
ziemlich feucht heute #noumbrella

ziemlich feucht heute #noumbrella
heiko erzählt hier wie er KI nutzt, unter anderem um sein blog zu bauen.
Ich habe in den letzten Wochen sehr viel KI genutzt. Ich glaube, das wird auch nicht mehr so schnell aufhören. Es wird ein Werkzeug werden und ich werde gleichzeitig als Nutzer, Konsument, Bürger oder Angestellter immer öfter mit KI konfrontiert sein.
[…]
Ich versuche ab jetzt hier im Blog immer mal wieder aufzuschreiben, was mir mit KI passiert ist, was ich damit gemacht habe, wo es fürchterlich war. Höchstwahrscheinlich werden viele Sachen sehr schnell, sehr schlecht altern.
ich finde das eine hervorragende idee festzuhalten wie ich KI nutze und wie sich das über die zeit gegebenenfalls ändert. vor allem wenn ich bedenke, was sich in den 14 monaten seit meinem ersten mit kirby veröffentlichten artikel getan hat. wenn ich mich recht erinnere, habe ich damals, also vor etwas über einem jahr zwar gelegentlich schon chatGPT benutzt, aber zum beispiel das migrationsscript noch klassisch gebaut: selbst googlen, gefundene scripte umbauen, testen, mehr googlen, mehr testen, weiter umschreiben, debuggen und optimieren. sehr geholfen haben mir bei der planung und umsetzung der neuen wirres.net-version zuerst auch bastian allgeiers kirby tutorials. ich habe von bastian viel über kirby gelernt und vor allem über strukturierte und saubere php-programmierung. und ich habe damals sehr, sehr viel selbst am code gemacht.
gelegentlich habe ich dann auch chatGPT im chat-modus um code-snippets gebeten, aber das copy&pasten und die korrekturschleifen wurden dann sehr schnell lästig und ich habe mir von chatGPT erklären lassen wie ich VS-code als programmierumgebung, inklusive chatGPT unterstützung einrichten und nutzen kann.
VS-code war dann für mich ein game changer. ich habe immer schon direkt alles auf dem live-server „entwickelt“, per SFTP client und BBEdit. da VS-Code auch direkt auf dem server laufen kann (per SSH), habe ich dann mit VS-code zu zweit, also mit unterstützung von chatGPT direkt auf dem live-server am code gearbeitet. mit VS code ist das wirklich angenehm, transparent und aus meiner sicht auch sicherer als mein gefrickel vorher: alle codeänderungen werden im editor markiert und sind reversibel. zusätzlich habe ich angefangen änderungen mit git (auf dem server) lokal zu versionieren.
so habe ich monatelang an wirres.net rumgeschraubt bis mir irgendwann cursor über den weg lief. cursor nutzt im prinzip auch VS-code, aber dahinter sind sehr viele mögliche LLMs. ich bezahle cursor eine monatliche gebühr und kann dafür eine grosse auswahl an agents nutzen, nämlich die, die der cursor agent gerade für geeignet für die aufgabe hält.
Ich bin kein einzelnes Modell, sondern der Agent-Router in Cursor. Ich lese euer Setup, führe Befehle aus, ändere Dateien und denke mit.
in der regel lasse ich die agentenauswahl auf auto. aber gelegentlich, wenn die automatisch ausgewählten agents nicht so arbeiten wie ich das wünsche, stelle ich eine weile auf teurere und besser mitdenkende agents um, deren nutzung bei meinem abo-modell allerdings begrenzt ist.
seit der umstellung auf einen hetzner server, sind hier und da performance probleme sichtbar geworden die vorher nicht ins gewicht fielen. die standard (auto) agents haben da teilweise keine befriedigenden lösungen oder ansätze gefunden. eine explizite umstellung auf (claude) opus-4.8 hat dann sehr viel klügere und strukturiertere vorschläge geamacht, die so effektiv waren, dass die grundlast des servers von einem lauten rauschen zu einem leisen plätschern geworden ist.
das scheint mir das wirklich gute an cursor zu sein: ich muss nicht bei mehreren KI-firmen konten anlegen und geld zahlen — und kann sie trotzdem alle nutzen.
heiko deutet das auch an: es ist wichtig zu wissen was man will und wie das alles grundsätzlich funktionieren soll. dann kann man KI-agenten als sparringspartner mitdenken lassen und ideen umsetzen lassen. die KI denkt manchmal in absurde oder viel zu komplizierte richtungen. aber wenn ich die arbeit wie ein architekt angehen, also einen plan und das grosse und ganze im kopf habe, dann kann man die KI wie einen handwerker oder fachingenieur nutzen.
seit ein paar wochen nutze ich cotypist, das ist eine KI die lokale modelle nutzt um beim tippen wort- oder satzvervollständigungen zu machen. das hilft mir vor allem dabei mit weniger buchstabendrehern zu schreiben und gelegentlich einen ticken schneller zu schreiben. das ist ein bisschen so wie das tippen auf dem iphone, nur etwas besser und kontext-sensibler als das was apple in iOS bietet. kein game changer, aber sehr praktisch.
was meine texte hier auf wirres.net angeht oder meinen vortrag: ich schreibe alles selbst. aber ich habe gemerkt, dass ich LLMs als resonanzraum, einschätzer, zusammenfasser und plausibilitätschecker sehr gerne nutze. für längere texte oder meine republica sessions neige ich dazu mir wahnsinnig viele notizen zu machen und dann gelegentlich den überblick über meine notizen und quellen zu verlieren. da sind LLMs, oder cursor, teilweise sehr hilfreich um mich in meiner gedankenwelt zu orientieren und mir meine eigenen notizen kurz und knapp zu erklären.
gelegentlich habe ich LLMs gebeten meinen schreibstil zu imitieren, aber das hat bisher noch nie ein befriedigendes ergebnis gebracht. vor ein paar jahren habe ich übrigens etwas ähnliches gemacht, nur dass da nicht ein LLM meinen schreibstil imitieren sollte, sondern eine ghostwriterin. auch das hat damals nur so mittelprächtig funktioniert.
beim schreiben dieses artikels fiel mir ein zitat ein das ich in den letzten tagen aufgeschnappt hatte. nach etwas nachdenken fiel mir ein, dass das wohl in einem video gewesen sein musste. zuerst fragte ich chatGPT, der war zu doof, aber gemini verstand mich:
in diesem video spricht einer der designer von nostalgie und dass nostalgie sich eigentlich auf etwas bezieht, was in der vergangenheit der neue heisse scheiss war. findest du das zitat so, oder soll ich mal das transcript hierrein copy & pasten?
Ja, ich habe die Stelle gefunden! Das ist ein zentraler Punkt des Gesprächs zwischen Flavio Manzoni (Ferrari Chief Designer) und Jony Ive.
Das Zitat bzw. der Gedankengang findet sich vor allem im Kapitel "The Future of Ferrari" (ab ca. 17:23). Flavio Manzoni zitiert dort den Komponisten Gustav Mahler, um Ferraris Philosophie zu erklären:
"Tradition is not the worship of ashes. Tradition is the preservation of fire."
(Tradition ist nicht das Anbeten der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.)Zuvor (ab ca. 09:00 und später ab 18:15) führt er diesen Gedanken weiter aus: Er erklärt, dass wir heute in einer Ära mit einem sehr starken "nostalgic approach" leben, in der die Leute oft nur zurückblicken. Er betont aber, dass Ikonen wie der Ferrari F40 (der heute Inbegriff der Ferrari-Nostalgie ist) zum Zeitpunkt ihres Erscheinens extrem kontrovers und radikal neu waren.
das hätte ich auch mit leichtigkeit in 20 minuten selbst rausfinden können, indem ich in dem video rumspringe oder das transscript copy & paste und mir passende suchbegriffe ausdenke. aber sowas eine KI machen zu lassen ist schon eine echte erleichterung.
wobei es mir bei der nutzung von KI weniger ums zeitsparen geht, mit KI kann ich dinge umsetzen, die ich vorher nicht hätte umsetzen können. zeit spart das meistens nicht, weil alles was ich KI machen lässt immer nochmal 2-3 (und manchmal sehr viel mehr) korrekturläufe und neuansätze braucht. aber das ist das wesen von werkzeugen: man kann mit ihnen tolle sachen bauen, wenn man weiss was man will und was man tut.
oder umgekehrt: werkzeuge erweitern die fähigkeiten ihrer nutzer, aber auch deren fehler und irrtümer. sie ersetzen weder geschmack noch urteilsvermögen. um aus einer spanplatte etwas schönes zu machen, braucht man mehr als eine kreissäge. und die letzten jahrzehnte haben gezeigt, dass bessere werkzeuge nicht automatisch zu besseren ergebnissen führen. dank kreissägen und modernen plattenbaumaterialien hat sich die welt mit billigen, austauschbaren möbelschrott gefüllt — oder wie man heute sagen würde: spanplatten-slop.
mit mühe und sorgfalt — und im besten fall etwas geschmack und erfahrung — kann man werkzeuge aber auch nutzen um zu besseren ergebnissen zu kommen. slop ist nicht die folge von werkzeugen, sondern ihrer uninspirierten nutzung.

