir half, eine mei­ner ver­meint­lich schlech­ten Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten – al­les so lan­ge auf­zu­schie­ben, bis es fast knallt – zu ra­tio­na­li­sie­ren und zum be­wuss­ten und pro­duk­ti­ven Selbst­be­trug zu nut­zen.

Mitt­ler­wei­le habe ich das Auf­schie­ben pro­fes­sio­na­li­si­ert. Al­les, was ich er­le­di­gen muss oder will oder auch Ideen, die ich habe, schrei­be ich mir sorg­fäl­tig mit Fäl­lig­keits­da­tum und Prio­ri­tät in mein Er­le­di­gungs­pro­gramm, für das ich mir so­gar eine Pre­mi­um-Li­zenz be­sorgt habe.

Da­mit be­freie ich mei­nen Kopf von al­len drin­gen­den und drän­gen­den Auf­ga­ben. Das Bes­te ist al­ler­dings, dass sich Ar­beit per App noch bes­ser und ein­fa­cher auf­schie­ben lässt als im Kopf oder auf Pa­pier. Taucht zum Bei­spiel die Mah­nung auf, dass ich mei­ne t3n-Ko­lum­ne mal lang­sam schrei­ben müss­te, lässt sie sich per Klick ein­fach auf den nächs­ten Tag oder die nächs­te Wo­che ver­schie­ben. Mir fällt es über­haupt nicht schwer, so eine Auf­ga­be meh­re­re Wo­chen vor mir her­zu­schie­ben. Der Druck kommt dann erst mit den E-Mails aus der Re­dak­ti­on.

Die­se Um­wid­mung ei­ner To-do-App in eine To-not-do-App hilft mir nicht nur, ei­nen frei­en und kla­ren Kopf zu be­hal­ten; vie­le Auf­ga­ben er­le­di­gen sich so auch von selbst oder wer­den mit der Zeit egal.

Na­tür­lich gibt es ef­fi­zi­en­te­re Me­tho­den, Din­ge zu er­le­di­gen. Der ent­sch­ei­den­de Punkt ist aber nicht, wel­che Pro­duk­ti­vi­täts­stra­te­gie die ef­fi­zi­en­tes­te oder bes­te ist, son­dern wel­che Me­tho­den es mir per­sön­lich er­leich­tern, die An­for­de­run­gen mei­nes Le­bens am bes­ten aus­zu­ba­lan­cie­ren.

Das gilt nicht nur für Auf­ga­ben­mas­sen, son­dern auch für die Reiz­über­flu­tung und die „In­for­ma­ti­ons­ge­wit­ter“, die in der ver­netz­ten Welt auf uns ein­pras­seln.

Frü­her™, so vor 18 Jah­ren, als ich an­fing, ins In­ter­net zu schrei­ben, habe ich mich manch­mal ab­sicht­lich in ei­nen Zu­stand der Ge­reizt­heit ver­setzt, um zu blog­gen. Man­gel an Din­gen, über die man sich auf­re­gen konn­te, gab es auch da­mals nicht. Nach dem Blog­gen schwoll mei­ne selbst pro­vo­zier­te Auf­re­gung im­mer ganz schnell ab. Spä­ter habe ich mei­ne Stra­te­gie ge­än­dert; ich schrieb wei­ter­hin über Din­ge, die mich auf­reg­ten, ver­such­te sie aber so weit zu dif­fe­ren­zie­ren, dass mein Är­ger schon beim Schrei­ben ver­flog. Das Blog­gen wur­de für mich zu ei­ner Art Ver­dau­ungs­vor­gang, mit dem ich die di­gi­ta­len Rei­ze re­la­tiv ein­fach run­ter­küh­len und mich so auf den Rest mei­nes Le­bens oder das nächs­te Reiz­the­ma kon­zen­trie­ren konn­te.

Mitt­ler­wei­le blog­ge ich fast nur noch auf­schie­bend: Ich set­ze mir Le­se­zei­chen und no­tie­re mir Sa­chen, über die ich schrei­ben könn­te, und schie­be sie dann vor mir her – bis ich sie im Back­log ver­ges­se: back­log­gen statt web­log­gen.

Das Er­geb­nis bleibt das glei­che: Ich rege mich kaum noch auf; die Em­pö­rungs­wel­len auf Twit­ter be­ob­ach­te ich zwar, las­se sie aber an mir vor­bei­zie­hen. Dem po­li­ti­schen Ge­sche­hen fol­ge ich, schaf­fe es aber nicht, mich dar­über auf­zu­re­gen. Ich weiß, dass eh al­les kom­pli­zier­ter ist, als es scheint, und es fahr­läs­sig wäre, sich vor­schnell Mei­nun­gen zu bil­den. Des­halb pla­ne ich dann meist die Mei­nungs­bil­dung für ei­nen spä­te­ren Zeit­punkt. So schie­be ich nicht nur drin­gen­de Ar­bei­ten vor mir her, son­dern auch die Auf­re­gung.

„Auf­ge­scho­ben ist nicht auf­ge­ho­ben“, sagt der Volks­mund, dem ich hier of­fi­zi­ell wi­der­spre­chen möch­te:

Zu­nächst ist Auf­ge­scho­be­nes in mei­ner Er­le­di­gungs­lis­te sehr wohl gut auf­ge­ho­ben. Und an­de­rer­seits macht Auf­schie­ben den Blick frei für das We­sent­li­che. Auf­schie­ben ent­las­tet – zu­min­dest tem­po­rär – und lässt ei­nen die Din­ge, hin­ter de­nen Druck steht, ent­spann­ter, ru­hi­ger und prag­ma­ti­scher an­ge­hen. Den Kopf frei­zu­ma­chen von ver­meint­lich drin­gen­den Auf­ga­ben, fal­schen Mei­nun­gen an­de­rer, vom schnel­len Mei­nungs­äu­ße­rungs­druck – das könn­te man auch in­ne­re Ruhe, Mindful­ness oder Acht­sam­keit nen­nen. Ich nen­ne es lie­ber Prio­ri­tä­ten­set­zen durch Schie­ben und mil­den und ge­ziel­ten Selbst­be­trug. Durch die­se „Fil­ter­sou­ve­rä­ni­tät“ (selbst­ge­mach­te De­fi­ni­ti­on!) las­sen sich Stress, Auf­re­gung oder Ge­reizt­heit zeit­lich und räum­lich ein­gren­zen und ein biss­chen steu­ern.

So oder so: Keep calm and car­ry on.


wie heißt dein hund? nein?

felix schwenzel in artikel

ich sit­ze im ses­sel und gu­cke fern. die bei­fah­rein bringt mir eine schüs­sel mit nach­tisch: ge­trock­ne­te man­go und ana­nas, nüs­se und scho­ko­la­de. #fri­da soll auf der de­cke lie­gen, tut sie auch, schaut mich mit gros­sen au­gen an, aber bet­telt nicht. ich freu mich als sie ir­gend­wann so­gar den kopf ab­wen­det und auf den bo­den legt.

ich öff­ne mein han­dy und die home-app mit der ka­me­ra in dem raum in dem #fri­da ge­ra­de liegt, qua­si ne­ben dem nach­tisch, und gehe aufs klo.

sie bleibt lie­gen, für ne wei­le, steht dann aber auf und schnüf­felt in rich­tung nach­tisch-schüs­sel­chen. ich rufe aus dem bad ru­hig aber deut­lich: „nein! leg dich wie­der hin!“ nach den ob­li­ga­to­ri­schen 10 se­kun­den die sie nach auf­for­de­run­gen ohne kör­per­sprach­li­chen zu­satz­druck ver­ge­hen lässt, legt sie sich wie­der hin.

da­mit hat sie sich ne nuss ver­dient, die hof­fent­lich nicht die gan­zen er­zie­hungs­mass­nah­men wie­der ka­putt­macht. bin trotz­dem so stolz, dass ich mich be­müs­sigt füh­le das auf­zu­schrei­ben. und wenn ich ge­ra­de da­bei bin …

heu­te früh hät­te ich sie auch knut­schen kön­nen. auf dem heim­weg vom mor­gend­li­chen spa­zier­gang und trai­ning fand sie ei­nen gros­sen, ab­ge­nag­ten hüh­ner­kno­chen. mein „nein!“ liess sie (beim schnüf­feln) zö­gern, aber vom kno­chen liess sie noch nicht ab. noch ein „nein!“ half im­mer noch nicht, sie schnüf­fel­te wei­ter dran, erst ein drit­tes „nein!“ mit ei­nem leich­ten lei­nen­rückeln (am ge­schirr) war nö­tig bis sie ab­liess.

10 me­ter wei­ter wie­der ein hüh­ner­kno­chen. dies­mal hab ich ihn zu­erst ge­se­hen und konn­te sie schon „nei­nen“, als sie sich mit der nase nä­her­te. da liess sie gleich vom kno­chen ab. ich hat­te nur noch tro­cken­fut­ter als le­cker­chen da­bei, aber da­von hat sie dann ein paar be­kom­men.

auch er­freu­lich: seit ner wei­le schei­nen wir fri­da so weit aus­zu­las­ten, dass sie in der woh­nung wirk­lich to­tal ent­spannt. mor­gens zwi­schen sechs und sie­ben gehe ich mit ihr für ne stun­de und un­ge­fähr 5 ki­lo­me­ter raus, ein­mal von zu­hau­se durch den goe­the­park und die reh­ber­ge. un­ter­wegs, meis­tens im goe­the­park, be­kommt sie ihr hal­be fut­ter­por­ti­on im fut­ter­beu­tel, die sie sich durch blei­ben beim wer­fen und or­dent­li­ches ap­por­tie­ren er­ar­bei­ten muss. das fut­ter­beu­teln va­ri­ie­re ich, lass sie sit­zen und ver­steck den beu­tel (der beu­tel riecht mitt­ler­wei­le so stark, dass sie ihn riecht, wenn sie ei­nen me­ter an ihm vor­bei läuft) oder häng ihn in bäu­me.

eine klei­ne por­ti­on do­sen­fut­ter kann sie sich durch or­dent­li­ches ap­por­tie­ren ih­res lieb­lings­zerr­spiel­zeugs, dem ball mit der schnur, er­ar­bei­ten. aus­ser­dem ver­tie­fe ich draus­sen die tricks die wir ge­ra­de trai­nie­ren, da­bei kann sie sich dün­ne schei­ben ei­nes klei­nen ge­flü­gel­würst­chens er­ar­bei­ten; der­zeit üben wir „pföt­chen“ (rech­te hand ge­ben, funk­tio­niert fast per­fekt), „hand“ (lin­ke hand, klappt schon in an­sät­zen), platz aus dem lauf, down aus dem platz (kinn auf den bo­den, diekt vor mir und aus der di­stanz, klappt su­per weil sie das sel­ber stän­dig macht, so­bald sie an­de­re hun­de sieht), ach­ten durch die bei­ne lau­fen (fast per­fekt, nur am tem­po müs­sen wir noch ar­bei­ten), „around“ (von links nach rechts um hin­der­nis­se/bäu­me lau­fen, klappt su­per, mit bis zu 5 me­tern ab­stand zum hin­der­niss), „cir­cle“ (von rechts nach links um hin­der­nis­se lau­fen, klappt in an­sät­zen). was auch end­lich klappt: sit­zen und hin­le­gen aus der di­stanz, das war ein lan­ger weg, den durch­bruch hat das wer­fen der be­loh­nung hin­ter sie ge­bracht, da­mit hat sie ver­stan­den, wenn der rech­te arm oben ist, muss sie nicht erst zu mir kom­men fürs sit­zen oder plat­zen.

den rest des ge­flü­gel­würst­chen be­kommt sie fürs stre­cken­wei­se „bei mir°“ lau­fen („fuss!“ mö­gen wir ihr nicht sa­gen oder bei­brin­gen), für sau­be­res „stopp!“ auch aus der di­stanz.

