Ich erinnere mich noch gern an meine erste Reboot Konferenz in Kopenhagen. Jede*r im Publikum hatte drei Tabs offen: Suche #reboot via technorati.com, flickr.com, del.icio.us.
meine erste reaktion als ich franks text über den status der „blogsupersuchmaschine“ las war: „das waren noch zeiten“. die richtigere reaktion wäre: „das wären zeiten relevante texte aus dem reissenden strom des freien netzes fischen könnten — ohne aufmerksamkeitslenkende algorithmen“. aber der witz ist: eine erste iteration kann realität werden, wenn wir frank westphal weiter und mehr unterstützen.
ich mal wieder aus dem maschinenraum. ich habe heute früh die DNS-einträge für wirres.net auf eine hetzner IP umgestellt, nachdem ich innerhalb von wenigen stunden die ganze site auf eine neue hetzner VM migriert habe. die migration war wirklich einfach:
bei hetzner eine VM einrichten, etwas an der ssh-konfig drehen und docker installieren
rsync von 10 GB daten
docker container hochfahren
fertig
natürlich gabs danach noch ein paar kleinigkeiten geradezuziehen, aber das schöne ist, wirres.net ist damit einerseits prima und komlett mit einem rsync zu backuppen oder zu migrieren und die gesamte serverlogik (apache, php, opcache, etc.) steht (jetzt) in einer docker-konfiguration, die sich theoretisch überall deployen lässt.
soweit scheint mir, dass alles funktioniert. die performance schien am anfang ein paar mal kurz am anschlag, auch wenn die anzahl der CPU kerne und RAM auf dem papier die gleichen sind, scheint es mir, als sei die hetzner-VM etwas schwachbrüstiger. ich beobachte das weiter und falls euch etwas auffällt was nicht funktioniert oder klemmt, lasst es mich wissen. aber ich sehe auch hier mal wieder warum kirby so ♥️ ist.
mein highlight des dritten und letzten republica tag war arne semsrott, der über die kraft der zivilgesellschaft sprach. das war hoffnungstiftend und anschaulich. das war zwar auch der aufruf etwas zu tun, sich in dieser ominösen zivilgesellschaft zu engagieren, aber es war vor allem die aussage: schaut mal, wie gut die zivilgesellschaft hier, hier und hier funktioniert.
arne semsrott machte das anschaulich, wozu ich theoretisch in meiner session versucht habe herzuleiten: die krisen unserer zeit (die scheisse) ist eine handlungsaufforderung. nur das arne semsrott ganz konkret auf vorhandene initiativen zeigte, die gut funktionieren.
Wir hatten äh die größte Protestwelle überhaupt 2024. Die Leute, die sind alle da. Und es wird dann vielleicht über diese Protestwelle gesagt, die hat ja irgendwie nichts bewegt und das ist komplett falsch. Die hat so viele Netzwerke überall in Deutschland geschaffen. Die sind alle noch da. Es gibt die Omas gegen rechts inzwischen, überall. Ja, und auch die Omas gegen rechts, […] die sagen, wir sind da und wir gehen hier auch nicht weg. Und das ändert auch wirklich eine Demo, wenn eine Oma sagt, ja, trag mich doch weg, Polizist. Das es macht wirklich einen Unterschied. […] Wir sind alle da und wir sind viele. Wir sind die Gegenmacht, wenn wir uns auf unsere Kraft besinnen, wenn wir solidarisch sind, wenn wir Unterstützungsstrukturen machen, wenn wir Transparenz einfordern, wenn wir neue Räume schaffen, wenn wir dabei Freude haben.
ich finde es lohnt sich, diese knappe stunde zu investieren und zu hören, was arne semsrott gesagt hat.
in die gleiche kerbe schlug fabian grischkat. er zeigte was er tat um rechte zu ärgern. wie man gegenhalkten kann und dabei freude haben kann, trotz aller düsternis. ich war ein bisschen erschüttert davon, wie professionell, eloquent und telegen diese jungen menschen heutzutage sind. ich weiss wirklich nicht, wie sich irgendwer übver die jugend von heute oder gen y, z oder alpha beklagen kann. ausser natürlich: neid.
um die mittagszeit habe ich mir dann noch zwei sessions am energiemobild angesehen. so schön aussernbühnen auch sind, wenns regnet wird dann halt feucht.
paul starzmann: „Anleitung zum Ungehorsam: Warum wir alle besser leben, wenn wir öfter »Nein« sagen“
matthias quent hat alte erinnerungen an uni-vorlesungen geweckt. duktus, inhalt, folien und das siezen der studierenden des publikums, alles wie damals. nicht schlecht, alles sehr pragmatisch, gut strukturiert und aufbereitet, aber selbst philip armthor konnte sich besser ins publikum einfühlen als matthias quent.
während maren urner mich vor zwei jahren mit ihrem vortrag vom hocker gehauen hatte, fand ich den vortrag dieses jahr nur sehr gut. ich kann mich keine 20 stunden später auch nicht mehr erinnern über was sie im detail gesprochen hat, ausser dass es auch bei ihr darum ging, dass hoffnung gut ist, ein werkzeug (oder kognitive strategie) und dass praktizierte hoffnung gesellschaftliche strategien verändern kann. auch sie betonte, wie cory doctorow, dass hoffnung aktiv und optimismus passiv sei. damit war ich wahrscheinlich der einzige sprecher auf der republica, der ein gutes haar am optimismus gelassen hat, bzw. ihn einfach umdefiniert habe zu etwas aktivem.
die entkrempelung der welt von gabriel yoran war angenehm offtopic, unaufgeregt, unterhaltsam und auch ein bisschen lehrreich. parallel zu gabriel sprach auf stage 1 tilo jung über politische rhetorik und tat so, als sei es überraschend, dass politik und regierungen ihre eigenen aktionen und kriege rhtorisch positiv darstellen und die aktionen und kriege ihrer gegner negativ. nächstes jahr spricht tilo jung dann über seine erkenntnis, dass manche politiker oder parteien im wahlkampf manchmal mehr versprechen als sie dann in der regierung umsetzen. 2028 folgt dann ein deep dive dazu, warum pressesprecher nicht immer alles sagen, was sie wissen.
von albrecht von luckes session habe ich nur das ende mitbekommen. aber da sagte er etwas (mittel) bemerkenswertes:
Und insofern wäre es, und das wäre mein Vorschlag zum Schluss, es wäre doch zu überlegen, ob nicht die republica einen Anfang machen könnte, dergestalt, dass man, nachdem man hier so ungemein spannende Vorträge gehört hat, dass man sie anschließend auch wieder zu Papier bringt, dass man gewissermaßen, wie es frühere Kirchentage übrigens [auch] gemacht haben, einen Rechenschaftsbericht über die relevantesten Themen, Thesen und auch Papiere zum Tragen bringt, die genau dieser Beliebigkeit des gesprochenen Wortes, das so flüchtig ist, etwas entgegensetzt.
ich bin ja sehr dankbar, dass ein grossteil der republica vorträge und sessions sofort oder nach einer kurzen verzögerung auf youtube landen. zu die meisten videos erstellt youtube auch automatisch eine abschrift (komischerweise ist das bei markus beckedahls vortrag deaktiviert), verschriftlicht sie also. aber wenn die vorträge nicht nur in der amerikanischen youtube-cloud weiterleben würde, sondern auch als einfache text/html datei, dann würde das nicht nur crawler, sondern auch menschen helfen. man könnte einfacher aus ihnen zitieren, deeplinken und sie besser wiederfinden. ich habe das mit meinen republica-vorträgen gelegentlich versucht (rp12, rp14, rp17, rp18, rp26), aber offensichtlich war mir das in den meisten jahren dann doch zu viel arbeit. dieses jahr hatte ich den vortrag, angesichts der kleinen bühne und fehlenden aufzeichnung, von anfang an so geschrieben, dass er ohne folien funktioniert, weshalb er sich auch recht einfach verschriftlichen liess.
zwischendurch, während der republica fand ich auf der fediwall eine diskussion darüber, warum die republica-videos nicht auf einer peertube instanz landen. ohne die beweggründe der republica zu kennen, vermute ich aber mal, dass — wie so oft bei amerikanischen plattformen — bequemlichkeit, zuverlässigkeit, zugänglichkeit und reichweite eine rolle spielen. der deal ist ja im prinzip nicht schlecht: man lädt terrabyteweise video-datei hoch und youtube hostet die jahrzehntelang kostenlos und gut zugänglich. auf der anderen seite könnte jeder der genügend speicherplatz und eine peertube-instanz zur hand hat, die videos von youtube downloaden und auf peertube zur verfügung stellen. alle republica-videos sind mit einer CC BY-SA 4.0 lizenz versehen.