wenn das „trout“ ohne „t“ geschriebne wäre, hiesse es in etwas: „ich schliesse mein schwarzes loch.“ aber „trout“?
alle KIs die ich gefragt habe meinen trout sei kein französisches wort und wäre im englischen die forelle.
trotzdem: sehr rücksichtsvolles graffito.
gestern die drei ersten folgen station eleven gesehen. gute, aber sehr eigenartige serie von 2021. als die junge kirsten jeevan fragt welchen job er hat, habe ich laut gelacht:
I’m a reporter. Like a reporter, or uh, a cultural critic. I had a website. I create content … I don't have a job.
die überschrift habe ich mir bei der eule geborgt, bzw. beim rivva verweis auf ebendiesen artikel. weil das was ich hier jetzt mache, links auf interessante webseiten setzen, die ich zum lesen empfehle, ist ja in der tat nichts anderes als trainingsdaten fürs menschliche gehirn anzubieten.
bei rivva habe ich heute einen link auf die fliegenden bretter gefunden, wo über eine mögliche zuckersteuer philosophiert wird: Zucker steuern?
das habe ich gerne gelesen und dann noch ein bisschen dort weitergeklickt und mich dann in den links (trainingsdaten fürs gehirn der lesenden) die dort angeboten wurden verloren. hängengeblieben sind unter anderem diese beiden:
keine ahnung warum das noch nicht der fall war, aber die fliegenden bretter sind dann gleich in meinem feedreader (trainingsdaten fürs mein gehirn) gelandet.
ich habe das glaube ich schon öfter mal hier erzählt, dass mein feedreader seit vielen jahren, eigentlich seit schon immer, meine hauptsächliche informationsquelle ist. viele der feeds die ich abonniert habe rauschen sehr stark (z.b. cashys blog), aber einerseits bekomme ich dort stets das das mit was ich mitbekommen will und zweitens lassen sich einzelne einträge in einer guten feed-lese-software auch einfach und schnell überspringen. ich habe über 400 feeds abonniert und meistens eine dreistellige zahl an ungelesenen einträgen. aber seit jahren funktioniert es gut, nur das oben aufschwimmende zu beachten. bei meiner arbeits-email-inbox ist das genauso: das wichtigste schwimmt immer obenauf, emails weiter unten sind meistens schon erledigt oder weniger wichtig.
aber viel wichtiger ist dieser aspekt, der für alles, aber eben vor allem für das auch im internet lesen gilt:
im techniktagebuch nochmal das thema bahn. mir ist das gelegentlich auch aufgefallen, dass sich die sachen die aus zuglautsprechern kommen manchmal falsch anhören …
… aber mittlerweile glaube ich mehr und mehr, dass es richtig oder original ohnehin nicht gibt. warum soll man nur als muttersprachlerin die sprache nach gutdünken modifizieren dürfen? ich denke mir ständig neue worte aus oder nutze worte die sich andere ausgedacht haben und mir gefallen und dabei ist es mir egal ob das richtig oder korrekt ist. ich mag nicht „der blog“ sagen, aber warum sollte das falsch sein, nur weil ich etwas anderes präferiere oder weil man sich vor 30 jahren mal einig war, dass es „das blog“ sei? wenn man etwas 20 jahre lang auf eine bestimmte art sagt und die leute es verstehen und sich daran gewöhnt haben, ist es vielleicht nicht wirklich, wirklich richtig, aber eben auch nicht falsch.
ich bin nicht nur froh, dass sprache sich ständig ändert, ich glaube das ist auch unaufhaltsam und wahrscheinlich auch ein durch und durch unregulierter demokratischer prozess. was vielen gefällt, leicht von der zunge oder der feder geht, bleibt. was niemand mehr sagen will geht.
oder das ewige gewese um original italienische pizza, echte pasta bolognese, original thai, echtes sushi. alles quark, weil alle küchenstile der welt sich ständig kreuzbestäuben und fusionieren. was sprachliche oder kulinarische nostalgiker gerne vergessen: das wahre, das damals schöne war irgendwann auch mal was radikal neues oder gar „falsch“ und völlig untraditionell. etwas pathetischer drückte es gustav mahler (laut flavio manzoni) aus:
Tradition ist nicht das Anbeten der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.
wenn diese gedankengänge zu kompliziert, kontrovers waren, dieses video strömt eine grosse ruhe aus. alles fügt sich, alles passt, alles ist schön.

die idee mir heute abend eine currywurst zu machen kam mir heute beim morgenspaziergang. weiss gar nicht warum ich da nicht schon viel früher drauf gekommen bin.
das curry besteht aus zwiebelstreifen, fein gewürfeltem, frischem ingwer, karottenstreifen, chinakohl und roter paprika. dazu rote curry-paste, etwas sambal olek und kokosmilch.
ich beobachte mich dabei, dass ich wieder ein bedürfnis entwickle andere leute im internet zu korrigieren wenn sie etwas falsch verstanden haben. ich dachte eigentlich, dass mich dieser cartoon damals geheilt hatte.
die geräusche ihrer fortbewegungsmittel scheinen den menschen sehr wichtig zu sein. gerade hier in der verkehrsberuhigten fahrradstrasse an der wir wohnen, demonstrieren sehr viele menschen sehr gerne die geräusche die die verbrennungsmotoren ihrer fortbewegungsmittel erzeugen.
geräusche von verbrennungsmotoren kann ich in der regel keiner marke zuordnen, aber mit elektromotoren gelingt mir das mittlerweile ganz gut. renaults singen eine melodie, teslas und toyotas hören sich grässlich an, sind aber gut erkennbar. audis und porsches versuchen sich an akustischem skeuomorphismus und versuchen mit zuviel bass motorengeräusche zu simulieren. VWs erkenne ich auch, aber ich kann nicht benennen wonach sie sich anhören, finde ihre geräusche aber angenehm. wie elektrische mercedese klingen kann ich nicht sagen und würde sie wahrscheinlich auch nicht erkennen, aber das liegt wohl vor allem daran, dass es die so selten gibt.
wie der neue ferrari luce klingt interessiert mich hingegegn sehr. soweit ich verstanden habe werden drehzahl und vibration der hinterachse mit sensoren abgegriffen und dann zu sound synthetisiert.
frida ist gerade läufig. leider finde ich das grüsstenteils sehr witzig, obwohl es für sie vermutlich recht anstrengend ist. sobald man sie berührt, klappt ihr schwanz zur seite. sobald sie spuren eines rüden riecht, fängt sie an zu jammern — oder eher: sehr geräuschvoll zu seufzen. wenn tatsächlich ein rüde in der nähe ist, bleibt sie wie angewurzelt stehen, klappt den schwanz zur seite und wartet. wenn der rüde davon abgehalten wird zu ihr zu kommen, hakt sie den rüden ab und geht weiter.
was ist eigentlich aus tim mälzers nivea-kochbuch geworden?
nachdem ich mein trmnl eine weile mit metabene zeichnungen bespielt habe, fiel mir auf, dass sich ein virtuelle live-bild des mond dadrauf ja auch ganz gut machen könnte. das bild erzeuge ich mir ohnehin schon mit code aus diesem repo und mond-bildern von der nasa (hintergrund dazu).
also zeigt mein trmnl jetzt auch ein bild des monds an, wie er in berlin aussähe, wenn man ihn sähe.
auf dem trmnl ist das wegen der geringen auflösung nicht so deutlich sichtbar, aber jedesmal wenn ich mir die vollauflösung des aktuellen mondbilds ansehe, freu ich mich über den detailgrad der nasa-bilder vom mond.