auch wenn sie zu­hau­se (mit ein paar aus­nah­men) nichts mehr zu fres­sen be­kommt, son­dern sich ihr es­sen eben nur noch draus­sen er­ar­bei­tet, mo­ti­viert sie das es­sen gar nicht so sehr. den rück­ruf ha­ben wir mit al­len mög­li­chen su­per-foods auf­ge­baut, le­ber­wurst, do­sen­fut­ter, ge­trock­ne­ter fisch, aber rich­tig tem­po ist erst mit dem ball mit der schnur rein­ge­kom­men. die aus­sicht auf ein ge­die­ge­nes zerr­spiel mit dem ball lässt sie wirk­lich den tur­bo beim rück­ruf ein­schal­ten, ge­nau­so beim cur­ving (um hin­der­nis­se lau­fen). zer­ren ist das tolls­te. drin­nen läuft das wild, aber sehr sehr ge­sit­tet ab, draus­sen dreht sie beim zer­ren wirk­lich auf 180 auf. aber sie lässt sich auch draus­sen, mit ei­nem lei­sen „aus!“ un­ter­bre­chen und mitt­ler­wei­le las­sen sich dann in den kur­zen, an­ge­spann­ten pau­sen so­gar tricks ab­ru­fen:

heu­te beim zer­ren: „aus!“, „sitz!“ führ­te zu an­ge­spann­tem, zit­tern­dern­dem sit­zen und star­ren auf den ball hin­ter mei­nem rü­cken und ich wag­te noch ei­nen drauf zu set­zen: „pföt­chen!“ — ohne den blick ab­zu­wen­den leg­te sie die rech­te hand in mei­ne lin­ke und sprang wie ein ti­ger in rich­tung ball als ich lei­se mit „OK“ auf­lös­te.

die­se klei­nen ges­ten und klei­nen er­fol­ge ma­chen mich wirk­lich glück­lich und ich glau­be fri­da ma­chen sie auch spass. ich weiss, dass pu­del ei­nen aus­ge­präg­ten „will to plea­se“ ha­ben sol­len, aber ich be­ob­ach­te das (ganz leicht) ab­wei­chend: ich habe das ge­fühl, dass fri­da sa­chen ger­ne rich­tig ma­chen wür­de und nur frus­triert ist, wenn sie mich nicht ver­steht (ich mich nicht deut­lich oder ein­deu­tig ge­nug aus­drü­cke). das ist dann we­ni­ger: „was soll ich denn jetzt ma­chen?“ als viel mehr frust weil sie mich nicht ver­steht. letzt­end­lich ist das ne­ben dem „will to un­der­stand“ na­tür­lich auch „will to plea­se“, also der wil­le sa­chen so zu ma­chen wie ich es will.

je­den­falls scheint sie das gut aus­zu­las­ten, wenn wir ge­gen acht zu­rück sind schläft sie meis­tens bis 10 oder 11 uhr, geht kurz gas­si und schläft dann mehr oder we­ni­ger bis 14 oder 15 uhr durch. in den gas­si-run­den klappt’s auch per­fekt mit der lei­nen­füh­rig­keit, bzw. da ist dann nicht viel zu füh­ren, weil sie dann ein­fach per­fekt ne­ben mir her­trot­tet. auf dem weg zum park ist ihr vor­freu­de im­mer so gross, dass ich sie im­mer wie­der dar­an er­in­nern muss, dass auf dem bür­ger­steig ihr platz ne­ben mir oder nahe mir ist.

ab 15 uhr will sie spä­tes­tens wie­der be­schäf­tigt wer­den. meis­ten üben wir dann wei­ter tricks (im mo­ment rück­wärts ge­hen, über mein bein sprin­gen, links/rechts un­ter­schei­den ler­nen, männ­chen im sit­zen ohne ab­stüt­zen).

da­nach wird wei­ter­ge­schla­fen oder ent­spannt rum­ge­rä­kelt, bis 16 oder 17 uhr, wo dann die bei­fah­re­rin mit ihr eine stun­de in die reh­ber­ge geht. ei­gent­lich war das im­mer so ge­gen 17/18 uhr an­ge­sagt, aber die som­mer­zeit sorgt da­für dass es ge­gen 18 uhr schon dun­kel ist, also müs­sen die bei­den frü­her los. un­ter­wegs mit der bei­fah­re­rin spielt fri­da dann oft mit an­de­ren hun­den fan­gen und frisst ih­ren zwei­ten fut­ter­beu­tel­in­halt. da­nach schläft sie im prin­zip durch bis 6 uhr mor­gens, un­ter­bro­chen mit ein paar abend­li­chen kau-ses­si­ons an holz­kno­chen oder rot­wild-hör­nern, fern­se­hen schaut sie auch ger­ne und auf­merk­sam.

was hin­ge­gen noch gar nicht klappt ist tren­nung. wenn ich oder die bei­fah­re­rin al­lei­ne mit ihr los ge­hen, ist das kein pro­blem, dass ei­ner zu­hau­se zu­rück­bleibt. aber wenn wir zu­sam­men ge­hen und uns tren­nen weil ei­ner noch was er­le­di­gen muss, fällt ihr das sehr schwer. sie meint dann die her­de zu­sam­men­hal­ten zu müs­sen, ob­wohl sie uns mitt­ler­wei­le durch­aus die meis­ten ent­schei­dun­gen zu­traut und uns über­lässt. uns zu tren­nen, auch nur für kur­ze zeit, hält sie für eine fal­sche ent­schei­dung die sie kor­ri­gie­ren muss. auch wenn ei­ner von uns die woh­nung ohne sie ver­lässt er­zeugt das gros­se frus­tra­ti­on bei ihr, ob­wohl ihr die er­fah­rung sagt, dass wir im­mer zu­rück­kom­men. im­mer­hin ver­lässt sie die woh­nung erst nach auf­for­de­rung, ob­wohl sie mit si­cher­heit am liebs­ten im­mer mit raus­stür­men wür­de.

sehr froh sind wir auch dass fri­da kaum bellt. ge­le­gent­lich bellt sie wenn über­haupt aus frust oder über­er­re­gung, meis­tens beim fan­gen spie­len, wenn ein an­de­rer hund mal schnel­ler als sie ist, oder manch­mal, wenn sie mich beim trai­ning nicht ver­steht. ge­le­gent­lich bricht ein kur­zes bel­len aus ihr her­aus wenn sie jam­mert dass je­mand ohne sie die woh­nung ver­las­sen hat. tür­klin­geln macht sie neu­gie­rig, aber weil wir ihr sehr deut­lich ma­chen, dass das un­ser be­such ist (und nicht ih­rer) bleibt es bei neu­gier­de (statt es­ka­lie­ren­der freu­de). frem­de men­schen fin­det sie grund­sätz­lich toll, auf der stras­se teil­wei­se so­gar tol­ler als frem­de hun­de. als kürz­lich ein frem­der mensch durch un­se­re woh­nung lief (um sie zu ver­mes­sen) igno­rier­te sie den (nach­dem wir sie ins körb­chen be­or­dert hat­ten) ge­nau­so ent­spannt wie wir und kau­te auf ih­ren höl­zern rum.

ag­gres­si­vi­tät ha­ben wir bei fri­da noch nicht be­ob­ach­tet, angst ei­gent­lich auch nicht. sie moch­te zwar für eine wei­le nicht be­son­ders ger­ne über holz­brü­cken ge­hen, vor al­lem wenn die spalt­mas­se grös­ser als ein paar mil­li­me­ter wa­ren, aber ir­gend­wann ver­gass sie das ein­fach. of­fe­ne trep­pen fin­det sie un­heim­lich, aber in der säch­si­schen schweiz hat sie sich nach an­fäng­li­chem zö­gern ent­schlos­sen die doch zu be­ge­hen, wenns sie nicht hö­her als 5 stu­fen wa­ren. hö­hen sind ihr un­heim­lich, aber das hin­dert sie nicht an je­dem, wirk­lich je­dem ab­grund (vor­sich­tig) nach un­ten zu schau­en. gros­se hun­de, auch sehr gros­se, flös­sen ihr merk­lich re­spekt ein, aber ihre skep­sis wur­de bis jetzt im­mer von ih­rer neu­gier weg­ge­spült. meis­tens zö­gert sie nur kurz bei din­gen oder le­be­we­sen die ihr un­heim­lich sind und nä­hert sich den din­gen dann aus ei­ge­nem an­trieb. es hilft ihr wenn ich si­gna­li­sie­re oder sage, dass al­les ok ist, aber ei­gent­lich braucht sie mich nicht um sich zu über­win­den.

im ge­gen­teil: kürz­lich gin­gen wir an ei­ner frau vor­bei, die in eime roll­stuhl sass. fri­da stopp­te mich, sah zu mir und dann zur frau. die frau mein­te, dass sie, wie an­de­re hun­de, wohl angst vor dem roll­stuhl habe, aber tat­säch­lich war sich fri­da nur un­schlüs­sig ob ich es ihr er­lau­ben wür­de die frau auf le­cker­chen zu un­ter­su­chen. auf mein si­gnal, dass sie ru­hig mal hin­ge­hen kön­ne, sprang sie fröh­lich am roll­stuhl ent­lang, sag­te hal­lo und schau­te ob die bauch­ta­sche der frau viel­leicht nach le­cker­chen roch. tat sie nicht; wei­ter gings.


Spie­len oder aus­ge­spielt wer­den (t3n 61)

felix schwenzel in t3n

Ich bin alt und er­fah­ren ge­nug, um zu wis­sen, dass auch ich ma­ni­pu­lier­bar bin. Als wir in der Schu­le Wer­bung ana­ly­si­ert und über ihre Stra­te­gien und Funk­ti­ons­wei­sen ge­spro­chen ha­ben, war ich eine Zeit lang über­zeugt, dass mich die­se paar Wis­sens­bro­cken ge­gen Wer­be­bot­schaf­ten im­mu­ni­sie­ren wür­den. Was na­tür­lich Quatsch ist. Wer­bung wirkt – und zwar im­mer an an­de­ren Stel­len, als wir an­ti­zi­pie­ren oder zu wis­sen glau­ben. Ge­nau­so wie Al­ko­hol wirkt: Das Wis­sen um sei­ne Schäd­lich­keit macht mich beim Trin­ken we­der zu­rück­hal­ten­der noch nüch­ter­ner.

Na­tür­lich wird auch Spaß zur Ma­ni­pu­la­ti­on ein­ge­setzt; das wuss­ten schon die rö­mi­schen Kai­ser, die si­cher nicht als ers­te die po­li­ti­sche Di­men­si­on von Spie­len (und Ge­trei­de) er­kann­ten. Auch ich las­se mich ger­ne auf Spie­le ein, hin­ter de­nen Pro­fit­in­ter­es­sen, Ma­ni­pu­la­ti­on oder Auf­merk­sam­keits­len­kung er­kenn­bar sind. So habe ich vor ei­ni­gen Jah­ren bei Fours­qua­re mit­ge­macht und Check-ins und ein paar Ma­yor­ships ge­sam­melt. Auch auf Face­book und Twit­ter habe ich ein paar Jah­re lang bei der Jagd auf Favs und Li­kes mit­ge­spielt, fand dann aber ir­gend­wann Be­schäf­ti­gun­gen, die mich mehr in­ter­es­sier­ten.

Spie­len zur Ver­hal­tens­for­mung wird auch in­ten­siv in der Hun­de­er­zie­hung ein­ge­setzt. Das ist für Hun­de eine gute Nach­richt, weil man frü­her glaub­te, (ver­meint­li­chen) Ge­hor­sam am bes­ten über Zwang, Stra­fe und Do­mi­nanz zu er­rei­chen. Ge­zielt ge­lenk­tes Spiel und po­si­ti­ve Ver­stär­kung ha­ben die al­ten Er­zie­hungs­me­tho­den – zu­min­dest bei Hun­den – mitt­ler­wei­le weit zu­rück­ge­drängt. Und wie man in die­sem Heft le­sen kann, ha­ben vie­le Un­ter­neh­men er­kannt, dass sich ge­schickt ge­lenk­tes Spiel und Spaß po­si­tiv auf die Un­ter­neh­mens­zie­le, Wer­be­er­lö­se oder das Er­rei­chen von ge­wünsch­ten Ver­hal­tens­wei­sen aus­wir­ken kön­nen. Das ist für uns Men­schen nicht un­be­dingt eine gute Nach­richt, auch wenn Ga­mi­fi­ca­ti­on, Nud­ging, Brot und Spie­le si­cher an­ge­neh­mer als Peit­sche oder Ge­heim­po­li­zei sind.