ich freu mich jedenfalls wie jedes jahr darüber, auch nach der dreitägigen druckbetankung mit ideen, impulsen und bildern noch mehr davon auf youtube asynchron nachzukonsumieren.
fazit
ich wiederhole mich, aber es war schon erstaunlich wie sich dieses jahr — zumindest in den sessions deren zeuge ich wurde — das thema hoffnung als meta-motto abzeichnete. vielleicht ist arne semsrotts flapsige zusammenfassung des stimmungsbilds, das er am anfang seines vortrags einzufangen versuchte, sogar die eigentliche essenz der diesjährigen republica:
Okay, ihr fühlt euch von der AfD bedroht, aber es geht euch gut dabei. Das ist doch schön.
um das positiv zu drehen: nicht nur die speaker waren überwiegend hoffnungsvoll, sondern auch die besucher der republica. das heisst die scheisse der welt, die poly-krise, lähmt uns nicht, sondern weist auf einen aufbruch hin, auf eine verschiebung der prioritäten, funktioniert als handlungsaufforderung.
was ich auch positiv sehe: blogs sind dieses jahr viel sichtbarer. das kann daran liegen, das rivva dieses jahr einen eigenen #rp26 stream hatte, inklusive RSS, aber vielleicht auch daran, dass es tatsächlich eine kleine blog-renaissance in den letzten 12 monaten gab. letztes jahr war ich beinahe schockiert darüber, wie wenig resonanz die republica in meinem RSS reader hervorrief. weiter unten veröffentliche ich ein paar der blogbeiträge, die ich gerne gelesen habe.
das essen war dieses jahr besser als letztes jahr. ich habe jeden tag ein gericht eines anderen food-lastwagens ausprobiert und auch wenn das letzte das beste war, war alles ok.
am montag habe ich eine einladung für wedium bekommen („Welcome on board! You´re one of the first believers and testers of wedium!“). zuerst dachte ich: „wow, gutes timing zur republica“. während der republica habe ich aber weder dran gedacht, noch eine veranlassung gesehen etwas auf wedium zu posten. wenn man einen wedium-beitrag „teilt“, bekommt man die url des bilds, sonst nix (beispiel). hashtags gehen noch nicht, scheint alles noch sehr, sehr früh und unfertig zu sein. ich kann jedenfalls noch keinen grund erkennen, warum ich das nutzen sollte.
Dann aber Closing Ceremony […] wieder ermutigende Zahlen (deutlich mehr als die Hälfte der Besucherinnen und Speakerinnen sind weiblich), ein ordentlicher Abschied für Johnny und Tanja (der bei der Opening Ceremony schlicht gefehlt hatte) und schöne, hoffnungsvolle Worte zu den Beiden. Darüber, wie es die Welt besser macht, wenn man Räume so gestaltet, dass sich Frauen dort wohl fühlen, weil sie dann für alle ein besserer Ort sind. Darüber, dass sich bei der re:publica alle auf einen Mindestkonsens (Menschenrechte, Demokratie und sowas) einigen können.
Hinterher stolpere ich fast aus Versehen in ein Blogger*innen-Meet-up, das nach dem Stand der Hoffnung unter Bloggenden fragt und sich haltungsmäßig sehr ins gestrige Blogpanel einreiht: Die Anwesenden schreiben halt einfach gerne ins Internet, für die meisten ist das nur ein Hobby und Vernetzung und Reichweitenstärkung sind nicht so wichtig. Liegt aber vermutlich in beiden Fällen an der Zusammensetzung der Anwesenden – Blogs zu Fachthemen oder mit Monetarisierungsziel sind etwas ganz anderes als so ein kleines Tagebuchblog wie das hier. (Wobei ich schon schlucken musste, als einer der bekannteren Blogger von „damals“ etwas von organischen vierstelligen Besucherzahlen am Tag erzählt.)
ich war das nicht, aber es erinnert mich daran, dass die zahlen dieser website auch mal besser waren. aber um vierstellige zaheln in meinen statistiken zu sehen, muss ich in den matomo-statistiken schon bis 2012 zurückgehen. damals kamen auch täglich so um die 100 besucher:innen über suchmaschinen. heute schickt google nur noch leute die rezeote suchen. allein das spitzkohl-im-airfryer-rezopt kommt so auf 500 pageviews pro monat.
Dann geht es an gleicher Stelle weiter mit dem von Geraldine de Bastion moderierten Gespräch zwischen Mareice Kaiser und Hanno Sauer, die anhand ihrer beiden aktuellen Bücher über Klassismus diskutieren – sie von unten und er von oben. Ziemlich schnell übernimmt Mareice dann aber die Regie, führt Hanno regelrecht vor und holt dann unabgesprochen eine Küchenkraft aus der Charité auf die Bühne, die dem feinen Herrn Professor mal erklärt, wie das Leben in der Unterschicht wirklich ist und auch dem geneigten und faszinierten Publikum wieder seine Privilegien vorführt. Großes Kino, unbedingt nachschauen!
schlecht gelaunt, stefan laurin im deepstate-modus:
Mir persönlich wäre es egal, welches Angebot, für das ich bezahlen muss, ohne es zu nutzen, ich mit meinen Zwangsgebühren finanziere. Das Geld wird sowieso abgebucht.
„Ohne uns wären die schon längst pleite“, sagte eine prominente WDR-Führungskraft einem Freund von mir, der ihn am Montag darauf ansprach, warum die öffentlich-rechtlichen Sender auf der re:publica so präsent seien. Ob das stimmt oder nur Anstaltshybris war, kann ich nicht beurteilen. […] Woran es allerdings zurzeit noch nicht mangelt, ist Geld für NGOs, und auch die Anstaltsfinanzierung ist gesichert. Wer diesen Weg gehen will, muss sich auch keine Gedanken um die Nutzer machen; es reicht, in der Politik gut vernetzt zu sein.
In der Retrospektive nehme ich sehr viele Impulse wahr. Solche, die von aussen kamen und die von mir selbst. Noch weiß ich nichts über eine Form, bin mir aber sicher, dass es sich finden wird. Der Impuls zum Widerstand, zum Anderssein und emotionale Sensibilität sind nämlich, wie ich bestätigt bekam, keine Antagonisten, sondern können sich sehr gut befruchten. Und so bin ich wieder auf der Suche nach Neuland für Kopf und Seele. Wie sehr viele Andere da draussen auch. Denn so viele auf der re:publica Anwesende können kein Zufall sein. Wir brauchen uns nur gegenseitig zu erkennen und stützen. Die Richtung gemeinsamer Bewegung ergibt eine Welle, mit der wir zukünftig auch größere Boote schaukeln können.
Aber ich hörte nichts, ich sah nichts, der kleine Bereich vor dem „Energiemobil“ war hoffnungslos überfüllt. Warum gibt man einem Felix Schwenzel keine ordentliche Bühne? Das ist doch keine Neuigkeit, dass viele Republicaner:innen ihn sehen wollen!
solche texte sind der grund warum ich ein fanboy von franziska bluhm bin. zurückgelehnt, entspannt und auf den punkt klug.
9. Was uns alle verband: die Liebe zum geschriebenen Wort.
Am Ende bleibt das. Wir haben geschrieben, weil wir schreiben wollten. Weil Sprache uns etwas bedeutet hat. Das Schöne: Es gibt immer noch Menschen, denen das etwas bedeutet. Inmitten von KI-Texten, algorithmischen Feeds und kurzlebigen Trends sehnen sich Menschen nach Stimmen, die echt klingen. Nach Texten, die jemanden verraten. Nach Sprache, die nicht optimiert ist – sondern gemeint.
Vielleicht etwas mehr Garten. Mehr Kinder. Mehr Jugendliche. Mehr Kinder. Wo waren die alle? Mehr Sessions mit Spaß und Infotainment, besonders am Abend (lustige TikToks mit Kommentar schauen würde schon reichen. Katzencontent. Quiz.). Witze vorlesen und nicht lachen. Mehr Videospielkonsolen, Computerspielemuseum. Mehr Foto-Spots, auch für die Jugendlichen. Alle sicheren Memes und Dinger, die im echten Raum stattfinden, und uns Internet unterhalten. Es braucht mehr Spaß. Kein Krawall und Remidemmi, Lachen reicht.