Ich erinnere mich noch gern an meine erste Reboot Konferenz in Kopenhagen. Jede*r im Publikum hatte drei Tabs offen: Suche #reboot via technorati.com, flickr.com, del.icio.us.
meine erste reaktion als ich franks text über den status der „blogsupersuchmaschine“ las war: „das waren noch zeiten“. die richtigere reaktion wäre: „das wären zeiten relevante texte aus dem reissenden strom des freien netzes fischen könnten — ohne aufmerksamkeitslenkende algorithmen“. aber der witz ist: eine erste iteration kann realität werden, wenn wir frank westphal weiter und mehr unterstützen.
ich mal wieder aus dem maschinenraum. ich habe heute früh die DNS-einträge für wirres.net auf eine hetzner IP umgestellt, nachdem ich innerhalb von wenigen stunden die ganze site auf eine neue hetzner VM migriert habe. die migration war wirklich einfach:
natürlich gabs danach noch ein paar kleinigkeiten geradezuziehen, aber das schöne ist, wirres.net ist damit einerseits prima und komlett mit einem rsync zu backuppen oder zu migrieren und die gesamte serverlogik (apache, php, opcache, etc.) steht (jetzt) in einer docker-konfiguration, die sich theoretisch überall deployen lässt.
soweit scheint mir, dass alles funktioniert. die performance schien am anfang ein paar mal kurz am anschlag, auch wenn die anzahl der CPU kerne und RAM auf dem papier die gleichen sind, scheint es mir, als sei die hetzner-VM etwas schwachbrüstiger. ich beobachte das weiter und falls euch etwas auffällt was nicht funktioniert oder klemmt, lasst es mich wissen. aber ich sehe auch hier mal wieder warum kirby so ♥️ ist.
so schön die republica auch war, es ist schön den tag wieder im normalen rhythmus zu verbringen — und vor allem mittagsschlaf.
mein highlight des dritten und letzten republica tag war arne semsrott, der über die kraft der zivilgesellschaft sprach. das war hoffnungstiftend und anschaulich. das war zwar auch der aufruf etwas zu tun, sich in dieser ominösen zivilgesellschaft zu engagieren, aber es war vor allem die aussage: schaut mal, wie gut die zivilgesellschaft hier, hier und hier funktioniert.
arne semsrott machte das anschaulich, wozu ich theoretisch in meiner session versucht habe herzuleiten: die krisen unserer zeit (die scheisse) ist eine handlungsaufforderung. nur das arne semsrott ganz konkret auf vorhandene initiativen zeigte, die gut funktionieren.
Wir hatten äh die größte Protestwelle überhaupt 2024. Die Leute, die sind alle da. Und es wird dann vielleicht über diese Protestwelle gesagt, die hat ja irgendwie nichts bewegt und das ist komplett falsch. Die hat so viele Netzwerke überall in Deutschland geschaffen. Die sind alle noch da. Es gibt die Omas gegen rechts inzwischen, überall.
Ja, und auch die Omas gegen rechts, […] die sagen, wir sind da und wir gehen hier auch nicht weg. Und das ändert auch wirklich eine Demo, wenn eine Oma sagt, ja, trag mich doch weg, Polizist. Das es macht wirklich einen Unterschied. […] Wir sind alle da und wir sind viele. Wir sind die Gegenmacht, wenn wir uns auf unsere Kraft besinnen, wenn wir solidarisch sind, wenn wir Unterstützungsstrukturen machen, wenn wir Transparenz einfordern, wenn wir neue Räume schaffen, wenn wir dabei Freude haben.
ich finde es lohnt sich, diese knappe stunde zu investieren und zu hören, was arne semsrott gesagt hat.
in die gleiche kerbe schlug fabian grischkat. er zeigte was er tat um rechte zu ärgern. wie man gegenhalkten kann und dabei freude haben kann, trotz aller düsternis. ich war ein bisschen erschüttert davon, wie professionell, eloquent und telegen diese jungen menschen heutzutage sind. ich weiss wirklich nicht, wie sich irgendwer übver die jugend von heute oder gen y, z oder alpha beklagen kann. ausser natürlich: neid.
um die mittagszeit habe ich mir dann noch zwei sessions am energiemobild angesehen. so schön aussernbühnen auch sind, wenns regnet wird dann halt feucht.
matthias quent hat alte erinnerungen an uni-vorlesungen geweckt. duktus, inhalt, folien und das siezen der studierenden des publikums, alles wie damals. nicht schlecht, alles sehr pragmatisch, gut strukturiert und aufbereitet, aber selbst philip armthor konnte sich besser ins publikum einfühlen als matthias quent.
während maren urner mich vor zwei jahren mit ihrem vortrag vom hocker gehauen hatte, fand ich den vortrag dieses jahr nur sehr gut. ich kann mich keine 20 stunden später auch nicht mehr erinnern über was sie im detail gesprochen hat, ausser dass es auch bei ihr darum ging, dass hoffnung gut ist, ein werkzeug (oder kognitive strategie) und dass praktizierte hoffnung gesellschaftliche strategien verändern kann. auch sie betonte, wie cory doctorow, dass hoffnung aktiv und optimismus passiv sei. damit war ich wahrscheinlich der einzige sprecher auf der republica, der ein gutes haar am optimismus gelassen hat, bzw. ihn einfach umdefiniert habe zu etwas aktivem.
die entkrempelung der welt von gabriel yoran war angenehm offtopic, unaufgeregt, unterhaltsam und auch ein bisschen lehrreich. parallel zu gabriel sprach auf stage 1 tilo jung über politische rhetorik und tat so, als sei es überraschend, dass politik und regierungen ihre eigenen aktionen und kriege rhtorisch positiv darstellen und die aktionen und kriege ihrer gegner negativ. nächstes jahr spricht tilo jung dann über seine erkenntnis, dass manche politiker oder parteien im wahlkampf manchmal mehr versprechen als sie dann in der regierung umsetzen. 2028 folgt dann ein deep dive dazu, warum pressesprecher nicht immer alles sagen, was sie wissen.
von albrecht von luckes session habe ich nur das ende mitbekommen. aber da sagte er etwas (mittel) bemerkenswertes:
Und insofern wäre es, und das wäre mein Vorschlag zum Schluss, es wäre doch zu überlegen, ob nicht die republica einen Anfang machen könnte, dergestalt, dass man, nachdem man hier so ungemein spannende Vorträge gehört hat, dass man sie anschließend auch wieder zu Papier bringt, dass man gewissermaßen, wie es frühere Kirchentage übrigens [auch] gemacht haben, einen Rechenschaftsbericht über die relevantesten Themen, Thesen und auch Papiere zum Tragen bringt, die genau dieser Beliebigkeit des gesprochenen Wortes, das so flüchtig ist, etwas entgegensetzt.
ich bin ja sehr dankbar, dass ein grossteil der republica vorträge und sessions sofort oder nach einer kurzen verzögerung auf youtube landen. zu die meisten videos erstellt youtube auch automatisch eine abschrift (komischerweise ist das bei markus beckedahls vortrag deaktiviert), verschriftlicht sie also. aber wenn die vorträge nicht nur in der amerikanischen youtube-cloud weiterleben würde, sondern auch als einfache text/html datei, dann würde das nicht nur crawler, sondern auch menschen helfen. man könnte einfacher aus ihnen zitieren, deeplinken und sie besser wiederfinden. ich habe das mit meinen republica-vorträgen gelegentlich versucht (rp12, rp14, rp17, rp18, rp26), aber offensichtlich war mir das in den meisten jahren dann doch zu viel arbeit. dieses jahr hatte ich den vortrag, angesichts der kleinen bühne und fehlenden aufzeichnung, von anfang an so geschrieben, dass er ohne folien funktioniert, weshalb er sich auch recht einfach verschriftlichen liess.