Der Knack­punkt beim Spie­len, bei der Un­ter­hal­tung und dem Ver­gnü­gen ist, dass sie sich re­la­tiv schnell ab­nut­zen und die An­sprü­che im­mer wei­ter stei­gen – zu­min­dest wenn man Men­schen zum Spie­len ani­mie­ren will (Hun­de sind da ge­nüg­sa­mer). Ir­gend­wann ist je­des Spiel durch­ge­spielt, und schlecht ge­stal­te­te und an­ge­leg­te Spie­le spielt eh kei­ner lan­ge.

Dass das Volk nach im­mer neu­en Ver­gnü­gungs­for­men giert, be­ka­men be­reits die rö­mi­schen Kai­ser zu spü­ren. Für ein paar Jah­re fand der „Plebs“ Ge­fal­len dar­an, da­bei zu­zu­se­hen, wie ein paar Gla­dia­to­ren dazu ge­zwun­gen wur­den, sich ge­gen­sei­tig ab­zu­ste­chen oder in der Are­na wil­de Tie­re zu tö­ten. Aber das reich­te re­la­tiv schnell nicht mehr. Karl-Wil­helm Weeber schreibt in Pa­nem et Cir­cen­ses, dass vie­le Kai­ser des­halb dar­in wett­ei­fer­ten, „ihre Vor­gän­ger an Pracht, Aus­stat­tung und Häu­fig­keit der Spie­le zu über­trump­fen“.

Beim mo­der­nen Kai­ser Zu­cker­berg ver­hält es sich ähn­lich: Wenn Face­book nicht stän­dig kon­kur­rie­ren­de Spaß- und Un­ter­hal­tungs-Un­ter­neh­men kauft oder ko­piert, wen­det sich das Pu­bli­kum ab.

Was Macht­ha­ber un­be­dingt ver­hin­dern wol­len, ist für das Volk da­bei eine Chan­ce: Mal nach ei­ge­nen Spiel­re­geln zu spie­len. Über­haupt spie­len zu kön­nen, ist näm­lich eine der gro­ßen Stär­ken der Mensch­heit. Ne­ben Hun­den und ei­ni­gen Haus­tie­ren sind Pri­ma­ten eine der we­ni­gen Tier­ar­ten, die bis ins hohe Al­ter ger­ne spie­len. Durch Spie­len er­fah­ren und eig­nen wir uns die Welt auch im Er­wach­se­nen­al­ter an.

Der nie­der­län­di­sche Kul­tur­his­to­ri­ker Jo­han Hui­zin­ga be­haup­te­te schon 1938 in Homo Lu­dens, dass das Spiel neue Wel­ten jen­seits der All­tags­welt her­vor­zu­brin­gen ver­mag, ge­ra­de weil es et­was Über­flüs­si­ges ist. Spiel, schreibt er, trei­be die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung in den un­ter­schied­lichs­ten Be­rei­chen – von Recht über Wis­sen­schaft bis zu Dich­tung und Kunst – vor­an.

Vor­ge­fer­tig­te Spie­le mit­zu­spie­len, sich auf ga­mi­fi­zier­tes Ge­döns ein­zu­las­sen, hilft si­cher beim Ver­ständ­nis der Welt, aber selbst­be­stimm­tes Spiel nach ei­ge­nen Spiel­re­geln schafft po­ten­zi­ell Neu­es, in­spi­riert die Krea­ti­vi­tät — und wer frei spielt, lernt, sich selbst zu ma­ni­pu­lie­ren, statt sich nur von an­de­ren len­ken zu las­sen.

Denn: Wer nach ei­ge­nen Re­geln spielt, be­lohnt sich selbst und ist nicht dar­auf an­ge­wie­sen, Be­loh­nun­gen im Netz oder auf der Ar­beit hin­ter­her­zu­het­zen.


Was bleibt (t3n 60)

felix schwenzel in t3n

Der Fir­nis der Zi­vi­li­sa­ti­on ist ex­trem dünn. Mir fiel das zum ers­ten mal 1992 auf, nach den ge­walt­tä­ti­gen Un­ru­hen in Los An­ge­les. Die Un­ru­hen bra­chen aus, nach­dem Po­li­zis­ten den Afro­ame­ri­ka­ner Rod­ney King bei ei­ner Ver­kehrs­kon­trol­le schwer miss­han­del­ten und hiel­ten meh­re­re Tage an. Am Ende gab es über 50 Tote und meh­re­re tau­send Ver­let­ze zu be­kla­gen. Mir wur­de klar, dass un­se­re po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ord­nung kei­nes­falls so sta­bil sind, wie ich mir das bis da­hin ge­dacht hat­te. Mich ha­ben die Un­ru­hen von Los An­ge­les po­li­tisch sen­si­bi­li­si­ert.

Die Co­ro­na-Kri­se dürf­te ein ähn­li­ches Po­ten­zi­al ha­ben. Sie könn­te uns da­für sen­si­bi­li­sie­ren, dass nicht nur die ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se auf wa­cke­li­gen Füs­sen ste­hen, wenn wir sie nicht ak­tiv stüt­zen, son­dern dass wir, trotz enor­men Fort­schrit­ten in Wis­sen­schaft und Tech­nik, im­mer noch ein ver­letz­li­cher Teil der Na­tur sind. Co­ro­na er­in­nert uns dar­an, dass die Kraft der Na­tur al­les an­de­re als ge­bän­digt ha­ben, wir sind ihr, wie die Men­schen vor Jahr­hun­der­ten, im­mer noch gröss­ten­teils aus­ge­lie­fert.

Vor Co­ro­na hat­te ich im­mer wie­der das Ge­fühl, ins­be­son­de­re bei Dis­kus­sio­nen um den Kli­ma­wan­del, dass vie­le Men­schen glaub­ten, das wir den Kli­ma­wan­del, die Zer­stö­rung un­se­rer Le­bens­grund­la­gen, schon ir­gend­wie mit Tech­no­lo­gie in den Griff zu be­kom­men. Co­ro­na hat uns ge­lehrt, dass wir al­lein mit Wunsch­den­ken, Tech­nik­gläu­big­keit oder kon­zen­trier­tem Op­ti­mis­mus den Fort­be­stand un­se­rer Zi­vi­li­sa­ti­on nicht si­chern wer­den.

Co­ro­na hat aber auch ge­zeigt, dass wir an­ge­sichts aku­ter Ge­fah­ren­la­gen als Ge­sell­schaft durch­aus zu Ver­zicht und ver­nunft­ba­sier­tem Han­deln fä­hig sind. Markt­li­be­ra­le ha­ben es für lan­ge Zeit als Ding der Un­mög­lich­keit an­ge­se­hen, dass Men­schen dazu be­reit wä­ren Ein­schrän­kun­gen ih­rer Le­bens­qua­li­tät hin­zu­neh­men um an­de­re zu schüt­zen oder glo­ba­le Ge­fah­ren ab­zu­weh­ren.

Co­ro­na öff­net die Chan­ce uns dar­an zu er­in­nern, dass die Zu­kunft prin­zi­pi­ell nicht plan­bar ist und dass der Markt al­lein we­der die öko­no­mi­schen oder ge­sell­schaft­li­chen Fol­gen ei­nes Vi­rus ab­weh­ren, noch den Kli­ma­wan­del stop­pen kann. Es gibt kei­ne Al­ter­na­ti­ve zum ge­mein­schaft­li­chen Han­deln, zur Ver­nunft, zu So­li­da­ri­tät, also zum Staat und zur Zi­vil­ge­sell­schaft.

Der welt­wei­te Ver­nunft­aus­bruch, den wir zur Zeit er­le­ben, sin­ken­de Luft­ver­pes­tung, weil vie­le aufs Au­to­fah­ren und Flie­gen ver­zich­ten, die Er­kennt­nis, dass man auch in Da­ten­net­zen Ge­schäfts- und So­zi­al­kon­tak­te pfle­gen und auf­bau­en kann, die Po­pu­la­ri­sie­rung des bar­geld­lo­sen Be­zah­len und des Ge­sichts­schlei­ers, könn­te aber auch ein jä­hes Ende er­le­ben, wenn wir nicht auf der Hut sind.

1973 zum Bei­spiel, als Deutsch­land in ei­ner Wirt­schafts­kri­se steck­te und der Jom-Kip­pur-Krieg denn Öl­preis ex­plo­die­ren liess, ver­ord­ne­te die Bun­des­re­gie­rung deutsch­land­weit Fahr­ver­bo­te und ein Tem­po­li­mit von 100 km/h auf Au­to­bah­nen.

Of­fen­bar brach­te das Sonn­tags­fahr­ver­bot eine Er­spar­nis beim Ben­zin­ver­brauch von 7 bis 12 Pro­zent. Vie­le spar­ten Strom, dros­sel­ten die Hei­zung und hiel­ten das Tem­po­li­mit ein. Aber die­se öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche Sen­si­bi­li­tät hielt nicht lan­ge an. Schon we­ni­ge Wo­chen spä­ter, als der Krieg im Na­hen Os­ten vor­bei war, wur­den die Fahr­ver­bo­te und Tem­po­li­mits in Deutsch­land wie­der auf­ge­ho­ben, als sei nichts ge­we­sen. Im eu­ro­päi­schen Aus­land, um Deutsch­land her­um, blie­ben die Tem­po­li­mits üb­ri­gens be­stehen, in Deutsch­land wag­te man sich seit­her selbst bei wei­te­ren Öl- und Öko­kri­sen nicht mehr ans Tem­po­li­mit her­an.

Aber viel­leicht bleibt ja doch et­was vom Co­ro­na-Ver­nunft- und So­li­da­ri­täts­aus­bruch hän­gen. Zum Bei­spiel:

  • die Er­kennt­nis, dass Ver­zicht nicht nur Ver­lust be­deu­tet, dass tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen am Le­bens­wan­del durch­aus von ei­ner brei­ten ge­sell­schaft­li­chen Mehr­heit ge­tra­gen wer­den kön­nen — wenn die Grün­de nach­voll­zieh­bar und ver­nünf­tig sind.
  • dass das In­ter­net, or­dent­li­cher Zu­gang zum Netz, ein un­ver­äu­ßer­li­ches Grund­recht ist, dass ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be er­mög­licht und nicht ein­fach ge­sperrt oder we­gen In­fra­struk­tur­eng­päs­sen ver­wehrt oder ka­putt­ge­dros­selt wer­den darf.
  • die Er­kennt­nis das Ho­me­of­fice, oder wie man frü­her, zu Zei­ten der Öl­kri­se, sag­te, Te­le­ar­beit, nicht nur ein In­cen­ti­ve für Mit­ar­bei­ter ist, son­dern dass die Mög­lich­keit sei­ne Ar­beit­neh­mer de­zen­tral und orts­un­ab­hän­gig ein­zu­set­zen ein hand­fes­ter Wett­be­werbs­vor­teil für Un­ter­neh­men ist.

Was al­ler­dings mit ziem­li­cher Si­cher­heit blei­ben wird, bei al­len künf­ti­gen Kri­sen: die Angst ums Klo­pa­pier.


die­se ko­lum­ne er­schien zu­erst in der t3n 06/2020 und auf t3n.de.


Ba­cken ge­gen die Un­zu­frie­den­heit (t3n 59)

felix schwenzel in t3n

Ich war bis zur ach­ten Klas­se ein ziem­lich schlech­ter Schü­ler. Als ich in die­ser Zeit über mein Le­ben nach­dach­te, war ich em­pört bei dem Ge­dan­ken, nach all die­sen Jah­ren in der Schu­le noch mal vier bis fünf wei­te­re Jah­re ler­nen zu müs­sen. Was ist das für ein Le­ben, in dem man sei­ne bes­ten Jah­re der Schu­le op­fert?