Außerdem kann ich jetzt nachvollziehen, warum Pianist Igor Levit ein so gefragter Diskussionsteilnehmer ist: Er formuliert nicht nur zuhörenswert, sondern stellt auch kluge Bezüge her.
ich verlasse die #rp26 sehr gut gelaunt nach arne semsrotts fantastischen, hoffnungsfroh stimmenden vortrag. das war der doppelpunkt auf das eigentliche republica-motto dieses jahr: re:hoffnung
beim morgenspaziergang vom bussard überflogen worden und ihm dann kurz nachgestiegen.
faszinierend, diesen tweet hat lord caramac the clueless am 19.05.2011 geschrieben und jetzt wurde er ausversehen auf mastodon veröffentlicht.
etwas müde, aber relativ früh wieder auf dem republica-gelände aufgeschlagen und einen (halben) burrito mit „soja hackbällchen“ gefrühstückt. das war sättigend und lecker. den füllreis im burrito hätten sie aber weglassen können. als erste aktion des tages habe ich mir eine session am energiemobil angesehen um zu gucken, wie die bühne funktioniert. sebastian jünemann und ruben neugebauer hatten etwas probleme ihre präsentation zum laufen zu bringen und als sie dann lief, setze der ton gelegentlich aus. man konnte auch nicht besonders viel von der präsentation erkennen, was am hellen sonnenlicht und der etwas kleinteiligen präsentation lag. aber ich sah, dass ich mit dem setup wohl zurecht kommen würde, dass wohl so um die 60 bis 70 leute zuschauen können und dass die sonne einem ordentlich auf die birne knallte.
weiter zu anna lembke, die über Dopamine Nation: Finding Balance in the Age of Indulgence. den ersten teil fand ich faszinierend und ich glaube auch etwas gelernt zu haben, wie dopamin ungleichgewichte und toleranzen/desensibilisierung entstehen. anna lembke erklärte das typisch amerikanisch: nachvollziehbar, in einfacher sprache, aber präzise. sie schaffte es mich davon zu überzeugen, dass es tatsächlich nachweisbare abhängigkeiten gibt, bei allem was dopamin ausschüttet. ich formulierte bereits innerlich während des vortrags widerspruch um der absehbaren schlussfolgerung soziale medien machen süchtig zu widersprechen: dann müssten bücher und lesen ja auch abhängig machen. als hätte sie meine gedanken gelesen, erzählte sie von ihrer eigenen abhängigkeit von schundromanen. das war zwar etwas länglich, aber genauso gut nachvollziehbar wie ihre wissenschaftlichen herleitungen vorher. trotzdem fand ich dann ihre schlussfolgerungen einen ticken zu undifferenziert, bzw. mir schien, als würde der vortrag unsere anfälligkeit gegenüber süchtig machenden mustern sehr überzeugend erklären, die fähigkeit vieler menschen zur selbstregulation aber etwas unterbetonen.
als ich zum beispiel vor einer weile merkte, dass ich eine signifikante zeit mit dem durchscrollen von instagram reels verbrachte, wurde mir das schlagartig zu doof und spare mir instagram seitdem grösstenteils.
sobald ich das gefühl habe bei irgendwas die kontrolle zu verlieren, fahre ich die ausübung dieser tätigkeit sofort zurück. wobei ich sagen muss, beim konsum von zucker ist mir das in den letzten 30 jahren nicht gut gelungen, da musste ich erstmal ein paar wochen ozempic nehmen um den konsum von zucker zurückzufahren. so gesehen ist es wohl tatsächlich so wie anna lembke sagt dass dopamin-sucht uns alle erwischen kann. aber so wie mir die dark pattern der social media firmen zu doof sind um sie mitzuspielen, hat mein teenager-neffe sich vor ein paar jahren dazu entschlossen, dass ihm das reinschaufeln von zucker zu doof ist und damit einfach aufgehört, ohne ozemnpic, therapie oder elterliche verbote.
mit anderen worten, die vorhandenen resilienz-potenziale und sucht-gegenstrategien, die es ja offensichtlich gibt, schienen mir in anna lembke’s vortrag zu kurz zu kommen. trotzdem gerne gesehen.
das panel mit ricarda lang und philipp amthor (und vincent g und wulf schmiese) führte auf stage 2 wieder zu „saal ist voll, wir schliessen die türen“. ich bin völlig unfähig mir eine meinung zum auf der bühne gesagten zu bilden weil irgendwie alle recht hatten. was ich auch nicht in meinen kopf kriege ist die selbstverständlichkeit und professioanlität, mit der philipp amthor den habitus und die rhetorik eines politikers spielt und man ihm das dann auch noch abnimmt. irgendwie erinnert mich philipp amthor an milli vanilli. nicht wegen der publikumstäuschung, sondern wegen dieses gefühls, einer sehr sorgfältig komponierten figur zuzusehen: talent, professionalität, kalkulation und ein erstaunlich platter remix aus vertrauten politikergesten.
bei quinn slobodian und seinem vortrag Godwin’s Engine: Muskism and the Automation of Consent hab ich auch einiges dazugelernt. ich würde gerne sagen, das war ein guter vortrag, aber dass ich währende des vortrags mehrfach sekundenschläfchen gemacht habe, untergräbt meine glaubwürdigkeit. die sekundenschläfchen haben aber wahrscheinlich nichts mit quinn slobodian zu gehabt, sondern weil ich etwas viel sonne abbekommen habe. nachdem ich später für eine weile an der frischen luft sass, im lichtdurchfluteten, aber schattigen vorderen innenhof der station, war ich wieder re:bootet.
nachdem alex sich gestern vorbildlich selbst kritisiert hat, kann ich meinen vortrag, bzw. die vortragsweise, hier auch kurz selbst kritisieren. ich war etwas überfordert vom handmikrofon und der mund-hand-koordination, die so ein ding erfordert. auch mit der ungewohnten tisch- statt pultsituation kam ich schlechter zurecht als von mir selbst erwartet. und ich konnte mich weniger von meinen notizen (eigentlich: volltext) lösen, als ich es mir erhofft und eingeübt hatte. dankenswerterweise wurde mir aber mehrfach zurückgespiegelt, dass meine unsicherheit und leichte überforderung offenbar weniger ins gewicht fielen als in meiner eigenen wahrnehmung.
alex matzkeits selbstkritik teile ich übrigens nicht. ich fand seine moderation sehr gut: strukturiert, vorbereitet und vor allem neugierig. seine fragen haben einiges freigelegt, was unter dem staub der zeit lag. dadurch wurde das panel nicht nur angenehm flauschig, sondern auch erkenntnisreich. alle gingen gut unterhalten und ein bisschen klüger wieder raus. und daraus leite ich vorsichtig die hoffnung ab, dass meine eigene unzufriedenheit mit meinem auftritt in der fremdwahrnehmung vielleicht ebenfalls weniger gross ausfiel.
kurz gesagt: anstrengender, aber wieder ein sehr schöner tag.
gelbe jacke, gelbe schuhe, schwarz-rot-gelbe tasche und gelbes handy (!)
anna lembke auf der bühne
#rp26 hinterhof
ricarda lang, philipp amthor, vincent g, victoria reichelt und wulf schmiese vor ihrem panel
ein sehr entspannter assistenzhund
ricarda lang, philipp amthor, vincent g, victoria reichelt und wulf schmiese auf der bühne.
die titel meiner republica-sessions sind ja oft (mittel) steile thesen, aber ich glaube, zu behaupten, die welt sei scheisse, ist keine steile these. ich gehe davon aus, dass die meisten menschen die welt irgendwie scheisse finden oder zumindest der ansicht sind, dass die welt aus den fugen ist.
katia, meine frau, stimmt dem ersten teil des titels voll und ganz zu. zum zweiten teil meinte sie, da hätte ich mir ziemlich viel vorgenommen. warum soll das denn gut so sein? es sei doch offensichtlich, dass es schon lange — oder noch nie — so schlimm gewesen sei wie jetzt.
für den fall, dass ich höre: „es ist noch niee so schlimm gewesen“ hab ich immer dieses bild dabei.
ich sag dann immer: „1933, pocken, pest, kuba, hiroshima, 9/11 — oder frag mal die dinosaurier …“
wenn ich frida, unseren pudel, fragen würde, was sie von der welt hält, würde sie möglicherweise sagen:
die welt ist gut so.
hunde nehmen die welt, wie sie ist, und halten sich mit urteilen und bewertungen zurück.