zwischendurch, während der republica fand ich auf der fediwall eine diskussion darüber, warum die republica-videos nicht auf einer peertube instanz landen. ohne die beweggründe der republica zu kennen, vermute ich aber mal, dass — wie so oft bei amerikanischen plattformen — bequemlichkeit, zuverlässigkeit, zugänglichkeit und reichweite eine rolle spielen. der deal ist ja im prinzip nicht schlecht: man lädt terrabyteweise video-datei hoch und youtube hostet die jahrzehntelang kostenlos und gut zugänglich. auf der anderen seite könnte jeder der genügend speicherplatz und eine peertube-instanz zur hand hat, die videos von youtube downloaden und auf peertube zur verfügung stellen. alle republica-videos sind mit einer CC BY-SA 4.0 lizenz versehen.
ich freu mich jedenfalls wie jedes jahr darüber, auch nach der dreitägigen druckbetankung mit ideen, impulsen und bildern noch mehr davon auf youtube asynchron nachzukonsumieren.
ich wiederhole mich, aber es war schon erstaunlich wie sich dieses jahr — zumindest in den sessions deren zeuge ich wurde — das thema hoffnung als meta-motto abzeichnete. vielleicht ist arne semsrotts flapsige zusammenfassung des stimmungsbilds, das er am anfang seines vortrags einzufangen versuchte, sogar die eigentliche essenz der diesjährigen republica:
Okay, ihr fühlt euch von der AfD bedroht, aber es geht euch gut dabei. Das ist doch schön.
um das positiv zu drehen: nicht nur die speaker waren überwiegend hoffnungsvoll, sondern auch die besucher der republica. das heisst die scheisse der welt, die poly-krise, lähmt uns nicht, sondern weist auf einen aufbruch hin, auf eine verschiebung der prioritäten, funktioniert als handlungsaufforderung.
was ich auch positiv sehe: blogs sind dieses jahr viel sichtbarer. das kann daran liegen, das rivva dieses jahr einen eigenen #rp26 stream hatte, inklusive RSS, aber vielleicht auch daran, dass es tatsächlich eine kleine blog-renaissance in den letzten 12 monaten gab. letztes jahr war ich beinahe schockiert darüber, wie wenig resonanz die republica in meinem RSS reader hervorrief. weiter unten veröffentliche ich ein paar der blogbeiträge, die ich gerne gelesen habe.
das essen war dieses jahr besser als letztes jahr. ich habe jeden tag ein gericht eines anderen food-lastwagens ausprobiert und auch wenn das letzte das beste war, war alles ok.
am montag habe ich eine einladung für wedium bekommen („Welcome on board! You´re one of the first believers and testers of wedium!“). zuerst dachte ich: „wow, gutes timing zur republica“. während der republica habe ich aber weder dran gedacht, noch eine veranlassung gesehen etwas auf wedium zu posten. wenn man einen wedium-beitrag „teilt“, bekommt man die url des bilds, sonst nix (beispiel). hashtags gehen noch nicht, scheint alles noch sehr, sehr früh und unfertig zu sein. ich kann jedenfalls noch keinen grund erkennen, warum ich das nutzen sollte.
loosysays.com: 20.05.2026 – Optimismus! – re:publica 2026 Tag 3 #rp26
Dann aber Closing Ceremony […] wieder ermutigende Zahlen (deutlich mehr als die Hälfte der Besucherinnen und Speakerinnen sind weiblich), ein ordentlicher Abschied für Johnny und Tanja (der bei der Opening Ceremony schlicht gefehlt hatte) und schöne, hoffnungsvolle Worte zu den Beiden. Darüber, wie es die Welt besser macht, wenn man Räume so gestaltet, dass sich Frauen dort wohl fühlen, weil sie dann für alle ein besserer Ort sind. Darüber, dass sich bei der re:publica alle auf einen Mindestkonsens (Menschenrechte, Demokratie und sowas) einigen können.
loosysays.com: 19.05.2026 – Willkommen im Cottage – re:publica 2026 Tag 2 #rp26
Hinterher stolpere ich fast aus Versehen in ein Blogger*innen-Meet-up, das nach dem Stand der Hoffnung unter Bloggenden fragt und sich haltungsmäßig sehr ins gestrige Blogpanel einreiht: Die Anwesenden schreiben halt einfach gerne ins Internet, für die meisten ist das nur ein Hobby und Vernetzung und Reichweitenstärkung sind nicht so wichtig. Liegt aber vermutlich in beiden Fällen an der Zusammensetzung der Anwesenden – Blogs zu Fachthemen oder mit Monetarisierungsziel sind etwas ganz anderes als so ein kleines Tagebuchblog wie das hier. (Wobei ich schon schlucken musste, als einer der bekannteren Blogger von „damals“ etwas von organischen vierstelligen Besucherzahlen am Tag erzählt.)
ich war das nicht, aber es erinnert mich daran, dass die zahlen dieser website auch mal besser waren. aber um vierstellige zaheln in meinen statistiken zu sehen, muss ich in den matomo-statistiken schon bis 2012 zurückgehen. damals kamen auch täglich so um die 100 besucher:innen über suchmaschinen. heute schickt google nur noch leute die rezeote suchen. allein das spitzkohl-im-airfryer-rezopt kommt so auf 500 pageviews pro monat.
loosysays.com: 18.05.2026 – Bloggediblog und Meta-Kram – re:publica 2026 Tag 1 #rp26
Dann geht es an gleicher Stelle weiter mit dem von Geraldine de Bastion moderierten Gespräch zwischen Mareice Kaiser und Hanno Sauer, die anhand ihrer beiden aktuellen Bücher über Klassismus diskutieren – sie von unten und er von oben. Ziemlich schnell übernimmt Mareice dann aber die Regie, führt Hanno regelrecht vor und holt dann unabgesprochen eine Küchenkraft aus der Charité auf die Bühne, die dem feinen Herrn Professor mal erklärt, wie das Leben in der Unterschicht wirklich ist und auch dem geneigten und faszinierten Publikum wieder seine Privilegien vorführt. Großes Kino, unbedingt nachschauen!
ruhrbarone.de: Das gute, alte Internet war kein Bällebad
schlecht gelaunt, stefan laurin im deepstate-modus:
Mir persönlich wäre es egal, welches Angebot, für das ich bezahlen muss, ohne es zu nutzen, ich mit meinen Zwangsgebühren finanziere. Das Geld wird sowieso abgebucht.
„Ohne uns wären die schon längst pleite“, sagte eine prominente WDR-Führungskraft einem Freund von mir, der ihn am Montag darauf ansprach, warum die öffentlich-rechtlichen Sender auf der re:publica so präsent seien. Ob das stimmt oder nur Anstaltshybris war, kann ich nicht beurteilen.
[…]
Woran es allerdings zurzeit noch nicht mangelt, ist Geld für NGOs, und auch die Anstaltsfinanzierung ist gesichert. Wer diesen Weg gehen will, muss sich auch keine Gedanken um die Nutzer machen; es reicht, in der Politik gut vernetzt zu sein.
frauklugscheisser.de: Never Gonna Give You Up
In der Retrospektive nehme ich sehr viele Impulse wahr. Solche, die von aussen kamen und die von mir selbst. Noch weiß ich nichts über eine Form, bin mir aber sicher, dass es sich finden wird. Der Impuls zum Widerstand, zum Anderssein und emotionale Sensibilität sind nämlich, wie ich bestätigt bekam, keine Antagonisten, sondern können sich sehr gut befruchten. Und so bin ich wieder auf der Suche nach Neuland für Kopf und Seele. Wie sehr viele Andere da draussen auch. Denn so viele auf der re:publica Anwesende können kein Zufall sein. Wir brauchen uns nur gegenseitig zu erkennen und stützen. Die Richtung gemeinsamer Bewegung ergibt eine Welle, mit der wir zukünftig auch größere Boote schaukeln können.
Aber ich hörte nichts, ich sah nichts, der kleine Bereich vor dem „Energiemobil“ war hoffnungslos überfüllt. Warum gibt man einem Felix Schwenzel keine ordentliche Bühne? Das ist doch keine Neuigkeit, dass viele Republicaner:innen ihn sehen wollen!
blog.franziskript.de: Mythos Blogosphäre: Was mir noch durch den Kopf geht
solche texte sind der grund warum ich ein fanboy von franziska bluhm bin. zurückgelehnt, entspannt und auf den punkt klug.