Ir­gend­wann habe ich dann doch die Lust am Ler­nen ent­deckt und Ab­itur ge­macht. Da­nach war mir aber nach et­was Prak­ti­schem, Un­in­tel­lek­tu­el­lem zu­mu­te – nach ei­ner Leh­re als Schrei­ner. Die Ar­beit ge­fiel mir, aber ich frag­te mich ir­gend­wann: Was ist das für ein Le­ben, in dem man sei­ne Ge­sund­heit, sei­nen Kör­per so für den Job schin­den muss?

Wäh­rend der Leh­re und auch spä­ter als ich doch noch zur Uni ging, sehn­te ich mich nach ei­nem Bü­ro­job. Und jetzt, wo ich ei­nen Bü­ro­job habe, seh­ne ich mich im­mer wie­der nach prak­ti­scher, hand­werk­li­cher Ar­beit, bei der ich mei­nen Kopf nicht über­mä­ßig be­an­spru­chen muss.

Die­se Sehn­sucht nach dem je­weils An­de­ren hat mich – egal was ich in mei­nem Le­ben ge­ra­de tat – im­mer be­glei­tet. Auch jetzt, wo ich den Re­dak­ti­ons­schluss für die­se Ko­lum­ne schon lan­ge über­schrit­ten habe, stel­le ich mir vor, wie ein Le­ben als Bus­fah­rer wohl wäre – und ob das nicht ins­ge­samt ent­spann­ter wäre.

Weil ich ir­gend­wann ge­merkt habe, dass ich ei­gent­lich im­mer ir­gend­wie un­zu­frie­den mit dem war, was ich ge­ra­de tat, habe ich mir Ne­ben­tä­tig­kei­ten zum Aus­gleich ge­sucht. Statt von mei­nem Ar­beit­ge­ber zu er­war­ten, dass er mir ei­nen Job an­bie­tet, der alle mei­ne Be­dürf­nis­se be­frie­digt, kon­zen­trie­re ich mich lie­ber dar­auf, mir Be­schäf­ti­gun­gen zu su­chen, die mei­ne vom Job nicht er­füll­ten Be­dürf­nis­se be­frie­di­gen.

Das Er­geb­nis über­rascht mich im­mer wie­der selbst: Ob­wohl ich in den ver­gan­ge­nen 14 Jah­ren mög­li­cher­wei­se nicht im­mer hun­dert­pro­zen­tig zu­frie­den mit mei­nem Job war, habe ich kaum das Be­dürf­nis, ihn zu wech­seln oder neu an­zu­fan­gen. Wich­ti­ger noch: Ich de­fi­nie­re mich mehr und mehr über mei­ne Hob­bies statt über mei­nen Brot­er­werbs­job. Ich sehe mich eher als Neu­hun­de­be­sit­zer oder als je­mand, der ins In­ter­net schreibt und zum The­ma Heim­au­to­ma­ti­sie­rung forscht, als je­mand, der Web­ent­wick­lungs­pro­jek­te lei­tet und ko­or­di­niert.

Wahr­schein­lich ist es mit dem Traum­job ähn­lich wie mit der Lie­be: We­der das eine noch das an­de­re pas­sie­ren ei­nem ein­fach so – zu­min­dest nicht auf Dau­er – son­dern sind das Pro­dukt von in­ten­si­ver Ar­beit an sich selbst und der Be­zie­hung. We­der in der Lie­be noch im Job kann man er­war­ten, dass al­lein die an­de­re Sei­te al­les tut, da­mit man sich ganz und gar wohl­fühlt. Wenn man sich nicht (auch) um sich selbst küm­mert, an sich ar­bei­tet, stän­dig da­zu­lernt und sei­nen Be­dürf­nis­sen Raum ver­schafft, ver­dörrt die Be­zie­hung be­zie­hungs­wei­se die Freu­de am Job.

Man soll zwar nicht von sich auf an­de­re schlie­ßen, aber ich ver­mu­te, die­ses Phä­no­men ken­nen auch an­de­re Men­schen. Vor al­lem ver­mu­te ich aber, dass die Un­zu­frie­den­heit mit dem, was man ge­ra­de tut, oder zeit­wei­li­ge Über­for­de­rung nur be­dingt mit den äu­ße­ren Um­stän­den zu tun ha­ben – oft liegt die Ant­wort eben in ei­nem selbst.

Nicht jede Tä­tig­keit, nicht je­der Job kann alle ei­ge­nen In­ter­es­sen be­die­nen, egal wie sich der je­wei­li­ge Ar­beit­ge­ber oder Part­ner an­strengt, ei­nen an sich zu bin­den. Nicht im­mer ist ein Neu­an­fang die Lö­sung, wenn der Job (oder die Be­zie­hung) nervt. Ver­ein­facht ge­sagt: Fra­ge dich nicht nur, was an­de­re für dich tun kön­nen, son­dern was du für dich selbst tun kannst.

Bild­lich ge­spro­chen: Wer sei­nen Job satt hat, könn­te mal ei­nen Ku­chen ba­cken. Nicht für die Kol­le­gen, son­dern für sich selbst.


Der Weg ist der Weg (t3n 58)

felix schwenzel in t3n

Vie­le Men­schen sa­gen ja, der Weg sei das Ziel. Das stimmt na­tür­lich nur be­dingt. Wenn man auf dem Weg zur Ar­beit ist, will man in der Re­gel nichts an­de­res, als zur Ar­beit zu kom­men und mög­lichst nicht über den Weg nach­den­ken. Wenn ich aber über die­sen Spruch nach­den­ke, er­ken­ne ich mei­nen Ar­beits­weg als eine der we­ni­gen Ge­le­gen­hei­ten in mei­nem All­tag, mich über­haupt zu be­we­gen oder kör­per­lich zu be­tä­ti­gen.

Es gibt ja nicht we­ni­ge Men­schen, die ihre kör­per­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten, die Ar­beit und den Weg dort­hin ent­kop­peln. Sie ste­hen ex­tra früh auf und lau­fen („jog­gen“) um ih­ren Wohn­ort her­um, um sich dann wie­der über mehr oder we­ni­ger vie­le Ki­lo­me­ter hin­weg be­we­gungs­los da­sit­zend in rol­len­den Stahl­käs­ten zur Ar­beit brin­gen zu las­sen.

Ich habe mich schon im­mer ge­fragt: War­um lau­fen die Men­schen um ih­ren Wohn­ort her­um, war­um fah­ren Men­schen in Fit­ness­stu­di­os und ren­nen dort auf Bän­dern oder fah­ren auf fest­ge­schraub­ten Rä­dern, statt di­rekt zur Ar­beit (und zu­rück) zu lau­fen oder Fahr­rad zu fah­ren?

Ja, ja, ich weiß: Es kann sein, dass der Weg zur Ar­beit ein­fach zu weit ist, es kann sein, dass es am Ar­beits­platz kei­ne Mög­lich­keit gibt, sich um­zu­zie­hen oder zu du­schen. Es kann sein, dass die meis­ten Men­schen im­mer noch Sport und Ar­beit sau­ber von­ein­an­der tren­nen wol­len, auch wenn die Gren­zen zwi­schen Ar­beit und Frei­zeit zu­neh­mend ver­schwim­men.

Der Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Shane O’Mara meint üb­ri­gens, dass un­se­re Ge­hir­ne dann am bes­ten funk­tio­nie­ren, wenn wir in Be­we­gung sind. Un­se­re (und alle an­de­ren) Ge­hir­ne hät­ten sich ent­wi­ckelt, da­mit wir uns be­we­gen kön­nen, da­mit wir ja­gen, weg­lau­fen, flüch­ten, mi­grie­ren oder zur Ar­beit ge­hen kön­nen. Un­se­re Kör­per wur­den kon­stru­iert, um sich zu be­we­gen – nicht, um am Com­pu­ter zu sit­zen.

Im Prin­zip sind wir Men­schen per­fek­te bio­lo­gi­sche Lauf­ma­schi­nen, de­ren ko­gni­ti­ve und krea­ti­ve Fä­hig­kei­ten beim Ge­hen zu Höchst­tou­ren auf­lau­fen. Fried­rich Nietz­sche ging so­gar so weit, zu be­haup­ten, dass „nur die er­gan­ge­nen Ge­dan­ken“ Wert hät­ten.

Seit­dem ich in Fest­an­stel­lun­gen in Bü­ros ar­bei­te, be­inhal­te­te mein Weg zur Ar­beit im­mer auch län­ge­re Fuß­we­ge. Das größ­te Stück des Ar­beits­we­ges lege ich mit der Bahn zu­rück, die letz­ten zwei bis drei Ki­lo­me­ter An­schluss­stre­cke lau­fe ich.

Seit ich die­se ge­gan­ge­nen Ar­beits­we­ge elek­tro­nisch mit ei­ner Smart­watch er­fas­se, sehe ich auch, dass ich mit die­sen Fuß­stre­cken mein Ak­ti­vi­täts-Mi­ni­mum er­fül­le. Die Uhr ord­net die Wege von der U-Bahn zur Ar­beit als „Trai­ning“ ein, weil sich mei­ne Herz­fre­quenz da­bei ein biss­chen er­höht.

Was mei­ne Arm­band­uhr al­ler­dings nicht mes­sen kann, ist die Denk­ar­beit, die ich zu Fuß auf dem Weg zur (oder von der) Ar­beit er­le­di­ge. Meis­tens den­ke ich aus Ver­se­hen über den kom­men­den Ar­beits­tag nach, struk­tu­rie­re ihn (manch­mal un­be­wusst) ein biss­chen vor oder re­ka­pi­tu­lie­re.

Ge­ra­de weil mir die­se Wege Ge­le­gen­heit ge­ben, nach­zu­den­ken, mich zu sam­meln und ich die Welt, die Jah­res­zei­ten oder Ver­än­de­run­gen auf dem Ar­beits­weg be­ob­ach­ten kann, habe ich sie nie als Be­las­tung emp­fun­den. Im Ge­gen­teil, die Vor­stel­lung, dass ich den Gang ins Fit­ness­stu­dio spa­re, weil ich ein paar Hal­te­stel­len frü­her aus­stei­ge und auf den Bus ver­zich­te, be­frie­digt mei­nen Ef­fi­zi­enz-Fe­tisch.

So mag ich dann auch die Ef­fi­zi­enz des Ge­hens: Es bringt den Geist auf Tou­ren — den Kreis­lauf auch ein biss­chen —, spart po­ten­zi­ell den Um­weg ins Fit­ness­stu­dio und lässt sich pri­ma in den All­tag in­te­grie­ren. Und Nietz­sche be­für­wor­te­te es.

War­um also auf dem Ar­beits­weg nicht ein paar Hal­te­stel­len vor­her aus­stei­gen? War­um das Auto nicht zwei, drei Ki­lo­me­ter von der Ar­beit ent­fernt par­ken? War­um nicht mit dem Fahr­rad zur Ar­beit? War­um beim Ar­beit­ge­ber nicht auf die Ein­füh­rung von Um­klei­de­räu­men und Du­schen drän­gen?