apropos scheisse, ist euch schon mal aufgefallen, dass hunde gerne an scheisse riechen?
sie haben die fähigkeit scheisse nicht eklig zu finden und können die interessanz und komplexität von scheisse erkennen.
hunde können scheisse differenzieren!
das hunde sich mit urteilen über die welt zurückhalten, kann daran liegen dass sie differenzieren oder daran, dass sie keine nachrichten verfolgen oder dass sie sehr langsam denken.
dass hunde nicht urteilen und bewerten, ist wahrscheinlich der hauptgrund dafür, dass sie so beliebt sind.
für uns menschen ist es sehr wohltuend, nicht bewertet oder beurteilt zu werden.
hunde nehmen das leben, wie es ist — und uns wie wir sind.
eigentlich kann ich jetzt schon das erste zwischenfazit ziehen: wenn man seine beliebtheit steigern will — einfach mal das urteilen lassen.
als ich frida vor einer weile mal mit ins büro genommen habe, ist mir noch etwas anderes aufgefallen. wir sassen in einer besprechung und frida war etwas unruhig. ich sagte ihr: „frida, entspann dich.“
meine kollegin sue erinnerte mich daran, dass sowas noch nie bei einer frau funktioniert habe. in der tat kann man wohl behaupten, dass sowas noch nie bei irgendwem funktioniert hat.
emotionen, erwartungshaltungen, unzufriedenheiten lassen sich nicht per imperativ oder kommando abschalten.
andererseits lag frida zwei minuten später ausgestreckt und entspannt auf dem boden und schlief.
der witz an der geschichte ist, dass zwei dinge zugleich wahr sein können und beide aus guten gründen.
alles ist immer komplizierter, als man denkt, und man kennt nie alle hintergründe — zum beispiel, ob frida und ich das trainiert haben.
dass dinge sich nicht immer eindeutig beurteilen lassen, kann man auch gut mit einer geschichte illustrieren, die der religionsphilosoph alan watts gern erzählte.
in der geschichte läuft einem bauern sein pferd davon. die nachbarn sagen: wie schade, das ist wirklich ein grosses unglück. er sagt: „vielleicht“.
am nächsten tag kommt das pferd zurück und bringt sieben wildpferde mit. jetzt sagen die nachbarn: „oh, was für ein glück! was für eine grossartige wendung der ereignisse“, er sagt: „vielleicht“.
am nächsten tag versuchte sein sohn, eines dieser wildpferde zuzureiten. er wurde abgeworfen und brach sich ein bein. und alle sagten: „oje, das ist ja schrecklich, was für ein pech!“ und der bauer sagte: „vielleicht“
am darauffolgenden tag kamen offiziere der armee vorbei, um junge männer für den krieg einzuziehen. sie lehnten den sohn ab, weil er ein gebrochenes bein hatte. und alle leute kamen herbei und riefen: „ist das nicht grossartig! was für ein glück du hast!“ und der bauer sagte: „vielleicht“
watts wollte damit nicht nur gleichmut illustrieren, sondern auch zeigen, dass man nie genau wissen kann, ob etwas wirklich gut oder schlecht ist. und das nicht im moralischen sinn, sondern erkenntnistheoretisch. so wie sokrates sagte:
Ich wünschte ich würde mehr von dieser Haltung an den Tag legen.
ich glaube, das ist gar nicht mal so schwer, „mehr von dieser haltung“ an den tag zu legen. diese haltung nennt man in der psychologie auch ambiguitätstoleranz.
ambiguitätstoleranz ist die fähigkeit, mit unsicherheit, widersprüchlichen informationen und komplexen situationen umzugehen, ohne in panik zu geraten oder voreilige schlüsse zu ziehen.
diese haltung ist sozusagen ein werkzeug, das uns hilft, handlungsfähig zu bleiben, ohne die nerven zu verlieren.
forrest gump hat sein leben danach ausgerichtet. was für den bauern das „vielleicht“ war, ist für forest gump die weisheit, die ihm seine mutter beigebracht hat:
Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt.
oder, wenn wir uns forrest gump als einen kölner vorstellen, wird’s noch deutlicher:
et kütt, wie et kütt.
wir alle ahnen, dass sich das leben nicht immer unserem willen beugt, dass das leben immer überraschungen bereithält.
aber forrest gump, die kölner und der bauer haben begriffen, dass es sich nicht lohnt, SICH ÜBER JEDEN SCHEISS AUFZUREGEN.
wir neigen ja dazu, vermeintlich einfach gestrickten leuten wie forrest gump oder den kölnern naivität, scheuklappen oder eine eher eindimensionale weltsicht anzudichten.
aber eigentlich ist es umgekehrt. vielleicht ist es einfältig zu glauben, dass wir schon wissen, welche pralinen die guten sind — und dass wir sie bekommen sollten.
diese einfalt verleitet uns dazu, zu glauben, dass wir die welt mit patentrezepten oder dem vermeintlich gesunden menschenverstand in den griff bekommen.
wir denken oft: wir müssen uns nur genug anstrengen, genug geld verdienen, um dann vom leben mit glück, erfolg und zufriedenheit belohnt zu werden.
forrest gump ist ein naturtalent im selbstregulierenden erwartungsmanagement. er zeigt uns, dass es möglich ist, das glück im unglück zu finden.
und dass man nicht das hellste licht am tisch sein muss, um zu begreifen, dass glück und unglück zusammengehören, sadness und joy, vielleicht sogar einander bedingen.
wenn wir die pralinenschachtel ohne überhöhte erwartungen öffnen, kann das der erste schritt dahin sein, mehr von der haltung des bauern an den tag zu legen.
erwartungsmanagment, gleichmut — sind die ersten schritte dahin, nicht ständig vom leben enttäuscht zu sein.
nur mal so als beispiel: wenn friedrich merz sein erwartungsmanagment in den griff bekäme, wäre er vielleicht irgendwann nicht mehr enttäuscht von deutschland, der deutschen arbeitsmoral und gemeinheiten gegen ihn.
zu glauben, dass leistung allein zu glück und einem funktionierenden gemeinwesen führt — das ist ja irgendwie auf eine art ne konservative büllerbü-ponyhof-utopie.
mark manson hat ein buch mit dem grandiosen titel „the subtle art of not giving a fuck“ geschrieben. auch wenn die eher derbe ausdrucksweise das suggeriert, argumentiert und plädiert er nicht für gleichgültigkeit, sondern, genau wie forrest gump und alan watts, für gleichmut und eine entspannte herangehensweise ans leben, egal ob’s gerade gut läuft oder weniger gut.
in seinem buch (und diesem video) hat manson ein paar prinzipien von alan watts zu einem umkehr-prinzip verdichtet.
alan watts backwards law according to mark manson
the more you chase a positive emotion, that chasing in and of itself is a negative experience.
the more you accept a negative experience, the more that acceptance itself is a positive experience.
er sagt: je mehr wir dem glück hinterherlaufen, je mehr wir das glück suchen, uns selbst optimieren, besser werden wollen, desto frustrierter, unglücklicher sind wir am ende. schon das (glücks-) streben selbst macht uns unglücklich.
wenn wir dagegen negative erlebnisse akzeptieren und damit umgehen, hat allein diese akzeptanz eine befriedigende, positive wirkung auf uns.
das wirkt auf den ersten blick paradox oder eben falsch herum, aber wenn man es genau bedenkt, sieht man, dass wir bestimmte ziele nicht allein durch willen, fleiss oder zielstrebigkeit erreichen können.
unsere intuition, was gut für uns sei, täuscht uns ständig.
zeit sparen — keine zeit mehr
wenn wir z.b. versuchen, zeit zu sparen, rinnt sie uns noch schneller durch die finger. wenn wir unsere zeit dagegen etwas widmen, jemandem zeit schenken, zeit verbringen mit dingen, für die wir eine echte leidenschaft haben, dann bleibt die zeit. dann speichern wir erinnerungen.
liebe suchen — liebe geben
oder wenn wir versuchen „liebe zu finden“, haben wir es auch oft falschherrum. das mit der liebe funktioniert viel besser, wenn wir liebe geben, statt sie zu suchen.
wo wir uns auch oft täuschen: der versuch andere zu beeindrucken hilft so gut wie nie gegen selbstzweifel oder mangel an selbstbewusstsein.