9. Was uns alle verband: die Liebe zum geschriebenen Wort.
Am Ende bleibt das. Wir haben geschrieben, weil wir schreiben wollten. Weil Sprache uns etwas bedeutet hat. Das Schöne: Es gibt immer noch Menschen, denen das etwas bedeutet. Inmitten von KI-Texten, algorithmischen Feeds und kurzlebigen Trends sehnen sich Menschen nach Stimmen, die echt klingen. Nach Texten, die jemanden verraten. Nach Sprache, die nicht optimiert ist – sondern gemeint.
Es war eine tolle re:publica 2026.
Ich habe nichts zu meckern.
Vielleicht etwas mehr Garten. Mehr Kinder. Mehr Jugendliche. Mehr Kinder. Wo waren die alle? Mehr Sessions mit Spaß und Infotainment, besonders am Abend (lustige TikToks mit Kommentar schauen würde schon reichen. Katzencontent. Quiz.). Witze vorlesen und nicht lachen. Mehr Videospielkonsolen, Computerspielemuseum. Mehr Foto-Spots, auch für die Jugendlichen. Alle sicheren Memes und Dinger, die im echten Raum stattfinden, und uns Internet unterhalten. Es braucht mehr Spaß. Kein Krawall und Remidemmi, Lachen reicht.
Felix Schwenzel in diesem kleinen Energie Auto im Garten.
Leider habe ich nichts verstanden aber draußen in der Sonne zu sitzen tat für die paar Minuten auch ganz gut.
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vorspeisenplatte.de: Journal Dienstag, 19. Mai 2026 – Berlin 6: 2. Tag re:publica plus Ausstellung
Außerdem kann ich jetzt nachvollziehen, warum Pianist Igor Levit ein so gefragter Diskussionsteilnehmer ist: Er formuliert nicht nur zuhörenswert, sondern stellt auch kluge Bezüge her.
ich verlasse die #rp26 sehr gut gelaunt nach arne semsrotts fantastischen, hoffnungsfroh stimmenden vortrag. das war der doppelpunkt auf das eigentliche republica-motto dieses jahr: re:hoffnung
arne semsrott ist auch schon auf youtube …
beim morgenspaziergang vom bussard überflogen worden und ihm dann kurz nachgestiegen.
faszinierend, diesen tweet hat lord caramac the clueless am 19.05.2011 geschrieben und jetzt wurde er ausversehen auf mastodon veröffentlicht.
etwas müde, aber relativ früh wieder auf dem republica-gelände aufgeschlagen und einen (halben) burrito mit „soja hackbällchen“ gefrühstückt. das war sättigend und lecker. den füllreis im burrito hätten sie aber weglassen können. als erste aktion des tages habe ich mir eine session am energiemobil angesehen um zu gucken, wie die bühne funktioniert. sebastian jünemann und ruben neugebauer hatten etwas probleme ihre präsentation zum laufen zu bringen und als sie dann lief, setze der ton gelegentlich aus. man konnte auch nicht besonders viel von der präsentation erkennen, was am hellen sonnenlicht und der etwas kleinteiligen präsentation lag. aber ich sah, dass ich mit dem setup wohl zurecht kommen würde, dass wohl so um die 60 bis 70 leute zuschauen können und dass die sonne einem ordentlich auf die birne knallte.
weiter zu anna lembke, die über Dopamine Nation: Finding Balance in the Age of Indulgence. den ersten teil fand ich faszinierend und ich glaube auch etwas gelernt zu haben, wie dopamin ungleichgewichte und toleranzen/desensibilisierung entstehen. anna lembke erklärte das typisch amerikanisch: nachvollziehbar, in einfacher sprache, aber präzise. sie schaffte es mich davon zu überzeugen, dass es tatsächlich nachweisbare abhängigkeiten gibt, bei allem was dopamin ausschüttet. ich formulierte bereits innerlich während des vortrags widerspruch um der absehbaren schlussfolgerung soziale medien machen süchtig zu widersprechen: dann müssten bücher und lesen ja auch abhängig machen. als hätte sie meine gedanken gelesen, erzählte sie von ihrer eigenen abhängigkeit von schundromanen. das war zwar etwas länglich, aber genauso gut nachvollziehbar wie ihre wissenschaftlichen herleitungen vorher. trotzdem fand ich dann ihre schlussfolgerungen einen ticken zu undifferenziert, bzw. mir schien, als würde der vortrag unsere anfälligkeit gegenüber süchtig machenden mustern sehr überzeugend erklären, die fähigkeit vieler menschen zur selbstregulation aber etwas unterbetonen.
als ich zum beispiel vor einer weile merkte, dass ich eine signifikante zeit mit dem durchscrollen von instagram reels verbrachte, wurde mir das schlagartig zu doof und spare mir instagram seitdem grösstenteils.
sobald ich das gefühl habe bei irgendwas die kontrolle zu verlieren, fahre ich die ausübung dieser tätigkeit sofort zurück. wobei ich sagen muss, beim konsum von zucker ist mir das in den letzten 30 jahren nicht gut gelungen, da musste ich erstmal ein paar wochen ozempic nehmen um den konsum von zucker zurückzufahren. so gesehen ist es wohl tatsächlich so wie anna lembke sagt dass dopamin-sucht uns alle erwischen kann. aber so wie mir die dark pattern der social media firmen zu doof sind um sie mitzuspielen, hat mein teenager-neffe sich vor ein paar jahren dazu entschlossen, dass ihm das reinschaufeln von zucker zu doof ist und damit einfach aufgehört, ohne ozemnpic, therapie oder elterliche verbote.
mit anderen worten, die vorhandenen resilienz-potenziale und sucht-gegenstrategien, die es ja offensichtlich gibt, schienen mir in anna lembke’s vortrag zu kurz zu kommen. trotzdem gerne gesehen.
das panel mit ricarda lang und philipp amthor (und vincent g und wulf schmiese) führte auf stage 2 wieder zu „saal ist voll, wir schliessen die türen“. ich bin völlig unfähig mir eine meinung zum auf der bühne gesagten zu bilden weil irgendwie alle recht hatten. was ich auch nicht in meinen kopf kriege ist die selbstverständlichkeit und professioanlität, mit der philipp amthor den habitus und die rhetorik eines politikers spielt und man ihm das dann auch noch abnimmt. irgendwie erinnert mich philipp amthor an milli vanilli. nicht wegen der publikumstäuschung, sondern wegen dieses gefühls, einer sehr sorgfältig komponierten figur zuzusehen: talent, professionalität, kalkulation und ein erstaunlich platter remix aus vertrauten politikergesten.
bei quinn slobodian und seinem vortrag Godwin’s Engine: Muskism and the Automation of Consent hab ich auch einiges dazugelernt. ich würde gerne sagen, das war ein guter vortrag, aber dass ich währende des vortrags mehrfach sekundenschläfchen gemacht habe, untergräbt meine glaubwürdigkeit. die sekundenschläfchen haben aber wahrscheinlich nichts mit quinn slobodian zu gehabt, sondern weil ich etwas viel sonne abbekommen habe. nachdem ich später für eine weile an der frischen luft sass, im lichtdurchfluteten, aber schattigen vorderen innenhof der station, war ich wieder re:bootet.
nachdem alex sich gestern vorbildlich selbst kritisiert hat, kann ich meinen vortrag, bzw. die vortragsweise, hier auch kurz selbst kritisieren. ich war etwas überfordert vom handmikrofon und der mund-hand-koordination, die so ein ding erfordert. auch mit der ungewohnten tisch- statt pultsituation kam ich schlechter zurecht als von mir selbst erwartet. und ich konnte mich weniger von meinen notizen (eigentlich: volltext) lösen, als ich es mir erhofft und eingeübt hatte. dankenswerterweise wurde mir aber mehrfach zurückgespiegelt, dass meine unsicherheit und leichte überforderung offenbar weniger ins gewicht fielen als in meiner eigenen wahrnehmung.
alex matzkeits selbstkritik teile ich übrigens nicht. ich fand seine moderation sehr gut: strukturiert, vorbereitet und vor allem neugierig. seine fragen haben einiges freigelegt, was unter dem staub der zeit lag. dadurch wurde das panel nicht nur angenehm flauschig, sondern auch erkenntnisreich. alle gingen gut unterhalten und ein bisschen klüger wieder raus. und daraus leite ich vorsichtig die hoffnung ab, dass meine eigene unzufriedenheit mit meinem auftritt in der fremdwahrnehmung vielleicht ebenfalls weniger gross ausfiel.
kurz gesagt: anstrengender, aber wieder ein sehr schöner tag.