Der Weg zur Ar­beit ist nicht das Ziel, aber viel­leicht ein Weg, et­was mehr Be­we­gung und Ge­sund­heit in den Bü­ro­all­tag zu brin­gen.


bett-sen­so­ren-ana­mne­se — was mei­ne sen­so­ren über mich ver­ra­ten

felix schwenzel in artikel

ich bin im­mer wie­der selbst er­staunt was pas­siert, wenn man mit da­ten nicht spar­sam um­geht und die ein­fach alle sam­melt. je mehr da­ten man agg­re­giert, zum bei­spiel mit sen­so­ren in der woh­nung, des­to mehr er­kennt man, was die­se da­ten al­les über ei­nen ver­ra­ten (kön­nen).

das ist ein bild ei­ni­ger der sen­so­ren die ich un­ter mei­ner bett­sei­te un­ter­ge­bracht habe. ei­nen ge­wichts­sen­sor, von dem ich die bett-be­le­gung ab­lei­te, ei­nen (re­la­ti­ven) luft­feuch­tig­keits­sen­sor und tem­pe­ra­tur-sen­sor (nicht im bild) und zum ver­gleich ei­nen luft­feuch­te­sen­sor im raum.

man er­kennt all­ge­mein dass ich meis­ten nicht län­ger als sechs stun­den schla­fe und dass ich mei­nen schlaf re­gel­mäs­sig nachts kurz un­ter­bre­che, meis­ten für ei­nen toi­let­ten­gang, manch­mal auch um zu se­hen, ob je­mand im in­ter­net et­was fal­sches ge­schrie­ben hat. man sieht, dass wir das wo­chen­en­de in der rhön wa­ren (und ich nicht in mei­nem bett) und dass ich don­ners­tag ei­nen frei­en tag hat­te (und mit­tags­schlaf ge­macht habe).

aus­ser­dem sieht man ab diens­tag den ty­pi­schen ver­lauf ei­nes grip­pa­len in­fekts: ich lag seit diens­tag fast die gan­ze zeit im bett, schlief diens­tag und mitt­woch nie län­ger als 2 stun­den, da­für schlief ich aber nach 2 ta­gen in­fekt, in der nacht von mitt­woch auf don­ners­tag wie­der län­ger, da­für sehr, sehr stark schwit­zend.

ich fin­de das enorm fas­zi­nie­rend, gleich­zei­tig aber auch be­un­ru­hi­gend. denn das sind nur die wer­te der sen­so­ren die ich selbst kon­trol­lie­re und lo­kal, bei mir zu­hau­se spei­che­re. all die an­de­ren sen­sor­wer­te die in die­ser zeit von an­de­ren ge­sam­melt wur­den, dürf­ten ähn­li­che schi­uss­fol­ge­run­gen er­lau­ben (fe­lix schwen­zel war vom 24. bis zum 26. sep­tem­ber bett­lä­ge­rig):

  • goog­le maps hat drei tage lang kei­ne ak­ti­vi­tä­ten fest­ge­stellt
  • ich habe heu­te haus­ärz­te ge­goo­gelt
  • net­flix und un­ser fire tv ha­ben tags­über mehr ak­ti­vi­tä­ten fest­ge­stellt als sonst un­ter der wo­che üb­lich
  • mei­ne ap­ple watch und mein te­le­fon ha­ben kaum (kör­per­li­che) ak­ti­vi­tät von mir fest­ge­stellt und durch­ge­hend eher nied­ri­gen puls ge­mes­sen
  • ama­zon dürf­te in den letz­ten ta­gen zum ers­ten mal seit län­ge­rer zeit wie­der e-book-down­loads in mei­nen kind­le apps be­ob­ach­tet ha­ben

ta­do au­to-as­sist per API, statt ABO

felix schwenzel in artikel

vor et­was über ei­nem jahr hat mich tado zu ei­ner ver­an­stal­tung im vor­feld der ifa ein­ge­la­den, in dem tado sei­ne v3-hei­zungs­ven­ti­le vor­stell­te und (un­ter an­de­rem) ei­nen „auto as­sist skill“ ein­führ­te. auto as­sist soll­te das, was eine der her­aus­ra­gends­ten und an­ge­nehms­ten qua­li­tä­ten der tado hei­zungs­steue­rung ist, zu ei­nem kos­ten­pflich­ti­gen abo ma­chen.

statt dass man wie bis­her sei­ne hei­zungs­steue­rung nach der in­stal­la­ti­on von tado ver­ges­sen konn­te und sich auf die wirk­lich gute prä­senz­er­ken­nung und an­we­sen­heits­ge­steu­er­te hei­zungs­steue­rung ver­las­sen konn­te, dach­te sich tado: das kann man doch kom­pli­zier­ter ma­chen.

wenn alle be­woh­ner mit dem neu­en sys­tem die woh­nung ver­las­sen ha­ben, schal­tet sich die hei­zung nicht ein­fach ab, son­dern die tado app schickt ei­nem eine nach­richt und fragt, ob man nicht die hei­zung ab­schal­ten wol­le. kommt ein be­woh­ner um­ge­kehrt nach hau­se, sagt tado per mit­tei­lung: „Will­kom­men zu Hau­se“ und fragt ob man viel­leicht die hei­zung ein­schal­ten möch­te. das kann man dann ma­chen, in­dem man die app öfff­net und — i shit you not — ei­nen but­ton klickt.

für 25 euro pro jahr oder 3 euro mpro mo­nat kann man sich von die­ser last be­frei­en und auto as­sist ak­ti­vie­ren.

tado hat die­se pra­xis nach ei­ni­ger em­pö­rung für be­stands­kun­den (halb) zu­rück­ge­zo­gen und nach­dem ich zwei­mal nach­hak­te, ob ich als v2-be­stands­kun­de den auto-as­sist-skill künf­tig wie­der ohne abo nut­zen könn­te, hat­te mir die pres­se­stel­le am 15. mai 2019 ver­spro­chen das zu tun, das sei kein pro­blem.

ich hat­te vor der ifa 2018 von tado ein v3-ther­mo­stat zum tes­ten ge­schenkt be­kom­men, was mich für die v3-app-ver­si­on qua­li­fi­zier­te und mir die au­to­ma­tik­funk­tio­nen in der app ab­dreh­te. weil das noch vor dem vor dem rück­zie­her war und ich das na­tür­lich auch tes­ten woll­te, hat­te ich mir ein jah­res­abo ge­kauft. letz­ten mo­nat, pünkt­lich zur dies­jäh­ri­gen ifa, lief mein auto-as­sist-abo aus und mei­ne tado-in­stal­la­ti­on funk­tio­nier­te seit­dem wie für ei­nen neu­kun­den: nicht mehr voll­au­to­ma­tisch. die ver­spro­che­ne frei­schal­tung sei­tens tado blieb of­fen­bar aus, wo­für ich ver­ständ­nis habe, da hat ir­gend­wer was ver­ges­sen oder ir­gend­ein tech­ni­scher grund wird ver­hin­dert ha­ben, das be­reits im mai zu kon­fi­gu­rie­ren.

mir war das aber trotz­dem zu blöd hier noch­mal nach­zu­ha­ken, weil ich das ge­fühl habe eh viel zu oft bei tado nach­zu­ha­ken. aus­ser­dem habe ich mir ge­dacht, das müss­te sich doch auch kos­ten­los au­to­ma­ti­sie­ren las­sen.

tat­säch­lich ist die in­of­fi­zi­el­le tado-API recht gut do­ku­men­tiert und für alle gros­sen heim­au­to­ma­ti­sie­rung­platt­for­men gibt es im­ple­men­tie­run­gen um tado-ther­mo­sta­te per API, also mit ei­ge­nen au­to­ma­ti­sie­rungs­lö­sun­gen, zu steu­ern (zum bei­spiel mit home-as­sistant). al­ler­dings ist die auto-as­sist steue­rung per API bis­her nir­gend­wo do­ku­men­tiert, das muss­te ich also selbst raus­fin­den, was dank tado web-an­wen­dung auch nicht all­zu schwer ist. ich habe ein­fach be­ob­ach­tet, was die web-app im hin­ter­grund macht, wenn ich den „ich bin zu­hau­se“-but­ton in der (web-) app kli­cke.

es ist also ei­gent­lich nichts wei­ter als ein „PUT“ auf­ruf der API un­ter dem API-end­punkt

https://my.tado.com/api/v2/homes/123456/presence

mit ei­nem pay­load

{"homePresence":"HOME"}

oder

{"homePresence":"AWAY"}

weil py­ta­do die­sen end­punkt und die­se me­tho­de noch nicht kennt, habe ich mei­ne ko­pie von py­ta­do ent­spre­chend er­wei­tert und kann der tado-API für mei­ne home-id (die nicht 123456 lau­tet) den home-pre­sence-sta­tus per kom­man­do­zei­le mit­tei­len.

das pro­blem ist al­ler­dings, dass die API den AWAY-sta­tus nicht ak­ze­tiert, wenn das sys­tem sich ge­ra­de im HOME-sta­tus be­fin­det. dann lie­fert die API ei­nen HTTP Er­ror 422 zu­rück, sagt also: das geht so nicht. tat­säch­lich kann man den prä­senz-sta­tus erst auf „AWAY“ stel­len, wenn alle tado-nut­zer (oder de­ren han­dys) die woh­nung ver­las­sen ha­ben.

dann, wenn alle „AWAY“ sind, lie­fert ein GET-re­quest an

https://my.tado.com/api/v2/homes/123456/state

statt

{"presence":"HOME"}

fol­gen­des:

{"presence":"AWAY","showHomePresenceSwitchButton":true}

um den auto-as­sist-skill zu si­mu­lie­ren ma­che ich also folgn­des:

  • ich fra­ge alle 10 mi­nu­ten ab und
  • las­se den sta­tus oder in ei­nen home-as­sistant-sen­sor flies­sen und
  • im­mer dann, wenn sich der wert von zu än­dert (oder um­ge­kehrt), kann ich eine au­to­ma­ti­on trig­gern, die per den -sta­tus um­schal­tet

in­ter­es­sant ist, dass ich den -sta­tus of­fen­bar im­mer auf HOME stel­len kann, AWAY lässt sich nur ak­ti­vie­ren, wenn alle nut­zer auch wirk­lich weg sind, bzw. ist.

da­mit man das ohne fum­me­lei um­set­zen kann, müs­sen die gän­gi­gen tado-API-bi­blio­the­ken noch um die bei­den end­punk­te und an­ge­passt wer­den, ich wer­de in den nächs­ten wo­chen mal pro­bie­ren, ob ich für py­ta­do ei­nen ent­spre­chen­den pull-re­quest ge­ba­cken be­kom­me.


ich ver­ste­he, dass der auto-as­sist-skill eine (wahr­schein­lich) wich­ti­ge ein­nah­me­quel­le für tado ist, die ihr ge­schäft wohl nicht al­lei­ne durch hard­ware-ver­käu­fe oder ser­vice-an­ge­bo­te fi­nan­zie­ren kön­nen oder wol­len. aber ich glau­be auch, dass leu­te, die sich die mühe ma­chen eine an­bin­dung an die tado-API zu­sam­men­zuf­ri­ckeln oder es schaf­fen eine heim­au­to­ma­ti­sie­rungs­lö­sung wie home-as­sistant bei sich zu­hau­se zum lau­fen zu brin­gen, nicht die­je­ni­gen sind, auf die der auto-as­sist-skill zielt.

je­der der sei­ne le­bens-prio­ri­tä­ten ei­ni­ger­mas­sen im griff hat und nicht, wie ich, je­den tag 3-8 stun­den le­bens­zeit an sei­ner au­to­ma­ti­schen woh­nung fri­ckelnd ver­schwen­det, wird für 25 euro/jahr den skill kau­fen und glück­lich mit ei­nem voll­au­to­ma­ti­schen tado sein.


neu­er, lei­ser wlan-ven­ti­la­tor aus chi­na

felix schwenzel in artikel

wir brauch­ten ei­nen neu­en ven­ti­la­tor, weil die som­mer zu heiss ge­wor­den sind und mir der alte ven­ti­la­tor zu laut und der bei­fah­re­rin zu en­er­gie-fres­send wur­de. das an­ge­bot im som­mer in deutsch­land ist ent­täu­schend. bil­li­ger mist, für den man viel geld zah­len soll. kei­ne ver­net­zungs­fä­hig­kei­ten oder fern­steue­run­gen der ven­ti­la­to­ren im preis­seg­ment un­ter 1000 euro.

also, nach lan­gem hin und her, habe ich mir ei­nen ven­ti­la­tor in chi­na be­stellt, für 77,00 € ohne zu­sätz­li­che ver­sand­kos­ten. heu­te kam der ven­ti­la­tor an, er wur­de aus eng­land ge­lie­fert.

der zu­sam­men­bau war wie bei ikea: nicht ganz tri­vi­al, aber gut er­klärt und sau­ber und ver­ständ­lich ab­ge­pack­te ein­zel­tei­le. der ven­ti­la­tor lässt sich mit ein paar knöp­fen be­die­nen und über­zeug­te auch die bei­fah­re­rin, die fürche­te, dass er nicht gut ge­nug wind ma­chen kön­ne. der di­rek­te ver­gleich über­zeug­te sie: der alte bläst ge­nau wie der neue in ei­nem ziem­lich en­gen strahl, aber bei­de bla­sen gleich stark, ob­wohl der alte grös­ser und lau­ter ist.