ich muss dazu einen kurzen exkurs, einen kleinen schwenker machen …
wenn es etwas gibt, was ich meinem jugendlichen ich gerne sagen würde, dann wäre es erstens: „mein gott, bin ich froh nicht mehr jung zu sein und deine probleme zu haben!“
und zweitens: du bist keine schneeflocke, du bist nicht einmalig. du bist mit deinen problemen und ängsten nichts besonderes, im gegenteil. wir haben alle die gleichen probleme, ängste und unsicherheiten — nur die farbe und der kontrast unterscheidet sich gelegentlich.
wenn man das versteht, lässt das bedürfnis leute zu beeindrucken oder grosskotzig aufzutreten, um eigene unsicherheiten zu kaschieren, schlagartig nach.
louis XIV
was erstaunlich gut funktioniert, ist eine gewisse egalness (oder gleichmut oder not giving a fuck). diese egalness ist gelegentlich ein geschenk des alters, manchmal aber auch nicht. manchen menschen ist auch im alter nix egal.
reichtum anstreben — verlustangst
und noch ein exkurs: ich bin denkbar ungeeignet hier zu stehen und zu behaupten geld macht nicht glücklich.
ich bin mit dem privileg aufgewachsen, immer genug geld zu haben. zwar hatten meine eltern immer geldsorgen, aber irgendwie war auch immer ausreichend da. ich habe viele sorgen und ängste meiner eltern übernommen — aber die nicht. sorgen um geld hatte ich nie. da war ich wie forrest gump, meine konten waren für mich immer wie pralinenschachteln: ich wusste nie, was drin ist.
diese egalness gegenüber geld könnte an meiner privilegierten kindheit und jugend liegen, genetisch bedingt sein oder ein psychischer defekt sein, das glaubt zumindest katia, meine frau, insbesondere nachdem sie vor ein paar tagen in meinen alten kisten dutzende, zwanzig jahre alte, ungeöffnete briefe vom finanzamt fand — die mit den roten, grünen und gelben briefumschlägen.
deshalb bin ich wohl ungeeignet, hier zu stehen und zu behaupten, dass die intuition trügt, wenn wir glauben — dass wir möglichst viel geld verdienen müssen, um glücklich zu sein.
oder zu behaupten: je mehr geld man hat, desto grösser die angst, es zu verlieren.
weil: was weiss ich denn schon?
ich weiss allerdings, dass es eigenartig wirken könnte als privilegierter, alter, weisser mann — oder als jüngerer weisser mann wie mark manson — ein paar psychotricks vorzuschlagen, um das elend der welt erträglicher zu machen.
und es stimmt wahrscheinlich, dass armut, strukturelle ungerechtigkeit, benachteiligung, machtmissbrauch, rassismus sich nicht allein durch modifikation der eigenen haltung ändern lassen, vor allem wenn man selbst von ihnen betroffen ist.
aber — und das ist zumindest meine arbeitshypothese — um strukturen, die gesellschaft oder die gesellschaftliche haltung zu verändern, müssen wir uns erstmal selbst reparieren und handlungsfähig machen.
flucht vor problemen — probleme kleben
wir lassen uns als gesellschaft — aber auch als einzelne — von problemen lähmen. das doofe ist, dass ungelöste probleme kleben.
je mehr wir versuchen, problemen aus dem weg zu gehen, desto mehr bestimmen sie das leben.
es gibt ja die schöne figur von michael ende vom scheinriesen. je näher man einem scheinriesen kommt, desto kleiner wird er. dinge, die bedrohlich erscheinen, wirken dann plötzlich aus der nähe harmlos.
analog dazu gibt’s auch scheinglück. wenn man ständig nur dem glück hinterherläuft und vor negativen gefühlen wegläuft und sie nicht konfrontiert, wirkt der frust mit zunehmender distanz immer grösser und bedrohlicher. das gilt möglicherweise für alle probleme, vor denen man wegläuft.
mein held und der meister der glücksfindung durch loslassen — ist hans im glück.
ich habe hier vor acht jahren mal dafür plädiert, dass wir uns hans im glück nicht als jemanden vorstellen sollten, der durch schlechte tauschgeschäfte alles verloren hat.
im gegenteil: hans im glück kümmert sich nicht um gesellschaftlich konstruierte werte.
er befreit sich schritt für schritt von allem, was ihm als last erscheint, zuerst das gold, dann das pferd, die kuh und am ende den schleifstein. am ende fühlt er sich leicht, frei und glücklich.
nicht hans ist der dumme, sondern wir, weil es uns so schwer fällt, glück jenseits von leistungslogik und besitz zu erkennen.
hans hat erkannt, dass man durch loslassen das glück besser greifen kann.
oder nochmal anders gesagt: bestimmte dinge
glück
sinn
gelassenheit
lassen sich nicht direkt herstellen, sondern sind nebenprodukte. nebenprodukte vom loslassen, von gleichmut, von optimismus im angesicht von schwierigkeiten.
oder wie mark manson sagt: not giving a fuck.
statt dem glück hinterherzulaufen, ist es ergiebiger, sich dem scheiss, den problemen, die uns die welt in den weg legt, wie einem scheinriesen zu nähern: optimistisch, dass die probleme aus der nähe handhabbar und lösbar erscheinen.
wenn man das negative als teil des lebens, als bedingung für das positive akzeptiert, wirkt die scheisse, die einem die welt entgegenwirft, plötzlich — vielleicht — wie scheinscheisse.
ich erwähne das auch nur, damit ihr nicht denkt, dass ich der einzige quatschkopf bin, der angesichts der aktuellen politischen lage für optimismus plädiert.
die begründung, warum das so ist, will ich etwas anders als dirk von gehlen herleiten. und zwar mit einer idee, die j. m. barrie schon 1904 in peter pan formuliert hat, und mit einer leichten umdefinition von optimismus.
jedes mal, wenn ein kind sagt „ich glaube nicht an feen“, stirbt irgendwo eine fee.
der satz impliziert, dass aufmerksamkeit und emotionale bindung etwas — oder jemanden — mit bedeutung und macht aufladen können — und dass bedeutung und macht vergehen, wenn der glaube daran schwindet.
aufmerksamkeit = macht = existenz
je mehr menschen etwas bedeutung geben, desto realer und mächtiger wird es.
wenn sich das zu abstrakt anhört, oder zu märchenhaft: so wie feen nur existieren weil kinder dran glauben, kann geld nur funktionieren (und eine unheimliche macht ausüben), weil wir alle dran glauben. geld kann genau wie feen sterben, wenn wir aufhören dran zu glauben. das haben wir in der weimarer republik gesehen oder kürzlich in venezuela.
nationalstaaten, der weihnachtsmann, mode, trends, hollywoodstars oder sowas wie „nächstenliebe" — alles kollektive glaubensakte.
das ist aber auch der grund, warum donald trump dort steht, wo er (momentan) noch steht.
so wie die grauen männer in momo den menschen die zeit stehlen, indem sie sie davon überzeugen, zeit zu sparen — genauso stiehlt donald trump unsere aufmerksamkeit und konvertiert sie in macht — und das in solch einem kolossalen ausmass, dass wir es noch nicht mal merken, dass es unsere aufmerksamkeit ist, die ihn nährt.
zurückhaltung beim vorschnellen urteilen, loslassen, gleichmut, not giving a fuck — das ist, vereinfacht, nichts anderes als gefühlsregulation. und — vielleicht — auch ein weg zu einer etwas realistischeren wahrnehmung der welt.
kids are born with all of the emotions and none of the skills.
kinder werden mit allen gefühlen geboren, aber keinem einziges werkzeug um damit umzugehen.
erwachsen werden bedeutet diese fähigkeit nach und nach zu lernen — oder beigebracht zu bekommen — oder werkzeuge dafür zu sammeln.
im internet werden wir allerdings fast täglich zeuge davon, dass viele, sehr viele erwachsene, gefühlsregulation nicht mal im ansatz meistern und sich mehr oder weniger wie kinder am quengelregal aufführen.
populisten wissen das zu nutzen.
ihr geschäftsmodell ist emotionale überforderung: sie peitschen emotionen auf, sie vereinfachen, spalten, verbreiten alarmismus — und bieten dafür das gefühl von klarheit. das funktioniert genau dann besonders gut, wenn wir nicht gelernt haben, mit uneindeutigkeit umzugehen.
ein gegenmittel ist die fähigkeit, innezuhalten, bevor man urteilt — und zu akzeptieren, dass manche dinge komplizierter sind, als sie im ersten moment erscheinen.
populisten hassen ambiguität und differenzierung. deshalb hassen sie kunst und nennen sie entartet, wenn sie vieldeutig ist.