(vortrag auf der republica am 19.05.2026)
die titel meiner republica-sessions sind ja oft (mittel) steile thesen, aber ich glaube, zu behaupten, die welt sei scheisse, ist keine steile these. ich gehe davon aus, dass die meisten menschen die welt irgendwie scheisse finden oder zumindest der ansicht sind, dass die welt aus den fugen ist.
katia, meine frau, stimmt dem ersten teil des titels voll und ganz zu. zum zweiten teil meinte sie, da hätte ich mir ziemlich viel vorgenommen. warum soll das denn gut so sein? es sei doch offensichtlich, dass es schon lange — oder noch nie — so schlimm gewesen sei wie jetzt.
für den fall, dass ich höre: „es ist noch niee so schlimm gewesen“ hab ich immer dieses bild dabei.
ich sag dann immer: „1933, pocken, pest, kuba, hiroshima, 9/11 — oder frag mal die dinosaurier …“
oder — muss man sich mal vorstellen, noch vor 2000 jahren hat man leute ans holz genagelt, nur weil sie sagten, wie schön es doch wäre, wenn die menschen zur abwechslung mal nett zueinander wären.
wenn ich frida, unseren pudel, fragen würde, was sie von der welt hält, würde sie möglicherweise sagen:
die welt ist gut so.
hunde nehmen die welt, wie sie ist, und halten sich mit urteilen und bewertungen zurück.
apropos scheisse, ist euch schon mal aufgefallen, dass hunde gerne an scheisse riechen?
sie haben die fähigkeit scheisse nicht eklig zu finden und können die interessanz und komplexität von scheisse erkennen.
hunde können scheisse differenzieren!
das hunde sich mit urteilen über die welt zurückhalten, kann daran liegen dass sie differenzieren oder daran, dass sie keine nachrichten verfolgen oder dass sie sehr langsam denken.
dass hunde nicht urteilen und bewerten, ist wahrscheinlich der hauptgrund dafür, dass sie so beliebt sind.
für uns menschen ist es sehr wohltuend, nicht bewertet oder beurteilt zu werden.
hunde nehmen das leben, wie es ist — und uns wie wir sind.
eigentlich kann ich jetzt schon das erste zwischenfazit ziehen: wenn man seine beliebtheit steigern will — einfach mal das urteilen lassen.
als ich frida vor einer weile mal mit ins büro genommen habe, ist mir noch etwas anderes aufgefallen. wir sassen in einer besprechung und frida war etwas unruhig. ich sagte ihr: „frida, entspann dich.“
meine kollegin sue erinnerte mich daran, dass sowas noch nie bei einer frau funktioniert habe. in der tat kann man wohl behaupten, dass sowas noch nie bei irgendwem funktioniert hat.
emotionen, erwartungshaltungen, unzufriedenheiten lassen sich nicht per imperativ oder kommando abschalten.
andererseits lag frida zwei minuten später ausgestreckt und entspannt auf dem boden und schlief.
der witz an der geschichte ist, dass zwei dinge zugleich wahr sein können und beide aus guten gründen.
alles ist immer komplizierter, als man denkt, und man kennt nie alle hintergründe — zum beispiel, ob frida und ich das trainiert haben.
dass dinge sich nicht immer eindeutig beurteilen lassen, kann man auch gut mit einer geschichte illustrieren, die der religionsphilosoph alan watts gern erzählte.
in der geschichte läuft einem bauern sein pferd davon. die nachbarn sagen: wie schade, das ist wirklich ein grosses unglück. er sagt: „vielleicht“.
am nächsten tag kommt das pferd zurück und bringt sieben wildpferde mit. jetzt sagen die nachbarn: „oh, was für ein glück! was für eine grossartige wendung der ereignisse“, er sagt: „vielleicht“.
am nächsten tag versuchte sein sohn, eines dieser wildpferde zuzureiten. er wurde abgeworfen und brach sich ein bein. und alle sagten: „oje, das ist ja schrecklich, was für ein pech!“ und der bauer sagte: „vielleicht“
am darauffolgenden tag kamen offiziere der armee vorbei, um junge männer für den krieg einzuziehen. sie lehnten den sohn ab, weil er ein gebrochenes bein hatte. und alle leute kamen herbei und riefen: „ist das nicht grossartig! was für ein glück du hast!“ und der bauer sagte: „vielleicht“
watts wollte damit nicht nur gleichmut illustrieren, sondern auch zeigen, dass man nie genau wissen kann, ob etwas wirklich gut oder schlecht ist. und das nicht im moralischen sinn, sondern erkenntnistheoretisch. so wie sokrates sagte:
Ich weiß, dass ich nichts weiß.
als ich die geschichte vom bauern vor ein paar monaten bei konstantin fand, schrieb konstantin unter die geschichte:
Ich wünschte ich würde mehr von dieser Haltung an den Tag legen.
ich glaube, das ist gar nicht mal so schwer, „mehr von dieser haltung“ an den tag zu legen. diese haltung nennt man in der psychologie auch ambiguitätstoleranz.
ambiguitätstoleranz ist die fähigkeit, mit unsicherheit, widersprüchlichen informationen und komplexen situationen umzugehen, ohne in panik zu geraten oder voreilige schlüsse zu ziehen.
diese haltung ist sozusagen ein werkzeug, das uns hilft, handlungsfähig zu bleiben, ohne die nerven zu verlieren.
forrest gump hat sein leben danach ausgerichtet. was für den bauern das „vielleicht“ war, ist für forest gump die weisheit, die ihm seine mutter beigebracht hat:
Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen.
Man weiß nie, was man kriegt.
oder, wenn wir uns forrest gump als einen kölner vorstellen, wird’s noch deutlicher:
et kütt, wie et kütt.
wir alle ahnen, dass sich das leben nicht immer unserem willen beugt, dass das leben immer überraschungen bereithält.
aber forrest gump, die kölner und der bauer haben begriffen, dass es sich nicht lohnt, SICH ÜBER JEDEN SCHEISS AUFZUREGEN.
wir neigen ja dazu, vermeintlich einfach gestrickten leuten wie forrest gump oder den kölnern naivität, scheuklappen oder eine eher eindimensionale weltsicht anzudichten.
aber eigentlich ist es umgekehrt. vielleicht ist es einfältig zu glauben, dass wir schon wissen, welche pralinen die guten sind — und dass wir sie bekommen sollten.
diese einfalt verleitet uns dazu, zu glauben, dass wir die welt mit patentrezepten oder dem vermeintlich gesunden menschenverstand in den griff bekommen.
wir denken oft: wir müssen uns nur genug anstrengen, genug geld verdienen, um dann vom leben mit glück, erfolg und zufriedenheit belohnt zu werden.
forrest gump ist ein naturtalent im selbstregulierenden erwartungsmanagement. er zeigt uns, dass es möglich ist, das glück im unglück zu finden.
und dass man nicht das hellste licht am tisch sein muss, um zu begreifen, dass glück und unglück zusammengehören, sadness und joy, vielleicht sogar einander bedingen.
wenn wir die pralinenschachtel ohne überhöhte erwartungen öffnen, kann das der erste schritt dahin sein, mehr von der haltung des bauern an den tag zu legen.
erwartungsmanagment, gleichmut — sind die ersten schritte dahin, nicht ständig vom leben enttäuscht zu sein.
nur mal so als beispiel: wenn friedrich merz sein erwartungsmanagment in den griff bekäme, wäre er vielleicht irgendwann nicht mehr enttäuscht von deutschland, der deutschen arbeitsmoral und gemeinheiten gegen ihn.
zu glauben, dass leistung allein zu glück und einem funktionierenden gemeinwesen führt — das ist ja irgendwie auf eine art ne konservative büllerbü-ponyhof-utopie.
mark manson hat ein buch mit dem grandiosen titel „the subtle art of not giving a fuck“ geschrieben. auch wenn die eher derbe ausdrucksweise das suggeriert, argumentiert und plädiert er nicht für gleichgültigkeit, sondern, genau wie forrest gump und alan watts, für gleichmut und eine entspannte herangehensweise ans leben, egal ob’s gerade gut läuft oder weniger gut.
in seinem buch (und diesem video) hat manson ein paar prinzipien von alan watts zu einem umkehr-prinzip verdichtet.
alan watts backwards law according to mark manson
- the more you chase a positive emotion, that chasing in and of itself is a negative experience.