mit der mi-app las­sen sich nach dem ver­bin­den des ven­ti­la­tors mit dem wlan ein paar mehr fea­tures am ven­ti­la­tor be­die­nen: man kann den win­kel, in dem er ozil­liert ein­stel­len (in schrit­ten von 140° bis 30°), man kann ei­nen „na­tür­li­chen wind“-mo­dus ein­schal­ten, in dem der ven­ti­la­tor auch auf höchs­ter stu­fe nur lei­se und we­nig bläst, bis auf manch­mal, wenn er eine oder zwei leich­te böen si­mu­liert. sehr an­ge­nehm, sehr ver­spielt. eine ti­mer-funk­ti­on ist über die app, aber auch die tas­ten am ven­ti­la­tor be­dien­bar.

in der fritz­box mel­de­te sich der ven­ti­la­tor als „ESP-5AB785“ an, xiao­mi/mi hat hier also ei­nen esp8266 ver­baut. spä­ter, so­bald ich das zu­gangs­to­ken aus ei­nem ipho­ne-back­up ex­tra­hiert habe, über­las­se ich die steue­rung und fern­be­die­nung home-as­sistant, mit die­ser kom­po­nen­te.

in der fritz­box habe ich dem wlan-ven­ti­la­tor al­ler­dings gleich den in­ter­net­zu­gang ge­sperrt. die chi­ne­si­sche firm­ware muss ja nicht un­be­dingt nach hau­se te­le­fo­nie­ren.

ich bin jetzt schon sehr glück­lich mit dem teil. die fei­ne jus­tier­bar­keit der wind­stär­ke, der wind-si­mu­la­ti­ons­mo­dus, die bei­na­he un­be­merk­ba­re ge­räusch­ent­wick­lung, die wlan-fä­hig­keit und (hof­fent­lich) pro­blem­lo­se lo­ka­le steu­er­bar­keit ohne app, per wlan. der ven­ti­la­tor ist zwar zum gros­sen teil aus plas­tik ge­fer­tigt, mit ein biss­chen me­tal im fuss­be­reich, der stan­ge und im mo­tor­be­reich, wirkt aber trotz­dem, wie alle an­de­ren xiao­mi-pro­duk­te die ich bis­her ge­kauft habe, ziem­lich so­li­de und fein und ge­nau ge­ar­bei­tet.


die in­te­gra­ti­on in home-as­sistant war ein (klei­nes) biss­chen fum­me­lig, weil das mo­del (dma­ker.fan.p5) noch nicht von der kom­po­nen­te un­ter­stützt wird. aber weil der git­hub-nut­zer bie­niu die kom­po­nen­te an­ge­passt hat, geht’s.

da­mit konn­te ich den ven­ti­la­tor in die haus-au­to­ma­ti­sie­rung in­te­grie­ren, snips sa­gen, dass sie den ven­ti­la­tor für x mi­nu­ten oder stun­den an­stel­len soll, den ven­ti­la­tor aus­schal­ten wenn das zim­mer leer ist oder den ven­ti­la­tor, wenns sein muss, über ho­me­kit oder das steue­rungs-da­sh­board-ta­blet im zim­mer steu­ern.

die bei­fah­re­rin legt wert dar­auf zu ver­mer­ken, dass sie ei­nen punkt­ab­zug ver­gibt, weil der ven­ti­la­tor so nied­rig ist und sich nicht mit der stan­ge wei­ter hoch stel­len kann. ich hin­ge­gen möch­te ger­ne mehr als die vol­le punkt­zahl ver­ge­ben: ich bin sehr zu­frie­den. die letz­te chan­ce, dass der ven­ti­la­tor jetzt noch ei­ni­ge mei­ner sym­pa­thie-punk­te ver­liert wäre der strom­ver­brauch. den mes­sen wir dem­nächst.


eben den strom­ver­brauch ge­mes­sen, der ven­ti­la­tor braucht, wie vom her­stel­ler an­ge­ge­ben, auf der ni­drigs­ten stu­fe un­ter 2 watt und auf der höchs­ten ca. 5 watt. wenn der „nat­pr­li­che wind­mo­dus“ ak­ti­viert ist, also die stär­ke va­riert, schwankt der ver­brauch auf höchs­ter stu­fe zwi­schen 2 und 5 watt. das ist ziem­lich be­ein­dru­ckend, wenn man be­denkt, dass das alte me­tall­mons­ter wohl gut das zehn­fa­che ver­braucht hat.









Er­wach­sen wie die Ju­gend (t3n 57)

felix schwenzel in t3n

„Tech­nik löst Pro­ble­me, die wir ohne sie gar nicht hät­ten.“ Das ist ein Zi­tat von Ha­rald Lesch, aber ei­gent­lich eine Ab­wand­lung ei­nes sehr al­ten Wit­zes über Com­pu­ter. Ge­nau ge­nom­men ist es vor al­lem eine gro­be Sim­pli­fi­zie­rung der Rea­li­tät. Ver­ein­fa­chung ge­hört nun mal zu Ha­rald Leschs Be­ruf als Fern­seh­er­klär­bär. Denn na­tür­lich löst Tech­nik auch Pro­ble­me, die wir ohne sie hät­ten. An­ders ge­sagt: Ohne Tech­nik hät­ten wir ganz an­de­re Pro­ble­me – vor al­lem nicht we­ni­ger.

Der­sel­ben Lo­gik fol­gend könn­te man üb­ri­gens auch sa­gen, dass wir mit ge­sell­schaft­li­cher Wei­ter­ent­wick­lung auf Pro­ble­me ant­wor­ten müs­sen, die wir ohne den vor­an­ge­gan­ge­nen ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt gar nicht hät­ten. Vie­le Witz­bol­de, Kon­ser­va­ti­ve, Sprach­schüt­zer oder Di­gi­tal­ver­äch­ter tun das auch. Da­bei sind Re­ak­tio­nä­re ei­gent­lich gar nicht ge­gen das Neue, son­dern nur ge­gen das neue Neue. Sie wün­schen sich Zu­stän­de zu­rück, die in der Ver­gan­gen­heit ein­mal neu wa­ren. Das Pro­blem mit die­ser Welt­sicht ist al­ler­dings, dass wir mit Rück­schrit­ten zu al­tem Neu­en viel­leicht ak­tu­el­le Pro­ble­me ab­räu­men kön­nen, aber da­für auch wie­der sehr vie­le alte, da­mals™ un­ge­lös­te Pro­blem­kis­ten öff­nen müss­ten.

Ob­wohl der Pro­blem­lö­sungs­witz oben eine är­ger­li­che Sim­pli­fi­zie­rung ist, hat er, wie fast je­der Witz, doch ei­nen wah­ren Kern. Der bril­lan­te Den­ker, Di­gi­ta­li­sie­rungs­kri­ti­ker und Ego­ma­ne An­drew Keen, der seit Jah­ren die Hy­bris, Ar­ro­ganz, Maß­lo­sig­keit und Ego­ma­nie der Si­li­con-Val­ley-Un­ter­neh­mer kri­ti­si­ert, weist in der Mar­ke­ting­kam­pa­gne für sein neu­es Buch auf ein grund­sätz­li­ches Pro­blem des Fort­schritts hin:

Die Ge­schich­te der Mensch­heit zeigt, dass wir im­mer in die Zu­kunft hin­ein­stol­pern, al­les ka­putt ma­chen und es an­schlie­ßend wie­der in Ord­nung brin­gen müs­sen. Wir ha­ben 50 bis 100 Jah­re ge­braucht, um die Haupt­pro­ble­me des in­dus­tri­el­len Ka­pi­ta­lis­mus zu lö­sen, und mit ei­ni­gen Pro­ble­men be­schäf­ti­gen wir uns heu­te noch, etwa Um­welt­ver­schmut­zung und Kli­ma­wan­del.

Nicht sel­ten fällt es uns schwer, die­se Pro­ble­me über­haupt zu er­ken­nen, weil un­se­re Wahr­neh­mung und der ge­sell­schaft­li­che Fort­schritt nicht mit tech­ni­schen Wei­ter­ent­wick­lun­gen mit­hal­ten kön­nen. Eben­so schwer fällt es uns, be­reits er­kann­te Pro­ble­me an­zu­ge­hen: Lie­ber stol­pern wir wei­ter vor­an – und hal­ten uns, weil wir in Rich­tung Zu­kunft stol­pern, für pro­gres­siv.

Ich glau­be durch­aus, dass wir die Pro­ble­me, die uns Fort­schritt und Tech­no­lo­gie ein­ge­brockt ha­ben, mit mehr ge­sell­schaft­li­chem und tech­ni­schem Fort­schritt lö­sen kön­nen. Die ver­gan­ge­nen Jahr­tau­sen­de ha­ben ge­zeigt, dass das müh­sam ist, aber grund­sätz­lich funk­tio­niert. Die Welt, die Le­bens­si­tua­ti­on der Men­schen, hat sich in den letz­ten Jahr­hun­der­ten durch tech­ni­schen Fort­schritt enorm ver­bes­sert:

  • Wir wer­den mitt­ler­wei­le im Schnitt über 70 Jah­re alt
  • Die Zahl der Men­schen, die in ex­tre­mer Ar­mut le­ben, hat sich in den letz­ten 20 Jah­ren fast hal­biert

Die ak­tu­el­le Kli­ma­kri­se zeigt aber auch, dass Pro­ble­me nicht al­lein über per­sön­li­che (Kon­sum-)Ent­sch­ei­dun­gen ge­löst wer­den kön­nen, son­dern auch ge­sell­schaft­lich, po­li­tisch, am bes­ten glo­bal, an­ge­gan­gen und re­gu­liert wer­den müs­sen.

Nach­dem wir alle die Kli­ma­kri­se jahr­zehn­te­lang ver­drängt und mög­li­che Lö­sungs­an­sät­ze auf­ge­scho­ben und ver­stol­pert ha­ben, ist in den letz­ten Mo­na­ten Er­staun­li­ches ge­sche­hen: Die (frei nach An­drew Keen) an­geb­lich so nar­ziss­ti­sche, Fast-Food-, Ni­ko­tin-, Spiel-, Por­no- und Gad­get-süch­ti­ge Ju­gend for­dert, dass wir un­se­re po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für die Zu­kunft über­neh­men.