propaganda ist niemals vieldeutig, hat keine metaebenen. alles ist klar und eindeutig.
wo war ich? ich wollte ja über feen reden.
während das mit den feen bei barrie wie ein märchen klingt — feen, die sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt — ist das mit der demokratie, solidarität, versöhnung, menschlichkeit ganz konkret: wenn niemand daran glaubt, dass sie funktionieren, dann sterben sie.
wir retten die demokratie nicht allein mit einer rosaroten brille oder indem wir uns zu mehr gleichmut stupsen oder nudgen, aber es würde möglicherweise schon helfen, wenn wir aufhörten zu glauben, dass das eh alles nichts bringt, alles immer nur schlimmer wird und man eh nichts ändern kann.
demokratie — und optimismus — leben davon, dass wir glauben
dass die dinge besser werden können
und unser handeln wirkung hat
ich plädiere eben nicht für eine rosarote brille, sondern dafür, dass wir die schwarzmalerische brille abnehmen.
es geht auch nicht darum, die rote oder blaue pille zu wählen, sondern darum, uns den blick auf die möglichkeiten nicht durch vorschnelles urteilen zu verstellen.
wir müssen die welt nicht so sehen, als wäre schrödinger’s katze immer tot. sobald wir uns eine bessere zukunft vorstellen können, kann diese zukunft potenziell entstehen.
das ist der entscheidende punkt, dass wir lernen und erkennen, dass die welt weder schlecht noch gut ist.
sie ist erstmal reines potenzial. sie ist das, was wir in ihr für möglich halten. (und) sie wird das, was wir glauben, was sie sein könnte.
oder mit weniger pathos:
wie wir die welt sehen, ist nicht egal.
pessimisten und populisten sagen: das glas ist halb leer.
aber optimismus ist nicht zu sagen: „das glas ist halb voll“.
optimismus ist die überzeugung, dass man das glas auffüllen kann.
diese optimismus-definition erklärt übrigens auch die offene frage, warum es denn jetzt gut sei, dass die welt scheisse ist.
ein volles glas kann man nicht auffüllen.
der trick ist — wie der bauer — sich nicht von der scheisse beeindrucken zu lassen.
wie forrest gump das richtige zu tun.
wie sisyphos den felsen fröhlich den berg hochzuschieben.
wie frida und hans das leben nehmen wie es ist und loslassen.
das schlechte sehen und an das gute glauben.
die welt ist scheisse — das ist nicht egal und auch nicht wirklich gut — aber das ist so gedacht.
sehr schöner, langer tag auf der republica. ich glaube, ich war noch nie so früh auf einer republica. keine ahnung warum. vielleicht weil ich dachte, ich könne dort frühstücken.
ich glaube auch, einen ticken mehr leute als sonst getroffen und gesprochen zu haben als sonst.
die sessions, die ich heute gesehen habe, haben mich nicht umgeworfen, aber ein paar überraschende momente gab’s doch. luisa neubauer ist zum beispiel ein rhetorisches schwungrad. sie fängt langsam und zögerlich an zu sprechen, aber dann kommt sie in schwung und noch mehr schwung und schleudert überraschend gute worte ins publikum. sehr beeindruckend. auch cory doctorow schien beflügelt. während seine letzten talks auf der republica wie gelangweilte vorlesungen auf mich wirkten, wirkte er heute wie ausgewechselt, ein feuerwerk der guten laune.
man kann seinen 45-minütigen vortrag mit wenigen sätzen zusammenfassen: 1) kamerad trump und kamerad putin haben in 1-2 jahren so viel für die europäische unabhängigkeit getan, wie er nicht mal im ansatz in seiner 20-30-jährigen aktivisten-tätigkeit erreicht hat. 2) die gesetze gegen das umgehen technischer sperren (DRM, Jailbreak-Schutz usw.) müssen weg, damit die europäer bzw. die länder der welt sich unabhängig(er) von amerikanischer technologie machen können. 3) er sagt „fuck optimism“, nennt sich aber so hoffnungsfroh wie lange nicht mehr. optimismus sei passiv, hoffnung sei aktiv. man könne auch frustriert und verängstigt hoffnung haben, aber optimismus lähme genau wie pessimismus. ich argumentiere morgen um 13 uhr genau gegenteilig und definiere optimismus kurzerhand um. wahrscheinlich weniger wortmächtig und mit weniger intellektueller und semantischer schärfe als doctorow, aber hoffentlich genauso nachvollziehbar.
die bühne am energiemobil fasst auf jeden fall einen guten ticken mehr als 20 leute und ich gehe davon aus, dass es ganz flauschig dort werden könnte.
das von alex matzkeit organisierte panel zur frühen blogosphäre heute abend war auch sehr flauschig und erinnerte mich vor allem daran, was ich alles im laufe der jahre vergessen habe, obwohl es ja theoretisch (fast) alles hier im archiv nachlesbar wäre. der schönste gedanke, den die kaltmamsell mir heute abend wieder in erinnerung rief: wir waren damals, bei unserem ersten grossen treffen, der „blogmich“-party 2005, (fast) alle fanboys und -girls voneinander. und christian buggisch erinnerte uns daran, dass auch wenn relevanz und reichweite firlefanz sind, blogs oder einfach ins internet zu schreiben (egal wo), durchaus inspirierend waren, sind und sein können.
carolin ehmke: leitet aus dem #rp26 motto ab: solange es jemanden gibt für den es sich lohnt, bin ich natürlich immer/weiter mutig.
leider bin ich völlig unfähig während panels live zu microbloggen, hätte hier zum beispiel noch gerne eine referenz auf project hail mary eingefügt, wo es ja auch einen dialog gab, das mut nix angeborenenes ist, sondern mut dann da ist, wenn man jemanden findet für den man mutig sein will.
bin halt ein post-panel/-vortrags poster.
die halle von stage 1 riecht noch nach frisch gesägten spanplatten. persisches „street food“ frühstück war ok. die leute sind dieses jahr noch netter als letztes jahr. #rp26
gestern mit frida den nachmittagsspaziergang vom platz der luftbrücke zur station gemacht. ich wollte mich von hinten an das gelände schleichen, auch um die mir zugewiesene bühne für meine session morgen zu begutachten.
das „energiemobil“ ist eine aussenbühne, laut speakerbriefing gibts ne audioaufzeichnung, aber kein „Live Voice“. das heisst das ist keine kopfhörer-bühne, aber damit auch kein livestream. es gibt einen 55" monitor und die bühne ist für 20 zuschauer ausgelegt. finde ich eigentlich ganz gut, heute werde ich mal schauen, wie die bühne sich bei den ersten montags sessions anfühlt. theoretisch sollten dank fehlender wände auch mehr als 20 leute platz finden, mal schauen wie die praxis aussieht. mein vortrag funktioniert trotz ca. 80 folien dieses jahr auch gut ohne folien. auch wenn die folien auch dieses jahr ihr eigenleben haben.
das wetter sollte laut DWD mitspielen und sehr republica-freundlich sein. heute sonnenschein und bis zu 20°C, morgen etwas weniger sonne und bis zu 18°. am mittwoch immer noch überwiegend sonnig, aber etwas wolkiger, regnen solls die drei tage nicht.
nach dem abholen meiner bändchen, haben frida und ich uns nochmal auf die eingangswiese gesetzt und ein bierchen und ein wässerchen getrunken. rein, aufs gelände dürfen hunde ja seit ein paar jahren nicht mehr. draussen sprach mich sabine an, die sich als eine der fussball-freundinnen von meq vorstellte. das fand ich sehr nett und das ist irgendwie auch sehr bloggig. nicht nur die bloggenden selbst kennen und lesen sich gegenseitig, auch die mitlesenden kennen sich irgendwie. später kam noch alex matzkeit dazu. wir haben natürlich über blogs und das was manche vor 15, 20 jahren auch blogoshäre oder weblogbedeutungsmafia oder digitale boheme oder digitale klowände genannt haben. wie 99,99% der bevölkerung hat er davon damals wenig bis gar nichts mitbekommen, aber anders als 99,99% der leute, interessiert ihn das jetzt irgendwie. meine these ist ja, dass diese form der textbasierten subkultur damals etwas mehr aufmerksamkeit bekommen hat als heute. oder genauer, die bloggenden haben damals geschafft sich etwas mehr aufmerksamkeit zu erkämpfen (unter anderem mit veranstaltungen wie der republica) und auch wenn es den eindruck macht, dass blogs keine relevanz mehr haben, haben sie meiner meinung nach genauso wenig oder viel relevanz wie damals. oder anders gesagt, der relativ homogene eindruck, den die blogosphäre damals gemacht ist weg, aber viele keine blasen, unzählige mikrogemeinschaften, wahrscheinlich mehr als jemals zuvor, sind weiterhin aktiv, allerdings unter dem radar der breiten öffentlichkeit. naja, wird jedenfalls bestimmt spannend das gespräch heute abend.