- the more you accept a negative experience, the more that acceptance itself is a positive experience.
er sagt: je mehr wir dem glück hinterherlaufen, je mehr wir das glück suchen, uns selbst optimieren, besser werden wollen, desto frustrierter, unglücklicher sind wir am ende. schon das (glücks-) streben selbst macht uns unglücklich.
wenn wir dagegen negative erlebnisse akzeptieren und damit umgehen, hat allein diese akzeptanz eine befriedigende, positive wirkung auf uns.
das wirkt auf den ersten blick paradox oder eben falsch herum, aber wenn man es genau bedenkt, sieht man, dass wir bestimmte ziele nicht allein durch willen, fleiss oder zielstrebigkeit erreichen können.
unsere intuition, was gut für uns sei, täuscht uns ständig.
wenn wir z.b. versuchen, zeit zu sparen, rinnt sie uns noch schneller durch die finger. wenn wir unsere zeit dagegen etwas widmen, jemandem zeit schenken, zeit verbringen mit dingen, für die wir eine echte leidenschaft haben, dann bleibt die zeit. dann speichern wir erinnerungen.
oder wenn wir versuchen „liebe zu finden“, haben wir es auch oft falschherrum. das mit der liebe funktioniert viel besser, wenn wir liebe geben, statt sie zu suchen.
(dazu hab ich mal nen ganzen vortrag gehalten.)
wo wir uns auch oft täuschen: der versuch andere zu beeindrucken hilft so gut wie nie gegen selbstzweifel oder mangel an selbstbewusstsein.
ich muss dazu einen kurzen exkurs, einen kleinen schwenker machen …
wenn es etwas gibt, was ich meinem jugendlichen ich gerne sagen würde, dann wäre es erstens: „mein gott, bin ich froh nicht mehr jung zu sein und deine probleme zu haben!“
und zweitens: du bist keine schneeflocke, du bist nicht einmalig. du bist mit deinen problemen und ängsten nichts besonderes, im gegenteil. wir haben alle die gleichen probleme, ängste und unsicherheiten — nur die farbe und der kontrast unterscheidet sich gelegentlich.
wenn man das versteht, lässt das bedürfnis leute zu beeindrucken oder grosskotzig aufzutreten, um eigene unsicherheiten zu kaschieren, schlagartig nach.
was erstaunlich gut funktioniert, ist eine gewisse egalness (oder gleichmut oder not giving a fuck). diese egalness ist gelegentlich ein geschenk des alters, manchmal aber auch nicht. manchen menschen ist auch im alter nix egal.
und noch ein exkurs: ich bin denkbar ungeeignet hier zu stehen und zu behaupten geld macht nicht glücklich.
ich bin mit dem privileg aufgewachsen, immer genug geld zu haben. zwar hatten meine eltern immer geldsorgen, aber irgendwie war auch immer ausreichend da.
ich habe viele sorgen und ängste meiner eltern übernommen — aber die nicht. sorgen um geld hatte ich nie. da war ich wie forrest gump, meine konten waren für mich immer wie pralinenschachteln: ich wusste nie, was drin ist.
diese egalness gegenüber geld könnte an meiner privilegierten kindheit und jugend liegen, genetisch bedingt sein oder ein psychischer defekt sein, das glaubt zumindest katia, meine frau, insbesondere nachdem sie vor ein paar tagen in meinen alten kisten dutzende, zwanzig jahre alte, ungeöffnete briefe vom finanzamt fand — die mit den roten, grünen und gelben briefumschlägen.
deshalb bin ich wohl ungeeignet, hier zu stehen und zu behaupten, dass die intuition trügt, wenn wir glauben — dass wir möglichst viel geld verdienen müssen, um glücklich zu sein.
oder zu behaupten: je mehr geld man hat, desto grösser die angst, es zu verlieren.
weil: was weiss ich denn schon?
ich weiss allerdings, dass es eigenartig wirken könnte als privilegierter, alter, weisser mann — oder als jüngerer weisser mann wie mark manson — ein paar psychotricks vorzuschlagen, um das elend der welt erträglicher zu machen.
und es stimmt wahrscheinlich, dass armut, strukturelle ungerechtigkeit, benachteiligung, machtmissbrauch, rassismus sich nicht allein durch modifikation der eigenen haltung ändern lassen, vor allem wenn man selbst von ihnen betroffen ist.
aber — und das ist zumindest meine arbeitshypothese — um strukturen, die gesellschaft oder die gesellschaftliche haltung zu verändern, müssen wir uns erstmal selbst reparieren und handlungsfähig machen.
wir lassen uns als gesellschaft — aber auch als einzelne — von problemen lähmen. das doofe ist, dass ungelöste probleme kleben.
je mehr wir versuchen, problemen aus dem weg zu gehen, desto mehr bestimmen sie das leben.
es gibt ja die schöne figur von michael ende vom scheinriesen.
je näher man einem scheinriesen kommt, desto kleiner wird er. dinge, die bedrohlich erscheinen, wirken dann plötzlich aus der nähe harmlos.
analog dazu gibt’s auch scheinglück. wenn man ständig nur dem glück hinterherläuft und vor negativen gefühlen wegläuft und sie nicht konfrontiert, wirkt der frust mit zunehmender distanz immer grösser und bedrohlicher. das gilt möglicherweise für alle probleme, vor denen man wegläuft.
mein held und der meister der glücksfindung durch loslassen — ist hans im glück.
ich habe hier vor acht jahren mal dafür plädiert, dass wir uns hans im glück nicht als jemanden vorstellen sollten, der durch schlechte tauschgeschäfte alles verloren hat.
im gegenteil: hans im glück kümmert sich nicht um gesellschaftlich konstruierte werte.
er befreit sich schritt für schritt von allem, was ihm als last erscheint, zuerst das gold, dann das pferd, die kuh und am ende den schleifstein. am ende fühlt er sich leicht, frei und glücklich.
nicht hans ist der dumme, sondern wir, weil es uns so schwer fällt, glück jenseits von leistungslogik und besitz zu erkennen.
hans hat erkannt, dass man durch loslassen das glück besser greifen kann.
oder nochmal anders gesagt: bestimmte dinge
lassen sich nicht direkt herstellen, sondern sind nebenprodukte. nebenprodukte vom loslassen, von gleichmut, von optimismus im angesicht von schwierigkeiten.
oder wie mark manson sagt: not giving a fuck.
statt dem glück hinterherzulaufen, ist es ergiebiger, sich dem scheiss, den problemen, die uns die welt in den weg legt, wie einem scheinriesen zu nähern: optimistisch, dass die probleme aus der nähe handhabbar und lösbar erscheinen.
wenn man das negative als teil des lebens, als bedingung für das positive akzeptiert, wirkt die scheisse, die einem die welt entgegenwirft, plötzlich — vielleicht — wie scheinscheisse.
dirk von gehlen hat vor ein paar monaten einen tedx-talk gehalten, in dem er (sinngemäss) behauptet: „Ohne Optimismus funktioniert Demokratie nicht.“
ich erwähne das auch nur, damit ihr nicht denkt, dass ich der einzige quatschkopf bin, der angesichts der aktuellen politischen lage für optimismus plädiert.
die begründung, warum das so ist, will ich etwas anders als dirk von gehlen herleiten. und zwar mit einer idee, die j. m. barrie schon 1904 in peter pan formuliert hat, und mit einer leichten umdefinition von optimismus.