Die Ju­gend, um de­ren Wohl­erge­hen wir uns an­ge­sichts der Di­gi­ta­li­sie­rung und Ver­net­zung, der All­ge­gen­wart von seich­ter Un­ter­hal­tung, Ge­walt und Por­no­gra­fie so gro­ße Sor­gen ge­macht ha­ben, ent­sch­ei­det sich er­staun­lich be­wusst, wel­che Apps oder On­line-Diens­te sie nutzt und auf wel­che sie ver­zich­tet. Sie hat er­kannt, dass die Zu­kunft nicht vor­dring­lich mit Ju­gend­schutz, son­dern mit po­li­ti­schem Han­deln zum Kli­ma­schutz ge­ret­tet wer­den muss. Es ist pa­ra­dox, aber wir le­ben in ei­ner Zeit, in der Ju­gend­li­che den Er­wach­se­nen zei­gen, was es be­deu­tet, er­wach­sen zu han­deln: Näm­lich Tech­no­lo­gie und Fort­schritt nicht als Selbst­zweck zu se­hen, son­dern als Ge­stal­tungs­mit­tel für die Zu­kunft. Wenn wir end­lich so er­wach­sen wer­den wie die Ju­gend, kön­nen wir mit Tech­no­lo­gie auch wie­der Pro­ble­me lö­sen, die wir ohne Tech­no­lo­gie nicht lö­sen könn­ten.


ent­halt­sam­keit ge­gen die kli­ma­ka­ta­stro­phe?

felix schwenzel in artikel

mich macht das un­re­flek­tier­te wie­der­kau­en von ver­meint­li­chen stu­di­en­ergeb­nis­sen im­mer ein biss­chen ag­gres­siv, aber jour­na­lis­ten schei­nen stu­di­en zu lie­ben. frü­her auf pa­pier, jetzt im netz oder in emails, reis­sen jour­na­lis­ten für eine kna­cki­ge über­schrift, ei­nen schluss­gag oder auf­hän­ger, sät­ze aus zu­sam­men­fas­sun­gen aus dem zu­sam­men­hang und wer­fen sie dem le­ser oder zu­schau­er vor. so auch heu­te im ta­ges­spie­gel check­point:

[…] Ge­ra­de ver­öf­fent­lich­te Zah­len ei­nes fran­zö­si­schen Think Tanks sol­len be­le­gen, dass Vi­deo­strea­ming je­des Jahr 305 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­len­di­oxid ver­ur­sacht – was fast ein Pro­zent des welt­wei­ten Aus­sto­ßes sei (laut „The New Sci­en­tist“).

lo­bend er­wäh­nen muss ich na­tür­lich, dass der check­point die quel­le ver­linkt und mit der for­mu­lie­rung „sol­len be­le­gen“ dar­auf hin­weist, dass zah­len aus stu­di­en, re­ports oder schluss­ab­sät­zen im­mer mit vor­sicht oder ein paar gramm salz zu ge­nies­sen sind. auf die furcht­bar ver­un­glück­te und ver­klemm­te por­no-schluss­poin­te von björn see­ling möch­te ich ei­gent­lich nicht ge­son­dert hin­wei­sen, weil die poin­ten von björn see­ling im­mer klem­men. aber ich zi­tie­re sie trotz­dem kurz, weil nicht nur die poin­te klemmt, son­dern auch der in­halt:

Vor­schlag des Think Tanks, um CO₂ ein­zu­spa­ren: die Da­ten­men­ge durch ge­rin­ge­re Auf­lö­sung der Vi­de­os ver­klei­nern. Gilt na­tür­lich nicht nur für die ganz schar­fen.

(2 von mir tie­fer­ge­setzt, fet­tun­gen von björn see­ling)

die stu­die, oder der re­port, wie the shift pro­ject die ver­öf­fent­li­chung nennt, schlägt näm­lich gar nicht vor auf­lö­sun­gen von on­line-vi­de­os zu ver­klei­nern, son­dern man schlägt di­gi­ta­le ent­halt­sam­keit („Di­gi­tal so­brie­ty“) vor. um den re­port zu er­gän­zen, lie­fert the shift tank the shift pro­ject al­ler­dings drei „werk­zeu­ge,“ um nut­zerïn­nen und bür­gerïn­nen die ver­steck­ten um­welt­be­las­tun­gen von di­gi­ta­len tech­no­lo­gien zu zei­gen („to reve­al the hid­den en­vi­ron­men­tal im­pact of di­gi­tal tech­no­lo­gy to users and ci­ti­zens“):

ich be­zweif­le, dass björn see­ling oder das shift pro­jekt glau­ben, dass eine drei­seit­ge pdf-an­lei­tung et­was ist, auf das you­tube, net­flix oder ama­zon prime ge­war­tet ha­ben, um das ge­wicht ih­rer an­ge­bo­te zu re­du­zie­ren. tat­säch­lich ste­cken die platt­for­men be­reits seit ei­ni­gen jah­ren geld und ent­wick­lung in die op­ti­mie­rung von kom­pri­mie­rungs­al­go­rith­men und ef­fi­zi­en­te­re aus­lie­fe­rung — nicht nur auf­merk­sam­keit be­deu­tet geld für die plat­for­men, auch op­ti­mier­te ge­schwin­dig­keit und re­sour­cen­nut­zung. das pdf rich­tet sich eher an leu­te die ihre ei­ge­nen por­nos dre­hen ihre selbst­ge­mach­ten vi­de­os erst­mal selbst op­ti­mie­ren möch­ten, be­vor sie sie auf you­tube oder vi­meo la­den, um sie dort noch­mal op­ti­mie­ren zu las­sen und aus­lie­fern zu las­sen. im pdf wird üb­ri­gens auch er­klärt, wie der au­tor des pdf es schaff­te 16 sei­ner vi­meo-vi­de­os so zu op­ti­mie­ren, dass er am ende im schnitt 25% der vi­deo-da­tei­grös­se ein­spar­te: 11 wur­den er­folg­reich um 50 bis 90 pro­zent in der grös­se re­du­ziert, zwei lies­sen sich nicht wei­ter op­ti­mie­ren und drei hat er ge­löscht: „Re­du­cing the weight of vi­de­os on­line the­r­e­fo­re be­g­ins by as­king the ques­ti­on of the useful­ness of their on­line pre­sence.“

das ist die hal­tung, bzw. der lö­sungs­an­satz, der sich durch den gan­zen re­port „The Un­sus­tainable Use Of On­line Vi­deo“ zieht: di­gi­ta­le, per­sön­li­che ent­halt­sam­keit. statt mit dem SUV mal zu fuss zum su­per­markt ge­hen um qui­noa zu kau­fen, müll­tren­nung und das eine oder an­de­re vi­deo bei you­tube lö­schen, um das kli­ma zu ret­ten.

mich er­in­nert das fa­tal an die nar­ra­ti­ve die uns die öl­in­dus­trie, die au­to­in­dus­trie oder die kunst­off pro­du­zie­ren­de in­dus­trie ins kol­lek­ti­ve ge­wis­sen ge­häm­mert ha­ben: das elend der welt ist kein po­li­ti­sches pro­blem, son­dern ein pro­blem in­di­vi­du­el­ler schuld. fah­r­ad­fah­ren und zu fuss ge­hen wird si­che­rer, wenn wir vor­sich­ti­ger und um­sich­ti­ger sind und uns bei­spiels­wei­se mit hel­men schüt­zen, nicht etwa durch tem­po­li­mits, fahr­ver­bo­te, ge­trenn­te fahr­rad­weg­net­ze. müll­ber­ge aus kunst­off sind ein pro­blem weil wir den müll nicht gut ge­nug tren­nen, zu ver­pa­ckungs­in­ten­siv ein­kau­fen oder un­se­re plas­tik­zahn­bürs­ten schon nach 6 wo­chen wech­seln, nicht etwa weil die in­dus­trie jede re­gu­lie­rung der kunst­off­pro­duk­ti­on weg­lob­by­iert hat oder sich mit grü­nen punk­ten jahr­zehn­te­lang weiss­ge­wa­schen hat.

und der kli­ma­wan­del: na­tür­lich auch die schuld ei­nes je­den ein­zel­nen, wer net­flix guckt, mal in den ur­laub fliegt oder we­gen nicht vor­han­de­nem oder nicht funk­tio­nie­ren­den öf­fent­li­chem nah­ver­kehr mit dem auto pen­delt ist schuld am kli­ma­wan­del. dass mehr oder we­ni­ger alle po­li­ti­schen fra­ge­stel­lun­gen und in­itia­ti­ven zum kli­ma­wan­del seit jahr­zehn­ten aus­ge­klam­mert, aus­ge­ses­sen, ver­harm­lost oder igno­riert wur­den ist se­kun­där.

ganz iro­nie­los be­schreibt die­ser ar­ti­kel der kli­ma­ak­ti­vis­tin mary an­nai­se he­glar, dass das pro­blem nicht in­di­vi­du­el­le schuld ist, son­dern dass die kli­ma­ka­ta­stro­phe eben nur po­li­tisch ge­löst wer­den kann: »Stop ob­ses­sing over your en­vi­ron­men­tal sins. Fight the oil and gas in­dus­try in­s­tead.«


dass das in­ter­net un­ge­heu­er viel en­er­gie ver­braucht steht aus­ser fra­ge, eben­so, dass vi­deo-strea­ming mitt­ler­wei­le mehr als die hälf­te des ge­sam­ten netz­werk­ver­kehrs aus­macht. der re­port spricht auch the­men an, die in al­ler brei­te dis­kus­si­ons­wür­dig sind, wie „dunk­le de­sign mus­ter“ (dark de­sign pat­terns), die be­nut­zer mög­lichst lan­ge auf den je­wei­li­gen plat­for­men hal­ten sol­len: au­to­play, end­los-scrol­ling, eine ath­mo­sphä­re von dring­lich­keit. nur sind die­se de­sign-mus­ter eben nichts neu­es, auch das alte fern­se­hen nutzt bis heu­te au­to­play, setzt al­les dar­an, den zu­schau­er so lan­ge wie mög­lich am schirm zu hal­ten und die auf­merk­sam­keit ein­zu­fan­gen. auch sen­de­mas­ten und ana­lo­ge fern­seh­ge­rä­te ver­brauch­ten strom und ta­ges­zei­tun­gen (wie der ta­ges­spie­gel) sind, selbst nach ei­ner stu­die die die pa­pier­ver­ar­bei­ten­de in­dus­trie in auf­trag ge­ge­ben hat, eher kei­ne CO₂-mus­ter­kna­ben:

Die Print­zei­tung ver­braucht im Ver­gleich zur On­line-Zei­tung deut­lich mehr Pri­mär­ener­gie. Der Car­bon Foot­print ist eben­falls grö­ßer. Die Ge­samt­um­welt­be­las­tung ist bei der ge­druck­ten Zei­tung auch hö­her. Das al­les spricht ge­gen die ge­druck­te Zei­tung.

(wenn man eine ge­druck­te zei­tung län­ger als eine hal­be stun­de liest oder sie noch von 2,2 an­de­ren leu­ten le­sen lässt ver­bes­sert sich die öko­bi­lanz der ge­druck­ten zei­tung.)

dass vi­deo­strea­ming je­des jahr „305 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­len­di­oxid“ ver­ur­sacht, dass die pro­duk­ti­on von zei­tun­gen auch CO₂ ver­ur­sacht, oder, pre­vious­ly, dass bit­co­in-mi­ning irre viel strom ver­braucht, sind fest­stel­lun­gen die dem kli­ma­schutz nicht hel­fen, weil sie stroh­mann-ar­gu­men­te sind. sie sug­ge­rie­ren dass es leicht iden­ti­fi­zier­ba­re schul­di­ge gibt, leu­te die bit­co­ins ab­bau­en, leu­te die net­flix oder por­nos gu­cken oder sich nach­rich­ten auf ge­bleich­tem alta­pa­pier kau­fen. sie sug­ge­rie­ren, dass wir, je­der ein­zel­ne von uns, selbst schuld sind und dass er­zie­hung, auf­klä­rung und ent­halt­sam­keit lö­sun­gen sein kön­nen.

da­bei liegt die lö­sung auf der hand: sie ist po­li­ti­scher, ge­sell­schaft­li­cher na­tur. die po­li­tik muss da­für sor­gen ihre viel zu be­schei­de­nen und nied­ri­gen kli­ma­schutz­zie­le zu er­fül­len, wir müs­sen weg vom ver­bren­nungs­mo­tor, wir müs­sen den in­di­vi­du­al­ver­kehr mit re­gu­lie­rung re­du­zie­ren (we­ni­ger au­tos wa­gen) und bes­se­re, viel bes­se­re öf­fent­li­che ver­kehrs­lö­sun­gen schaf­fen. die ma­schi­nen­räu­me des in­ter­nets müs­sen mit po­li­ti­schen mit­teln dazu ge­bracht wer­den en­er­ge­tisch ef­fi­zi­en­ter zu wer­den und aus mehr und mehr re­ge­ne­ra­ti­ven en­er­gie­quel­len ge­speist zu wer­den. goog­le rühmt sich da­mit be­reits 30% ih­rer „an­la­gen“ mit er­neu­er­ba­rer en­er­gie zu ver­sor­gen. mit ent­spre­chen­dem pol­ti­schen druck und ernst­haf­ten schrit­ten in rich­tung ei­ner en­er­gie­wen­de soll­te da noch ei­ni­ges zu ma­chen sein.