stefan niggemeiers bluesky-post erinnerte mich eben daran, dass ich noch mein #rp26 programm zusammenstellen wollte. und ich freue mich, dass stefan sein blog wieder reaktiviert hat.
auch auf stage 2 am montag: Never Gonna Give (You) Up – Warum wir immer weiter machen mit constanze kurz, alice hasters, luisa neubauer, carolin emcke und isabella hermann. mir ist die ankündigung des panels egal (diskussion „über Engagement, Verantwortung und die Kunst des Durchhaltens“), die teilnehmerinnen versprechen genug interessanz.
um 13:00 schaue ich mir am energiemobil an, Wieso wir uns über Webarchivierung Gedanken machen müssen. die beiden „speaker“ sind beide „referentinnen webarchivierung“ und beide haben „404“ in ihren profilbildern. den vortrag gucke ich mir auch deshalb an, um zu sehen wie die aussenbühne am energiemobil so funktioniert, weil ich ja am nächsten tag auch dort sprechen werde.
Psychotechnologie verbindet Neurotechnologie, Digitalisierung und Erkenntnisse aus der Psychedelika-Forschung. Sie eröffnet neue Perspektiven für die Behandlung psychischer Erkrankungen und die Förderung kognitiver Leistungsfähigkeit.
um 15 uhr redet cory doctorow auf stage 1 über Enshittification – and what can be done about it. cory doctorow mag ich eigentlich lieber lesen als zu hören, oder andersrum seine vorträge sind mir manchmal zu oberchecker-mässig. andererseits muss man ihm auch ganz ironiefrei lassen, dass er halt auch ein oberchecker ist.
um 17:30 hab ich mir KI und der neue Faschismus mit rainer mühlhoff („Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz“) matkiert. mal schauen ob mich rainer mühlhoff mit neuen erkenntnissen überraschen kann.
um 18:45 treffe ich mich mit alex matzkeit, franziska bluhm und der kaltmamsel um über den Mythos Blogosphäre zu reden. alex fragt sich: „War alles wirklich so besonders, wie es heute oft beschrieben wird?“ und ich kann jetzt schon sagen: natürlich nicht. war halt irgendwie neu, aber das ist ja nichts besonderes in unseren zeiten.
die republica-website bietet in diesem jahr an, geherzte sessions in die republica app zu importieren. das geht für die hier erwähnten session mit diesem link oder diesem QR code.
dienstag
am dienstag haben eckart von hirschhausen, chan-jo jun und jessica flint die arschkarte gezigen und müssen um 10:00 uhr auf bphne eins darüber reden was Deepfakes mit Menschen, Marken und Marketing machen. ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ich es bis 10 aufs republica gelände schaffe, aber falls nicht, schaue ich mir das auf jeden fall in der aufzeichnung an.
bis 11:15 könnte ich es bis zur stage 1 geschafft haben uidn schaue mir dann Dopamine Nation: Finding Balance in the Age of Indulgence an, wo anna lembke (unter anderem) über dopamin-fasten redet. ich leide an einer ständigen natürlichen dopamin überproduktion, weshalb ich auch bei langeweile keinen dopamin turkey bekomme. aber das könnte trotzdem interessant sein.
um dreizehn uhr ist meine session geplant: die welt ist scheisse — und das ist auch gut so. ich werde darüber reden wie ich optimismus gerne leicht umdefinieren würde und möglicherweise sogar die im titel aufgeworfene frage beantworten, warum das denn jetzt gut sei. die bühne „energiemobil“ ist eine aussenbühne die laut programm 20 plätze hat, aber aussenbühne bedeutet ja vielleicht auch lautsprecher und eine grössere anzahl potenzieller zuschauer. das mit den bilder-folien klappt dann vielleicht nicht so gut, aber der vortrag ist so geschrieben, dass er auch ohne folien gut funktioniert.
den gyncast kenne ich aus der ubahn, weil die tagesspiegel den immer auf den ubahn-bildschirmen bewirbt. um 15 uhr hätte ich mir dann eigentlich gerne angesehen, warum die Klitoris zweimal entdeckt werden musste. aber ich bin ja um 15 uhr schon auf stage 2.
ich habe dreimal versucht zu lesen was hier steht: Godwin’s Engine: Muskism and the Automation of Consent, aber ich habe keine ahnung um was es geht. irgendwas mit geschichte und cyborgs. ich schau da einfach mal rein, was quinn slobodian ab 16:15 auf stage 1 erzählt. hört sich interessant an.
um 12:30 redet maurice van brast über aufmerksamkeit, scheitern und die Ästhetik der Überforderung. hört sich an als würde mich das interessieren.
Der Vortrag zeigt anhand neuer Daten, wie politische Ohnmacht entsteht und warum sie so problematisch ist. Und vor allem: Wie kommen Demokrat:innen wieder ins Handeln?
ich liebe youtube. also nicht youtube an sich, aber videos auf youtube zu sehen. im monat zähle ich ungefähr 50 stunden, die ich vor der tube sitze. ich habe auch grossen respekt vor dem algorithmus der mir die videos zusammenstellt. die mischung der videos ist interessant genug um mich bei der stange oder tube zu halten, aber ich bekomme trotzdem keine schwurbler-videos vorgesetzt oder videos in die timeline gespült, nur weil sie gerade „trenden“ oder so. youtube ist meine guilty pleasure, mein gar nicht mal so heimliches laster1.
wer den videos die ich mag folgen will, alle videos, unter die ich einen positiven daumen setze, landen im favoriten stream (RSS).
als ich gestern ein video von der 2MR Konferenz sah, habe ich zunächst gar nicht gemerkt, dass es kein youtube-video war, saondern auf peertube lag. um es so auf wirres.net einzubetten wie ich es mag (ohne explizite freigabe kein fremdcode oder iframe oder javascript von drittservern), musste also ein neuer embed block her. cursor und claude konnten das schnell umsetzen und das funktioniert auch, wenn ich ein peertube-video fave (beispiel).
soweit das neue aus dem maschinenraum.
was mir dann aber noch auffiel: ich muss mich bei jeder peertube-instanz separat anmelden, wenn ich dort übeer den browser einen echten fav hinterlassen will. das ist ja eigentlich bei allen fediverse instanzen so, egal ob mastodon oder gotosocial oder pixelfed. im browser stehe ich immer dumm unangemeldet da. ich weiss, ich kann die url der peertube seite in meinem mastodon client im suchfeld eingeben und dann interagieren (faven, kommentieren), aber warum dieser umweg? im indieweb gibts indieauth was wirklich einfach zu nutzen ist und mit dem man sich über die eigene webseite anmelden kann. das ist so dezentral wie es nur sein kann und ich frage mich, warum können fediverse instanzen nicht auch identity-provider sein? wenn ich mich an beliebigen fediverse instanzen, die ich im browser besuche, einfach so anmelden könnte um dort zu interagieren, wäre das aus meiner sicht ein echter fortschritt in sachen bedienfreundlichkeit und konsistenz. oder übersehe ich etwas? gibts das schon? oder ist das komplizierter als ich gerade denke?
ich gucke youtube werbefrei in safari, ohne youtube dafür geld in den rachen zu werfen. der trick ist eine safari erweiterung namens vinegar. vinegar tauscht einfach den youtube-player mit dem nativen browser-player aus und umgeht damit die werbung. das funktioniert so gut, dass youtube in meiner anseh-historie sogar werbeclips anzeigt, die ich angeblich gesehen hätte, aber nie gesehen habe. das heisst im umkehrschluss, den youtube-kreatoren entgehen dadurch keine werbeeinnahmen und ich muss den scheiss nicht sehen. ↩
über den metabene newsletter bin ich auf dieses video gestossen, in dem robin thiesmeyer (meta bene), rocko schamoni und marc-uwe kling über „offene soziale Netze“ reden.
am anfang zeigt robin eine kurze präsentation, in der er sich vorstellt. ich fand das sehr witzig.
