elaborierte kulturtexte
@janschmidt hat seine folgenden gefragt ob er qwert oder was anderes lesen soll. qwert ist der neue roman von walter moers (verlangslink). walter moers habe ich ein bisschen aus den augen verloren. nachdem ich 2004 die 13 ½ leben des käpt’n blaubär ganz grandios fand, fand ich 2013 das labyrinth der träumenden bücher ganz furchtbar und mit seinem kliffhänger mitten in der geschichte auch unverfroren. rumo hab ich dann, glaube ich, wieder mit grossem vergnügen gelesen und dann nix mehr. der output von moers über die letzten jahre scheint aber laut verlagsautorenseite kaum nachgelassen zu haben.
ich habe erfreut festgestellt, dass die e-buch-version von qwert bei thalia zwar so viel wie die gebundene ausgabe kostet (39,99 €), aber man dafür eine epub-datei ohne kopierschutz bekommt. das ist mal lobenswert und ich überlege mir mal ein paar tage urlaub zu nehmen um das buch auf dem sofa bingezulesen.
über diese eher undifferenzierte ansicht wollte ich mich gleich nach dem lesen des teasers aufregen und selbst was super-differenziertes schreiben, aber das das „essay“ von tilman baumgärtel liest sich besser als die teaser beim bildblog oder über dem text bei der taz vermuten lassen. aber der text bietet trotzdem nicht viel mehr als anekdotische evidenz: baumgärtel meint, früher habe es immer wieder erfreuliches Feedback“ auf „lange, feuilletonistische Artikel“ gegeben — und jetzt nicht mehr.
ich hab aus der vergangenen zeit der gatekeeper auch die eine oder andere anekdote. natürlich haben erwähnungen von oder interviews mit mir oder gar artikel über mich in überregionalen oder regionalen medien gelegentlich spürbares feedback erzeugt1 — wenn die gatekeeper ihre tore mal einen spalt öffneten. aber damals waren massenmedien eben auch noch massenmedien und noch nicht durchfragmentarisiert. damals hielten die tore über die die gatekeeper wachten noch reissende flüsse zurück, jetzt plätschert an diese tore im besten fall noch ein glucksender bach.
der aufmerksamkeits-markt ist grösser, lauter und unübersichtlicher geworden, für alle beteiligten. es bilden sich neue gatekeeper-cluster, influencer gewinnen an einfluss (scnr) und gedrucktes ist, wie vinyl, von einem massenprodukt zu einem liebhaberprodukt geworden. ich hab hier genauso wenig neue erkenntnisse, wie tilman baumgärtel:
Dass man mit Videoschnipsel-Debattenbeiträgen mehr Aufmerksamkeit als mit elaborierten Texten erhalten kann, ist zwar keine neue Erkenntnis. Ich war bloß noch nie auf die Idee gekommen, dass das auch für mich und meine Kulturartikel gelten könnte. Doch offenbar bewegen wir uns dank Social Media und Videoreels wieder in Richtung einer oralen Kultur, wie sie der Literaturwissenschaftler Walter Ong beschrieben hat.
walter ong hab ich nicht gelesen. wohl aber neil postman. vor vierzig jahren. der wurde nicht müde zu argumentieren, dass die vorherrschaft des gedruckten worts durch das zeitalter des fernsehens, der bilder und des amüsements abgelöst würde, bzw. schon wurde. deshalb frage ich mich: waren diese „elaborierten Kulturtexte“ überhaupt jemals besonders populär? waren die leser von sowas nicht immer schon eine verschwindend kleine special interest fraktion der bevölkerung? warum hat der inflluencer marcel reich ranicki das literarische quartett in den 80er jahren ins fernsehen gehievt? weil sich schon damals keine sau für „elaborierte Kulturtexte“ oder buchkritiken in den gedruckten medien zu interessieren schien. also hat er mit ein paar bekannten mit 70 minuten langen videoschnipsel-debattenbeiträgen versucht mehr aufmerksamkeit für bücher zu generieren.
wenn ich mich recht an meinen geschichtsuntericht erinnere war martin luther, genau wie postman und ong davon genervt, dass die katholische kirche den glauben vor allem durch bilder, statuen, rituale und performances vermittelte und nicht sola scriptura („allein durch die schrift“).
was ich sagen will: differenzierte, elaborierte texte haben es schon immer schwer gehabt ein breites publikum zu finden. und vielleicht haben sich intellektuelle vor 20, 30, 100 oder 500 jahren, genau wie der eine oder andere blogger vor 20 jahren, davon einlullen lassen, dass die debatten in vielen filterblasen eben von intellektuelle domiert wurden und so eine etwas eindimensionale, unrealistische wahrnehmung von resonanz, relevanz oder popularität erzeugten.
vielleicht müssen medienschaffende (da zähle ich mich durchaus mit dazu) einfach damit leben lernen, dass ihre texte einerseits eine sehr begrenzte, sehr kleine zielgruppe haben und dass es andererseits immer schon schwer war diese überschaubare zielgruppe überhaupt zu erreichen. feuilletons waren sowas wie aggregatoren und suchmaschinen der frühen zeit für „elaborierte“, anspruchsvollere texte, werkzeuge um aufmerksamkeitströme in einem gewissen rahmen zu lenken und zu manipulieren oder zu subventionieren.
um so wichtiger dürte es sein, die nutzung des offenen webs weiter für vernetzung, aggregation, empfehlungen und eigenverlag zu nutzen. die zielgruppe, klein und überschaubar, ist noch da, sie findet den ganzen elaborierten scheiss nur immer schwerer. das kann man ändern, indem man sich nicht mehr an den grossen platformen orientiert, sondern sich so gut wie möglich vernetzt, föderiert und werkzeuge weiterentwickelt, experimentiert und sein publikum selbst einsammelt und bedient.
luther nutzte damals auch moderne werkzeuge beim versuch die menschen aus den bildwelten der kirche zu zerren. und wie luther stehen wir mächtigen giganten gegenüber, aber wenn wir uns auf die kraft des geschrieben wortes verlassen, technologien klug nutzen, ertragen dass die meisten menschen uns igonieren und kaum wharnehmen, haben wir vielleicht doch die chance hier und da jemanden zu berühren und vielleicht auch was zu verändern.
am ende ist relevanz firlefanz und statt eines massenpublikums ist ein ordentlicher, selbstgebauter resonanzraum wahrscheinlich ohnehin die bessere lösung.
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vor zwanzig jahren gabs das mal, dass sich zeitweise arte, die taz und berliner zeitung oder medienmagazine für blogger und gelegentlich auch mich interessierten. ↩
sportrodel? ich würde das eienn bob nennen, aber gut. wie so oft habe ich, bevor ich das video gesehen habe, gedacht: laaangweilig. aber die details, wie thomas egger einzelteile fertigt, verleimt, verklebt und zusammen fügt ist dann doch durch und durch faszinierend. ich hatte danach das gefühl viel gelernt zu haben. nur mein interesse selbst so einen bob haben zu wollen (oder zu bauen) ist weiterhin bei exakt null.