wir alle müs­sen am gros­sen po­li­ti­schen rad dre­hen, statt nur ent­halt­sa­mer zu le­ben. nichts ge­gen ent­halt­sam­keit, wer sich da­für ent­schei­det sei­nen öko­lo­gi­schen fuss­ab­druck zu re­du­zie­ren, sei es durch ver­zicht, ver­nunft oder spar­sam­keit, ver­dient re­spekt. mir geht das wort nach­hal­tig­keit nur schwer über die lip­pen, aber wenn wir un­se­ren kon­sum, un­ser ei­ge­nes le­ben et­was mehr auf re­sour­cen­scho­nung und ver­träg­lich­keit mit der zu­kunft ab­stim­men, ist das kein schritt in die fal­sche rich­tung — so­lan­ge es eben nicht der ein­zi­ge schritt ist und wir nicht die po­li­ti­sche di­men­si­on aus den au­gen ver­lie­ren.

und zum the­ma di­gi­ta­le ent­halt­sam­keit: ich glau­be, dass es wirk­lich sehr, sehr we­ni­ge er­folgs­ge­schich­ten der ent­halt­sam­keit gibt. die ka­tho­li­sche kir­che dürf­te das bes­te bei­spiel da­für sein, denn sie hat ei­nen meh­re­re tau­send jah­re lan­gen feld­ver­such un­ter­nom­men, der ziem­lich deut­lich zu zei­gen scheint, dass ent­halt­sam­keit ge­sell­schaft­lich und po­li­tisch kei­ne lö­sung ist, son­dern im ge­gen­teil, die pro­ble­me nur ver­la­gert und ver­schärft.


ich habe ver­sucht den gan­zen re­port von the shift pro­ject zu le­sen. das wur­de er­schwert durch eine un­ge­mein sper­ri­ge spra­che und er­mü­den­de wie­der­ho­lun­gen. ich kann aber gu­ten ge­wis­sens be­haup­ten, dass ich die stu­die sorg­fäl­ti­ger ge­le­sen habe als die au­toren selbst. hät­ten die ihr kon­vo­lut noch­mal vor der ver­öfent­li­chung als PDF ge­le­sen, wä­ren ih­nen viel­leicht auch ab­sät­ze wie die­ser auf­ge­fal­len:

strea­ming sites, of “tube” type (cf. Err­eur ! Source du ren­voi in­trou­va­ble..Err­eur ! Source du ren­voi in­trou­va­ble..Err­eur ! Source du ren­voi in­trou­va­ble. “Err­eur ! Source du ren­voi in­trou­va­ble.”, p. Err­eur ! Si­gnet non dé­fi­ni.), have re­vo­lu­tio­ni­zed the con­sump­ti­on of por­no­gra­phy by ma­king ac­cess to it by any smart­phone, in­clu­ding by child­ren and ado­le­s­cents, simp­le and free.

mir graust es auch vor ar­gu­men­ta­ti­ons­mus­tern wie die­sem, dass mich an die po­li­ti­sche spin­dok­tor-dre­he­rei der te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons-in­dus­trie zur ab­schaff­fung der netz­neu­tra­li­tät er­in­nert:

Not choo­sing me­ans po­ten­ci­al­ly al­lo­wing por­no­gra­phy to me­cha­ni­cal­ly li­mit the band­width available for te­le­me­di­ci­ne, or al­low the use of Net­flix to li­mit ac­cess to Wi­ki­pe­dia.

die ähn­lich­keit der ar­gu­men­ta­ti­ons­mus­ter des shift pro­ject mit de­nen gros­ser in­dus­trie-lob­by-ver­ei­nen macht mich stut­zig. wie sich das pro­jekt fi­nan­ziert habe ich auf the­shift­pro­ject.org nicht her­aus­fin­den kön­nen. die wi­ki­pe­dia deu­tet le­dig­lich an, wo­her das geld kommt: „The Shift Pro­ject is fun­ded by cor­po­ra­te spon­sors.“

wahr­schein­lich sind die ar­gu­men­te des shift pro­jects aber ein­fach nur so schwach, weil man nicht ge­nug in­dus­trie­geld ein­sam­meln konn­te um sich über ent­halt­sam­keit hin­aus­ge­hen­de ge­dan­ken zu ma­chen. po­si­tiv ist üb­ri­gens zu ver­mer­ken, dass das vi­deo des pro­jekts mit bis­her le­dig­lich knapp 4000 views auf you­tube bei­na­he kli­ma­neu­tral ist und da­mit erst 35 ki­lo­gramm CO₂ aus­ge­stos­sen hat. al­ler­dings könn­te das ver­lin­ken des vi­de­os nach an­sicht des shift-pro­jekts ei­ner kli­ma­sün­de gleich­kom­men.


in­fluen­cer am hof

felix schwenzel in artikel

heu­te wa­ren wir in pots­dam im schloss­park von sans­sou­ci. die bei­fah­re­rin woll­te dort in den bo­ta­ni­schen gar­ten, weil sie ge­wächs­häu­ser ge­ra­de su­per fin­det und wir die ge­wächs­häu­ser im bo­ta­ni­schen gar­ten von ber­lin und kiel und auf dem bun­des­gar­ten­schau-ge­län­de schon ge­se­hen ha­ben. aus­ser­dem woll­te sie, nach­dem wir kürz­lich mal im chi­ne­si­schen tee­haus auf dem bun­des­gar­ten­schau­ge­län­de wa­ren, auch ins tee­haus im park von sans­sou­ci.

(das tee­haus auf dem buga-ge­län­de in mar­zahn ist sehr toll und er­schien uns sehr au­then­tisch — und vor al­lem le­cker.)

die tro­pen­häu­ser in pots­dam wa­ren toll, dort stan­den so­gar un­be­wach­te coca-sträu­cher und an­de­re dro­gen-pflan­zen. die far­ne und luft­wurz­ler wa­ren fas­zi­nie­rend und die ein­hei­mi­schen in­sek­ten mö­gen auch die tro­pi­schen pflan­zen.

aus­ser­dem gibts in pots­dam die „merk­wür­digs­te pflan­ze der welt“, der in ih­rem gan­zen le­ben nur zwei blät­ter wach­sen, aber be­quem meh­rer tau­send jah­re alt wer­den kann. das ex­em­plar in pots­dam war erst 40 jah­re alt.

die an­geb­lich „merk­wür­digs­te pflan­ze der welt“

nach den ge­wächs­häu­sern lie­fen wir dann zum chi­ne­si­schen tee­haus und un­ter­wegs ka­men wir un­ter an­de­rem am lust­gar­ten vor­bei. was denn ein „lust­gar­ten“ wäre, frag­te die bei­fah­re­rin. ich mein­te, dass das der ort ge­we­sen sei, wo sich die ade­li­gen am hof amü­sie­ren könn­ten, rum­spa­zier­ten um zu gu­cken und ge­se­hen zu wer­den, fan­gen spie­len und so. dank mo­der­ner tech­no­lo­gie kann man sol­che fra­gen ja heut­zu­ta­ge auch gleich wenn sie auf­kom­men nach­schla­gen. ich las aus der wi­ki­pe­dia:

Der Lust­gar­ten ist ein (oft park­ähn­li­cher) Gar­ten, der vor­ran­gig der Er­ho­lung und Er­freu­ung der Sin­ne dient. Er ent­hält häu­fig auch zu­sätz­li­che Ein­rich­tun­gen (Gar­ten­lust­bar­kei­ten) wie Kon­zert­sä­le, Pa­vil­lons, Fahr­ge­schäf­te, Zoos oder Me­na­ge­ri­en.

was denn eine me­na­ge­rie sei, frag­te die bei­fare­rin dann noch:

Die Me­na­ge­rie ist eine his­to­ri­sche Form der Tier­hal­tung und als sol­che der Vor­läu­fer des zoo­lo­gi­schen Gar­tens, der sich erst im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te.

nach­dem die lust­gar­ten- und me­na­ge­rie-fra­gen auf­ka­men, muss­te ich je­den­falls an die knapp 200 adels­fil­me und -se­ri­en den­ken, die ich in den letz­ten 40 jah­ren kon­su­miert hat­te (be­mer­kens­wert in den letz­ten bei­den jah­ren üb­ri­gens ver­sailles und the fa­vou­ri­te). so ein hof war ja ne­ben dem po­li­ti­schen ge­döns vor al­lem ein ort an dem sich die frü­hen in­fluen­cer ver­sam­mel­ten und tra­fen. man ver­brach­te dort ei­nen nicht un­er­heb­li­chen teil sei­ner zeit da­mit über mode zu re­den und mode und sein ei­ge­nes ex­qui­si­tes ver­ständ­nis von mode zur schau zu tra­gen, schmink­tipps zu tau­schen und ein ge­fühl von zu­ge­hö­rig­keit zu ex­klu­si­ven krei­sen zu fei­ern. sel­fies wa­ren da­mals noch et­was auf­wän­di­ger in der her­stel­lung, die ver­brei­tung ging zu­nächst nicht über die ei­ge­nen, ex­klu­si­ven krei­se hin­aus und vor al­lem konn­te man die sel­fies nicht selbst her­stel­len.

das pro­mi-sel­fies oft gar nicht selbst her­ge­stellt wer­den ist al­ler­dings auch heu­te, seit min­des­tens vier jah­ren noch so.

sel­fie von chris­ti­an ul­men, col­li­en ul­men-fer­nan­des und an­de­ren (Bild­rech­te: BR/PULS/Se­bas­ti­an Wun­der­lich)

ne­ben den in­fluen­cern wa­ren an die­sen adels­hö­fen aber vor al­lem auch vie­le pro­mi-gaf­fer. der nie­de­re adel hat­te es — ver­meint­lich — zu et­was ge­bracht, zu pri­vi­le­gi­en und ein biss­chen ver­mö­gen, und such­te jetzt am hof vor al­lem ge­le­gen­heit das ei­ge­ne selbst­wert­ge­fühl durch pro­mi-ex­po­si­ti­on auf­zu­wer­ten. der auf­ent­halt am hof muss irre lang­wei­lig und ein­tö­nig ge­we­sen sein, aber die mög­lich­keit sich vom ruhm der pro­mis be­schei­nen zu las­sen, sich selbst zu ver­ge­wis­sern zum er­lauch­ten kreis dazu zu ge­hö­ren, mach­te die lan­ge­wei­le wohl wett.

dar­an muss­te ich, wie ge­sagt, heu­te im schloss­park den­ken — und als ich eben den blog­ar­ti­kel der bei­fah­re­rin von heu­te las (ce­le­bri­ty-art), schloss sich der kreis: die­se leu­te, de­ren le­bens­zweck es zu sein scheint in be­stimm­ten krei­sen ge­se­hen zu wer­den, de­nen es wich­tig ist ei­nen be­stimm­ten, ver­meint­li­chen sta­tus nicht nur zu ha­ben, son­dern of­fen­siv zu zei­gen, die gibt’s heu­te mehr denn je. die sprin­gen auf kunst-mes­sen rum, drop­pen names in in­ter­views oder schlür­fen aus­tern in steh­tisch-re­stau­rants in ham­burg, düs­sel­dorf, sylt oder mün­chen.

dank der mas­sen­me­di­en und der noch mas­si­ge­ren netz­me­di­en, hat zwar je­der theo­re­tisch die chan­ce auf 15 mi­nu­ten teil­nah­me am hof­ze­re­mo­ni­ell, aber pro­mi­nenz, ve­r­a­de­lung durch pro­mi­nenz oder ex­klu­si­vi­tät, ist im­mer noch eine wert­vol­le und nicht ganz leicht zu er­lan­gen­de wäh­rung im ge­sell­schafts­zir­kus.

wenn wir uns heu­te lus­tig ma­chen über die hof­zer­io­ni­el­le von vor 100, 200 oder 300 jah­ren, soll­ten wir be­den­ken, dass die fil­me in 200, 300 jah­ren ge­nau­so un­barm­her­zig mit un­se­ren ge­sell­schaft­ri­tua­len um­ge­hen wer­den.

das tee­haus im schloss­park von sans­sou­ci ser­viert üb­ri­gens kei­nen tee. das ist nur ein aus­stel­lungs­raum. ganz hübsch, aber tro­cken.

chi­ne­si­sches tee­haus im schloss­park von sans­sou­ci