… weil ich minimalist bin, als ästhetisches konzept, das kennen sie vielleicht, das is ne sehr anstrengende art von faulheit …
der rest war nicht so lustig, weil die drei, vier auf der bühne, dann über reichweite und monetarisierung reden. über reichweite reden oder nachdenken ist immer irgendwie traurig. wenn einen keiner liest (oder sieht), ist man traurig, wenn man merkt dass ein paar leute das lesen oder sehen was man ins netz veröffentlicht, ist man auch traurig, weil andere ja bestimmt mehr aufmerksamkeit bekommen. und wenn man 1000 follower oder abonnenten hat, ist man traurig, dass man nicht 2000 hat.
damit will ich mich keinesfalls über die drei auf der OMG 2MR-bühne lustig machen, sondern es ist eine erfahrung die ich in den letzten 30 jahren gemacht habe. noch trauriger wird es, wenn dann neben reichweite auch noch über monetarisierung gesprochen wird, weil beides wahnsinnig schwer ist und mit diesen „offenen sozialen netzwerken“ noch schwerer. und wenn man wirklich viele leute erreichen will, muss man sich gegebenenfalls auch noch verbiegen und die angebote von amerikanischen tech-buden in anspruch nehmen und sich da an absurde regeln halten oder mit bürokartischen bots auseinandersetzen.
wenn mich am montag alex matzkeitin seinem panel auf der republica fragt, wie es denn damals in den frühen tagen der blogosphäre war, werde ich möglicherweise (auch) sagen: wir konnten uns für eine kurze weile einbilden viel reichweite und eine gewisse relevanz zu haben. einbildung deshalb, weil das vielleicht eine relativ hohe reichweite war, aber absolut eher nicht. wir haben halt in unserer blase „gebloggt“ und gelegentlich vergessen, dass unsere blase eigentlich teil eines riesigen schaumteppichs mit milliarden anderen blasen ist.
unsere blogoblase (vielleicht ein besseres wort als blogoshäre?) hatte allerdings eine eigenschaft, die die reichweite vermeintlich massiv erhöhte: die blogoblase hatte viele schnittstellen mit der journalisten-blase. deshalb gab es multiplikationseffekte und gelegentlich sowas wie gefühlte relevanz. aber meine these ist, dass „wir“, die bloggenden menschen der frühen 2000er und 2010er, unserer reichweite aus einem sehr begrenzten umkreis rekrutierten.
irgendwann (vor 10 jahren) wurden mal ein paar erfolgreiche youtuber auf die republica eingeladen. als die ihre zuschauer- und abonnentenzahlen nannten, fiel den meisten bloggern, mindestens mir, die kinnlade runter. trotz der beeindruckenden zahlen der youtuber waren sie trotzdem extreme nischenanbieter. auch die youtuber-blasen waren bei weitem nicht so gross, dass meine eltern einen oder eine von ihnen jemals gesehen hätten oder freunde und bekannte ausserhalb meiner internet-blase die kannten.
was ich sagen will: reichweite ist relativ. und sehr, sehr schwer zu erreichen und noch schwerer zu halten. und monetarisierung ist noch schwerer. elendig viel arbeit.
was ich auch sagen will: ich bin froh dass mir beide themen, reichweite und monetarisierung, mittlerweile (grösstenteils) völlig egal sind. das hat eine sehr entspanende wirkung. andererseits muss ich davon was ich in der öffentlichkeit veranstalte auch nicht leben.
We don’t make movies to make money; we make money to make more movies.
Gruber’s version: don’t make software to make money, make money to make more software.
My version: don’t make websites to make money, make money to make more websites.
das ist genau mein derzeitiger arbeitsmodus im netz: das was ich hier veranstalte tue ich nicht um geld zu verdienen, sondern ich verdiene geld, damit ich das hier machen kann. der grund warum ich anfing öffentlich zu schreiben, zuerst in einen newsletter, dann unter meiner eigenen domain wirres.net, war mein bedürfnis zu schreiben. ein bedürfnis etwas zu tun, was sich kreativ anfühlt und mich zwingt um und in mich zu schauen — und das was ich sah in worte zu fassen.
und das mache ich seitdem. reichweiten und monetarisierungsfragen haben mich auf dieser reise gelegentlich neugierig gemacht und ich habe damit viel experimentiert, aber die eigentliche monetarisierung kam immer aus der lohnarbeit.
ich bin darüber nicht traurig, im gegenteil, aber trotzdem ist es doch traurig, dass kreative arbeit mit kreativer arbeit allein so schwer finanzierbar ist. ich glaube auch nicht dass es dafür techische lösungen gibt. die gibt und gab es schon länger, steady, patreon oder youtube — und früher mal flattr. aber bis auf ganz wenige ausnahmen, können da die wenigsten von leben.
vor zwanzig oder dreissig jahren hatten wir mal die hoffnung, dass das netz die gatekeeper davonschwemmt und aufmerksamkeit demokratischer oder gerechter verteilt werden könnte. oder dass die 15 minuten fame die uns andy warhol in den 60ern versprochen hat, sich durchs netz und neue technologien vervielfachen liessen. stattdessen kamen neue gatekeeper und die konkurenz um die ware aufmerksamkeit wird immer schärfer.
ich liebe weiterhin aufmerksamkeit, aber um sie ersthaft zu verfolgen bin ich wahrscheinlich einfach zu müde und zu alt. mir gefällt, dass ich diesen text hier einfach rausrotzen kann und ihn erst später, lange nach dem drücken des veröffentlichen-knopfs, nochmal gegenlese und die gröbsten orthographischen schnitzer rauskorrigiere.
The only secret of magic is that I'm willing to work harder on it than you think it's worth. -- Penn Jillette
dieses zitat flog mir eben in den kopf und ich musste erstmal eine quelle finden, um den wortlaut wieder zusammenzubekommen. das zitat erklärt gut wie zauberei, illusionen, aber auch ganz allgemein, jede kreative arbeit funktioniert. genau genommen gilt das für jede arbeit und alles was wir gut können. wenn jemand etwas gut kann, dann hat diese person irgendwann mal dafür geübt — und mit ziemlicher wahrscheinlichkeit mehr, als man als aussenstehender für nötig oder möglich hält.
mir fällt in dem zusammenhang auch immer die (wahrscheinlich ausgedachte) anekdote ein, die pablo picasso zugeschrieben wird. der sass in einem café und zeichnete auf einer serviette. als eine frau ihn fragte ob er sie auf der serviette porträtieren würde, war er in zwei minuten fertig und verlangte eine astronomische summe für das porträt. auf den einwand, dass er doch nur ein paar minuten dafür gebraucht habe, sagte er: „es hat mich mein ganzes leben gekostet, das in zwei minuten zu zeichnen.“
ich finde bei allem was ich tue perfektion überflüssig. ich will nicht sagen, dass ich perfektion hasse, im gegenteil, perfektion fasziniert mich. aber mir ist das zu viel arbeit. das hält mich aber nicht davon ab, regelmässig sehr viel arbeit in „gut genug“ zu stecken. oft wahrscheinlich deutlich mehr, als andere für vernünftig halten würden.
das poster habe ich vor 20 jahren bei eboy gekauft (archive-link). seitdem, also die letzten 20 jahre, lag es zusammengerollt in einer unserer kammern. bei der letzten aufräumaktion hat die beifahrerin das poster gefunden und wir haben es aufgehängt.
das poster in in vierfacher hinsicht super: ich mag wimmelbilder, isometrische darstellung und pixel-ästhetik. und dazu ist es noch eine art hiostorisches dokument und zeigt allerhand gedöns, das es nicht mehr gibt (skype, technorati, del.ici.us, feedburner). das poster ist so alt, dass damals facebook und twitter noch kein ding waren.
nachtrag 13.05.2026: frank westphal hat das poster 2006 verbloggt und sich die mühe gemacht ein paar der web2.0-dienste zu verlinken. den html-block kopiere ich mal, weil er vortrefflich illustriert, wie viel web2.0 den exit gemacht hat.
etwas einfach gestrickt, aber nicht langweilig. ich hab ja nichts gegen überkandidelte filme, aber das überkandidelte in good luck, have fun, don't die ist mir zu flach und geht ins lächerliche. viele der szenen sind AI-generiert, was satirisch sein soll, aber trotzdem nervt und unlustig ist. eigentlich ist alles eher unlustig.
der eigentliche witz ist aber — und das ist nur ein ganz milder spoiler — dass die zugrundeliegende idee des films lautet: die welt ist scheisse — und das ist auch gut so. trotzdem nichts was ich für meine republica session nutzen kann, weil es der film niemals ins popkulturelle gedächnis schaffen wird. zu belanglos alles.