barrie schrieb in peter pan:
jedes mal, wenn ein kind sagt „ich glaube nicht an feen“, stirbt irgendwo eine fee.
der satz impliziert, dass aufmerksamkeit und emotionale bindung etwas — oder jemanden — mit bedeutung und macht aufladen können — und dass bedeutung und macht vergehen, wenn der glaube daran schwindet.
je mehr menschen etwas bedeutung geben, desto realer und mächtiger wird es.
wenn sich das zu abstrakt anhört, oder zu märchenhaft: so wie feen nur existieren weil kinder dran glauben, kann geld nur funktionieren (und eine unheimliche macht ausüben), weil wir alle dran glauben. geld kann genau wie feen sterben, wenn wir aufhören dran zu glauben. das haben wir in der weimarer republik gesehen oder kürzlich in venezuela.
nationalstaaten, der weihnachtsmann, mode, trends, hollywoodstars oder sowas wie „nächstenliebe" — alles kollektive glaubensakte.
das ist aber auch der grund, warum donald trump dort steht, wo er (momentan) noch steht.
so wie die grauen männer in momo den menschen die zeit stehlen, indem sie sie davon überzeugen, zeit zu sparen — genauso stiehlt donald trump unsere aufmerksamkeit und konvertiert sie in macht — und das in solch einem kolossalen ausmass, dass wir es noch nicht mal merken, dass es unsere aufmerksamkeit ist, die ihn nährt.
zurückhaltung beim vorschnellen urteilen, loslassen, gleichmut, not giving a fuck — das ist, vereinfacht, nichts anderes als gefühlsregulation. und — vielleicht — auch ein weg zu einer etwas realistischeren wahrnehmung der welt.
wir machen uns gerne über kinder lustig, weil die ihre gefühle nicht im griff haben. die kinderpsychologin becky kennedy erklärt, warum kinder so emotional auf alles reagieren.
kids are born with all of the emotions and none of the skills.
kinder werden mit allen gefühlen geboren, aber keinem einziges werkzeug um damit umzugehen.
erwachsen werden bedeutet diese fähigkeit nach und nach zu lernen — oder beigebracht zu bekommen — oder werkzeuge dafür zu sammeln.
im internet werden wir allerdings fast täglich zeuge davon, dass viele, sehr viele erwachsene, gefühlsregulation nicht mal im ansatz meistern und sich mehr oder weniger wie kinder am quengelregal aufführen.
populisten wissen das zu nutzen.
ihr geschäftsmodell ist emotionale überforderung: sie peitschen emotionen auf, sie vereinfachen, spalten, verbreiten alarmismus — und bieten dafür das gefühl von klarheit. das funktioniert genau dann besonders gut, wenn wir nicht gelernt haben, mit uneindeutigkeit umzugehen.
ein gegenmittel ist die fähigkeit, innezuhalten, bevor man urteilt — und zu akzeptieren, dass manche dinge komplizierter sind, als sie im ersten moment erscheinen.
populisten hassen ambiguität und differenzierung. deshalb hassen sie kunst und nennen sie entartet, wenn sie vieldeutig ist.
propaganda ist niemals vieldeutig, hat keine metaebenen. alles ist klar und eindeutig.
wo war ich? ich wollte ja über feen reden.
während das mit den feen bei barrie wie ein märchen klingt — feen, die sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt — ist das mit der demokratie, solidarität, versöhnung, menschlichkeit ganz konkret: wenn niemand daran glaubt, dass sie funktionieren, dann sterben sie.
wir retten die demokratie nicht allein mit einer rosaroten brille oder indem wir uns zu mehr gleichmut stupsen oder nudgen, aber es würde möglicherweise schon helfen, wenn wir aufhörten zu glauben, dass das eh alles nichts bringt, alles immer nur schlimmer wird und man eh nichts ändern kann.
demokratie — und optimismus — leben davon, dass wir glauben
ich plädiere eben nicht für eine rosarote brille, sondern dafür, dass wir die schwarzmalerische brille abnehmen.
es geht auch nicht darum, die rote oder blaue pille zu wählen, sondern darum, uns den blick auf die möglichkeiten nicht durch vorschnelles urteilen zu verstellen.
wir müssen die welt nicht so sehen, als wäre schrödinger’s katze immer tot. sobald wir uns eine bessere zukunft vorstellen können, kann diese zukunft potenziell entstehen.
das ist der entscheidende punkt, dass wir lernen und erkennen, dass die welt weder schlecht noch gut ist.
sie ist erstmal reines potenzial.
sie ist das, was wir in ihr für möglich halten.
(und) sie wird das, was wir glauben, was sie sein könnte.
oder mit weniger pathos:
wie wir die welt sehen, ist nicht egal.
pessimisten und populisten sagen: das glas ist halb leer.
aber optimismus ist nicht zu sagen: „das glas ist halb voll“.
optimismus ist die überzeugung, dass man das glas auffüllen kann.
diese optimismus-definition erklärt übrigens auch die offene frage, warum es denn jetzt gut sei, dass die welt scheisse ist.
ein volles glas kann man nicht auffüllen.
das schlechte sehen und an das gute glauben.
die welt ist scheisse — das ist nicht egal und auch nicht wirklich gut — aber das ist so gedacht.
it’s not a bug, it’s a feature
sehr schöner, langer tag auf der republica. ich glaube, ich war noch nie so früh auf einer republica. keine ahnung warum. vielleicht weil ich dachte, ich könne dort frühstücken.
ich glaube auch, einen ticken mehr leute als sonst getroffen und gesprochen zu haben als sonst.
die sessions, die ich heute gesehen habe, haben mich nicht umgeworfen, aber ein paar überraschende momente gab’s doch. luisa neubauer ist zum beispiel ein rhetorisches schwungrad. sie fängt langsam und zögerlich an zu sprechen, aber dann kommt sie in schwung und noch mehr schwung und schleudert überraschend gute worte ins publikum. sehr beeindruckend. auch cory doctorow schien beflügelt. während seine letzten talks auf der republica wie gelangweilte vorlesungen auf mich wirkten, wirkte er heute wie ausgewechselt, ein feuerwerk der guten laune.
man kann seinen 45-minütigen vortrag mit wenigen sätzen zusammenfassen: 1) kamerad trump und kamerad putin haben in 1-2 jahren so viel für die europäische unabhängigkeit getan, wie er nicht mal im ansatz in seiner 20-30-jährigen aktivisten-tätigkeit erreicht hat. 2) die gesetze gegen das umgehen technischer sperren (DRM, Jailbreak-Schutz usw.) müssen weg, damit die europäer bzw. die länder der welt sich unabhängig(er) von amerikanischer technologie machen können. 3) er sagt „fuck optimism“, nennt sich aber so hoffnungsfroh wie lange nicht mehr. optimismus sei passiv, hoffnung sei aktiv. man könne auch frustriert und verängstigt hoffnung haben, aber optimismus lähme genau wie pessimismus. ich argumentiere morgen um 13 uhr genau gegenteilig und definiere optimismus kurzerhand um. wahrscheinlich weniger wortmächtig und mit weniger intellektueller und semantischer schärfe als doctorow, aber hoffentlich genauso nachvollziehbar.
die bühne am energiemobil fasst auf jeden fall einen guten ticken mehr als 20 leute und ich gehe davon aus, dass es ganz flauschig dort werden könnte.
das von alex matzkeit organisierte panel zur frühen blogosphäre heute abend war auch sehr flauschig und erinnerte mich vor allem daran, was ich alles im laufe der jahre vergessen habe, obwohl es ja theoretisch (fast) alles hier im archiv nachlesbar wäre. der schönste gedanke, den die kaltmamsell mir heute abend wieder in erinnerung rief: wir waren damals, bei unserem ersten grossen treffen, der „blogmich“-party 2005, (fast) alle fanboys und -girls voneinander. und christian buggisch erinnerte uns daran, dass auch wenn relevanz und reichweite firlefanz sind, blogs oder einfach ins internet zu schreiben (egal wo), durchaus inspirierend waren, sind und sein können.
kurz gesagt: ein sehr schöner tag.

















