in character
wäre ich ein schauspieler, wäre ich sicherlich ein miserabler schauspieler. mir fällt es wahnsinnig schwer mich gehen zu lassen, nicht ich zu sein. das macht mich auch zu einem miserablen drogenkonsumenten, weil ale drogen die auch nur im ansatz meine selbstwahrnehmung verändern mir unangenehm sind. ausnahmen sind drogen die ich gelernt habe zu dosieren, vor allem alkohol. die schwelle an der ich das heft aus der hand gebe kann ich, nach über 40 jahren dosierübung, gut kommen sehen und vermeiden.
andererseits, vielleicht bin ich ja doch ein ganz guter schauspieler, aber eben einer, der nur eine rolle drauf hat: den felix. den spiele ich mit all den charakterzügen die mir durch erziehung, erbgut, erfahrungen und reflektion ins drehbuch geschrieben wurden. die rolle die mir zugeschrieben wird und die ich mir selbst auf den leib geschneidert habe, in der fällt es mir leicht zu bleiben. die rolle zu wechseln eher nicht.
ich bin mir auch nicht ganz sicher, was ich von menschen halten soll, die in andere rollen schlüpfen können und das gegebenenfalls auch durchziehen. ich schwanke da zwischen bewunderung, irritation und unverständnis. mir fällt da immer der auftritt von joaquin phoenix 2009 bei david laterman ein. da spielte er eine durchgeknallte version von sich selbst, in der er seine schauspielkarriere aufgeben und hip-hopper werden wollte. er zog die rolle bis zum bitteren ende durch. 16 jahre später sagte joaquin phoenix bei stephen colbert immerhin, dass ihm dieser auftritt wahnsinnig schwer gefallen sei („it was horrible, it was so uncomfortable, i regret it“).
meine irritation und mein unverständnis kommen wahrscheinlich genau daher, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, wie man solche unangenehmen situationen als mensch überhaupt ertragen kann, bzw. sie trotz des „horrors“, der scham, die solche situationen potenziell erzeugen, durchzieht.
das gleiche frage ich mich bei leuten wie kim jong-un oder donald trump, die bei öffentlichen auftritten die rolle eines (vermeintlich) grossen staatsführers spielen. wie ertragen die das? reden sie nach feierabend oder am sterbebett ähnlich wie joaquin phoenix bei colbert darüber? wie unangenehm es ist eine solche aufgeblasene, karikaturhafte, aller menschlichkeit und empathie beraubter rolle „in character“ durchzuziehen? oder vollbringen sie das kunststück ihre rolle 24/7 durchzuziehen? selbst hitler legte seine rolle (offenbar) gelegentlich ab und sprach wie ein normaler mensch.
ich bin auf irgendeine art unfähig zu glauben, dass leute wie donals trump, kim jong-un die absurden rollen die sie spielen ernst meinen und warte immer darauf, dass sie vielleicht bei interviews oder auftritten plötzlich losprusten und sagen: „ha, ha, reingefallen!“ auf eine andere art, weiss ich natürlich, dass diese hoffnung quatsch ist.
während meines zivildiestes lernte ich einen erwachsenen behinderten kennen der nicht sprach und grosse teile des tages mit dem ausführen von zwangshandlungen verbrachte. eine dieser zwangshandlungen war lichtschalter mehrfach zu betägigen. ansonsten erschien er wie ein ganz normaler, freundlicher, mittelalter mann. er sprach zwar nicht, aber man konnte mit ihm reden und er verstand auch alles. man erzählte mir, dass er, wenn er zuhause bei seiner familie zu besuch sei, ganz normal reden würde und angeblich sogar ein bisschen redselig sei.
ich glaube diese geschichte tat mir nicht gut und pflanzte eine idee in mein hirn, dass man menschen die sich konsequent abweichend von der norm verhalten, nur ein eine besondere situation bringen muss, damit sie wieder „normal“ werden. daran scheiterte david letterman 2009 allerdings in aller öffenlichkeit und donald trump wird seine rolle wahrscheinlich auch an seinem sterbebett durchziehen — in der hoffnung, vielleicht doch noch einen nobelpreis zu bekommen. oder erstazweise den stay-in-character-oscar.